Israel und Iran am Rande eines Krieges: Das Szenario für höhere Ölpreise und Inflation
(Bild: Natalya Letunova, Unsplash)
Krieg zwischen Israel und Hamas könnte sich zu einem Flächenbrand ausweiten. Direkte Konfrontation mit dem Iran möglich. Drei Szenarien für die ökonomischen Folgen.
Die Welt schaut in diesen Tagen auf die Ereignisse im Nahen Osten. Nach den Terroranschlägen der Hamas auf Israel droht ein neuer Krieg in der Region, dessen wirtschaftliche Folgen auch in Europa und Nordamerika deutlich zu spüren sein dürften.
Dies betrifft vordergründig die Energie- und Warenpreise, wie Bloomberg Economics anhand von drei möglichen Szenarien zeigt. Das Weltwirtschaftswachstum könnte auf 1,7 Prozent sinken, was einen Wohlstandsverlust von einer Billion US-Dollar bedeuten würde. Gleichzeitig könnte der Ölpreis auf 150 US-Dollar pro Barrel steigen, was an den Tankstellen deutlich zu spüren wäre.
Konflikte im Nahen Osten können die ganze Welt erschüttern, da die Region ein wichtiger Energielieferant ist und wichtige Handelsrouten dort verlaufen. Der arabisch-israelische Krieg von 1973, der ein Ölembargo und eine jahrelange Stagflation in den Industrieländern zur Folge hatte, ist dafür ein anschauliches Beispiel.
Heute könnte es die Industrieländer allerdings ungleich härter treffen als damals. Ihre Volkswirtschaften haben sich bislang nicht vollständig von den Verwerfungen der Coronapandemie erholt, sie kämpfen mit hoher Inflation und steigenden Zinsen, die das Wachstum bremsen.
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Zudem hat die Sanktionspolitik der letzten Jahre die Auswahl an alternativen Energiequellen deutlich eingeschränkt. Ein Krieg im Nahen Osten könnte das Angebot an Öl und Gas verknappen und die Preise in die Höhe treiben. Die Folge wäre ein neuer Inflationsschub durch steigende Energiepreise.
Eine israelische Bodenoffensive im Gazastreifen gilt als sehr wahrscheinlich. Im Jahr 2014 war die Entführung und Ermordung von drei Israelis durch die Hamas der Auslöser für den Einmarsch in den Gazastreifen. Diesmal ist die Zahl der Opfer – und der Druck auf die israelische Regierung – deutlich höher.
Im ersten Szenario von Bloomberg Economics bleiben die Feindseligkeiten weitgehend auf den Gazastreifen und Israel beschränkt. Im zweiten Szenario weitet sich der Konflikt auf Nachbarländer wie den Libanon und Syrien aus, in denen sich starke Milizen befinden, die von Teheran unterstützt werden. Damit würde der Konflikt zu einem Stellvertreterkrieg zwischen Israel und dem Iran. Im dritten Fall kommt es zu einer Eskalation und einem direkten militärischen Schlagabtausch zwischen den beiden regionalen Feinden.
Drei Szenarien
Das Ausmaß der wirtschaftlichen Folgen wird wesentlich davon abhängen, ob der Konflikt auf andere Länder des Nahen Ostens übergreift. Die Folgen gehen in allen drei Szenarien in die gleiche Richtung: teureres Öl, höhere Inflation und langsameres Wachstum. Sie unterscheiden sich nur im Ausmaß.
Szenario 1: Auf den Gazastreifen beschränkter Konflikt
Als die israelische Armee 2014 in den Gazastreifen einmarschierte, kamen mehr als 2.000 Menschen ums Leben. Die Kämpfe weiteten sich jedoch nicht über die palästinensischen Gebiete hinaus aus. Die Auswirkungen auf den Ölpreis und die Weltwirtschaft waren begrenzt.
Allerdings könnten die USA die Sanktionen gegen den Iran wieder verschärfen. Die Regierung in Teheran hatte die Ölproduktion in diesem Jahr um bis zu 700.000 Barrel pro Tag erhöht. Auf Druck aus Washington könnten diese wieder vom Markt genommen werden, was nach Schätzungen von Bloomberg Economics zu einem Anstieg des Ölpreises um drei bis vier US-Dollar führen würde.
Die Auswirkungen auf die Weltwirtschaft wären in diesem Szenario minimal, insbesondere wenn Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate den Verlust der iranischen Barrels durch ihre Reservekapazitäten ausgleichen.
Szenario 2: Stellvertreterkrieg
Der Krieg hat bereits das Potenzial, sich auszuweiten. Die schiitische Hisbollah – eine vom Iran unterstützte politische Partei und Miliz, die im Libanon eine wichtige Rolle spielt – hat sich an der Grenze bereits Feuergefechte mit israelischen Streitkräften geliefert. Nach eigenen Angaben traf sie mit Lenkraketen einen israelischen Armeeposten.
Sollte sich der Konflikt auf den Libanon und Syrien ausweiten, wo der Iran ebenfalls bewaffnete Gruppen unterstützt, würde er zu einem Stellvertreterkrieg zwischen dem Iran und Israel – und die wirtschaftlichen Kosten würden steigen.
Während des Krieges zwischen der Hisbollah und Israel im Jahr 2006 stieg der Rohölpreis sprunghaft um fünf US-Dollar pro Barrel. Heute könnte der Ölpreis in diesem Szenario auf rund 94 US-Dollar steigen.
Auch in der weiteren Region könnten die Spannungen zunehmen. Ägypten, Libanon und Tunesien befinden sich in einer Phase der wirtschaftlichen und politischen Stagnation. Israels Reaktion auf den Angriff der Hamas hat bereits Proteste in mehreren Ländern der Region ausgelöst. Unruhen und politische Aufstände wie im Arabischen Frühling sind denkbar.
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Laut Bloomberg Economics würde ein solches Szenario das globale Wachstum im kommenden Jahr um 0,3 Prozent dämpfen. Das entspricht einem Wohlstandsverlust von rund 300 Milliarden US-Dollar.
Höhere Ölpreise würden zudem die globale Inflation um rund 0,2 Prozentpunkte ansteigen lassen – und damit in der Nähe von sechs Prozent halten. Dies würde den Druck auf die Zentralbanken aufrechterhalten, die Geldpolitik auch bei enttäuschendem Wachstum straff zu halten.
Szenario 3: Krieg zwischen Iran und Israel
Ein direkter Konflikt zwischen Iran und Israel ist ein unwahrscheinliches, aber gefährliches Szenario. Er könnte eine weltweite Rezession auslösen. Steigende Ölpreise und ein Einbruch bei Risikoanlagen würden dem Wachstum einen empfindlichen Schlag versetzen und die Inflation eine Stufe höher treiben.
Israel betrachtet die nuklearen Ambitionen des Iran seit Langem als existenzielle Bedrohung. Teherans Bestrebungen, eine Militärallianz mit Russland aufzubauen, die diplomatischen Beziehungen zu Saudi-Arabien wiederherzustellen und die Beziehungen zu den USA zu verbessern, haben die Besorgnis noch verstärkt.
In diesem Szenario besteht die Gefahr eines Konflikts zwischen den militärischen Supermächten. Die USA sind ein enger Verbündeter Israels, China und Russland haben ihre Beziehungen zum Iran vertieft.
Die Ölpreise würden in jedem Fall in die Höhe schnellen. Denn rund ein Fünftel der weltweiten Ölversorgung kommt aus der Golfregion. Bei Bloomberg Economics möchte man nicht ausschließen, dass erneut Ölanlagen in Saudi-Arabien angegriffen werden könnten. Im Jahr 2019 hatten pro-iranische Kämpfer Anlagen von Saudi Aramco angegriffen, wodurch fast die Hälfte der saudischen Produktion ausfiel.
Im Gegensatz zu 1973 würden sich die Ölpreise jedoch nicht vervierfachen. Aber wenn Israel und der Iran einander mit Raketen beschießen, könnte der Ölpreis ähnlich stark steigen wie nach der irakischen Invasion in Kuwait 1990. Ausgehend von einem deutlich höheren Niveau könnte ein solcher Anstieg den Ölpreis auf 150 US-Dollar pro Barrel treiben.
Das Weltwirtschaftswachstum würde dann deutlich geringer ausfallen. Und die globale Inflation würde dann wahrscheinlich bei 6,7 Prozent liegen. Die weiteren wirtschaftlichen Folgen in den Industrieländern sind ungewiss.
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