Irakische Medienwirklichkeiten

Obwohl die US-Truppen bereits in Bagdad stehen, verkündet der irakische Informationsminister im seltsamerweise noch funktionierenden Staatssender unbeirrt permanente Siege und große Verluste bei den Gegnern

All die voreiligen, halbwahren, sich Gerüchten oder Falschmeldungen verdankenden und propagandistisch zuinterpretierten Informationen, die trotz der bislang wohl einmalig umfangreichen Berichterstattung durch Hunderte von Reportern und Fernsehteams in und um den Irak zirkulieren, werden von Pressemitteilungen des irakischen Informationsministers haushoch überragt. Als stünde der Feind nicht schon mitten in Bagdad, verkündet Mohammed Saeed al-Sahaf noch immer die triumphalen Siege der irakischen Armee.

Ein wenig erinnern schon die medialen Wiedergeburten von Saddam Hussein im irakischen Fernsehen, das erstaunlicherweise immer noch geht, an Geisterbeschwörungen (Das Fort-Da-Spiel von Saddam Hussein). Am Freitag erst wurden Bilder von Saddam oder einem seiner Doubles, die es möglicherweise aber gar nicht gibt, gezeigt, wie er in Bagdad manche Zerstörungen besichtigte und von jubelnden Anhängern umringt wurde.

Nachdem in der Zwischenzeit amerikanische Truppen nicht nur den Flughafen eingenommen, sondern Panzerverbände auch in einer Spur der Zerstörung bis ins Zentrum von Bagdad vorgedrungen sind, gab es gestern wieder einmal einen Fernsehauftritt des Diktators mit seinen beiden Söhnen und wichtigen politischen und militärischen Angehörigen des Regimes. Saddam in Uniform, lächelnd, eine Zigarre lässig in der Hand, an einem großen Tisch in einem kleinen Raum, vielleicht in einem seiner Bunker. Möglicherweise aber auch ein Film aus der Zeit vor dem Krieg.

Während Saddam gespensterhaft in der primären Wirklichkeit des Medienzeitalters zu erscheint und wieder verschwindet, so war dies vermutlich auch seine primäre Existenz für die meisten Iraker. Der zu Recht um seine Sicherheit besorgte Diktator tauchte kaum je in der Öffentlichkeit auf, führte ein Leben im Geheimen, reiste nicht ins Ausland und traf sich nur gelegentlich mit ausländischen Besuchern oder Journalisten, wobei aber stets die Möglichkeit erwogen wurde, dass diese dann nicht Saddam selbst, sondern einen Double begegnet sind.

Aber das macht in einer Diktatur, in der der Herrscher, der um sein Leben fürchtet und daher "zurückgezogen" lebt, zum Gegenstand eines überall in Form von Bildern, Statuen, Büchern und Fernsehbildern vorhandenen Persönlichkeitskults wird, auch praktisch keinen Unterschied. Totalitäre Regime haben offenbar die Eigenschaft, was Nazideutschland oder die Stalin-Sowjetunion mit Nordkorea oder eben den Irak verbindet, Simulation und Wirklichkeit zu verbinden. Realitätsverlust ist die Folge, die aber solange aufrechterhalten werden kann, wie sich die innere Opposition unterdrücken und äußere Feinde abschrecken oder abwehren lassen.

Noch läuft zwar der Fernseher, doch durch die eroberten Städten scheint mittlerweile ein Bildersturm zu fegen. Die Medien finden an diesem symbolischen, aber vielleicht doch auch eigentlichem Sturz des Regimes entsprechenden Gefallen und zeigen gerne die Bilder und Skulpturen, wie sie von britischen oder amerikanischen Soldaten und/oder von Irakern zerstört oder umgestürzt werden. So wird der Sturz, auch wenn er noch gar nicht ganz erfolgt ist, bereits einmal vorexerziert und die neue Macht im Bilderraum dokumentiert.

Für die irakische Regierung wird der beherrschte Bilderraum immer kleiner. Zwar war das Regime nicht ganz so schlimm wie die Taliban, die alle Medien aus ihrem Reich verbannt hatten, aber die permanente Demonstration der Macht knebelte die Medien. Propaganda und Persönlichkeitskult auf Plakaten oder Gemälden, in Zeitungen oder in Büchern, im Radio oder im Fernsehen mögen zwar die ausgeübte Macht wegen ihrer Omnipräsenz einerseits verstärken, aber das könnte andererseits auch langfristig solche Diktaturen untergraben, weil die Macht nur ein graues Leben in Langeweile zulässt. Nach der Diktatur wird mit der Übergangsregierung sicherlich als eine der ersten Veränderungen neben der humanitären Hilfe und der Wiederherstellung der wichtigen Infrastruktur eine neue Propaganda in den Medien einziehen, aber auch eine Flut an bunten Bildern.

Noch aber hält das irakische Staatsfernsehen eisern an der Illusion fest, dass nicht nur nichts verloren ist, sondern der Sieg über die Invasoren vor der Tür steht. Man muss sicherlich den Befreiungskriegern nicht durchweg Glauben schenken, wenn wieder einmal von Tausenden von toten Gegnern oder davon die Rede ist, dass man Vorfälle von "friendly fire" untersucht oder die Schuld erst einmal von sich weist. Doch die Leistung des irakischen Informationsministers bleiben zweifellos unübertroffen. Ungerührt sitzt er weiterhin vor der Kamera und verkündet, dass all die Meldungen der Amerikaner falsch seien. Vermutlich lebt Saeed al-Sahaf noch in einem falschen Zeitalter, als Nachrichten von Front fast ausschließlich von der Regierung kontrolliert werden konnten und die Menschen im eigenen Land weitgehend abgeschnitten von Informationen waren, die von außen kamen. Doch der Irak ist nicht nur im Krieg zu einer gigantischen Bühne geworden, von der aus allen Ecken von unterschiedlichen Medien berichtet wird, sondern von der es auch Live-Übertragungen gibt. Die Zuschauer außerhalb der Welt zumindest sehen gleichzeitig die Panzer durch Bagdad rollen und den Informationsminister bestreiten, dass sie in Bagdad eingedrungen seien.

Auch den in Bagdad anwesenden Journalisten erzählte er etwa am Samstag in sicherem Ton, wie irakische Soldaten die amerikanischen Truppen am Flughafen "abgeschlachtet" und 500 getötet hätten, dass die "Aggression" scheitern werden und eine Trendwende bereits eingeleitet sei. Saddam Hussein werde nach dem Sieg über die Eindringlinge weiter herrschen. Stets gibt es Meldungen, wie viele Panzer und Flugzeuge zerstört oder wie viele gegnerische Soldaten angeblich getötet wurden. Verluste der eigenen Seite gibt es offiziell nicht, aufgelistet werden dafür die Opfer unter den Zivilisten. Die von ihm angekündigten "innovativen" Überraschungsangriffe blieben bislang aus. Am Sonntag gab der Informationsminister beispielsweise bekannt, dass man den Feind mit Raketen angegriffen habe. 6 Panzer, zwei Apache-Hubschrauber und drei weitere Militärfahrzeuge seien vernichtet, 50 Soldaten getötet worden. Zu sehen war tatsächlich ein zerstörter Abrams-Panzer. Gelogen wird natürlich immer bei den anderen, aber hier unterscheidet er sich eher kaum von der Rhetorik der Angreifer.

Die Wirklichkeit kommt in den Botschaften durch, die an die Soldaten gerichtet sind. So forderte er am Sonntag die Soldaten, die von ihren Einheiten getrennt wurden, auf, sich anderen anzuschließen und mit diesen weiter zu kämpfen. Das deutet darauf hin, dass trotz allem Widerstand, der offenbar noch immer geleistet wird, das Chaos bereits ausgebrochen ist. Saeed al-Sahhaf warnte überdies die Bürger von Bagdad davor, "Lügen" und "Gerüchten" Glauben" zu schenken, und gab ihnen auch einen Tipp, wie sie Wahrheit von Trug unterscheiden sollten: "Öffnet eure Augen und seid aufmerksam, um zwischen Informationen und Falschmeldungen unterscheiden zu können."

Gleichwohl verkündete Saeed al-Sahhaf auch heute noch unbeirrbar, dass es "keine Anwesenheit von amerikanischen Schurken in ganz Bagdad" gebe, während US-Soldaten bereits Präsidentenpaläste durchsuchen: "Sie versuchten mit einer kleinen Zahl von Panzern und Fahrzeugen von Dora einzudringen, aber wir lösten das Problem, indem wir die Meisten gefangen nahmen und den Rest töteten." Bagdad sei sicher, sagte der Informationsminister: "Die Iraker sind Helden." US-Einheiten sollen bereits in die Nähe des Informationsministeriums vorgedrungen sein. Zudem soll am Montag von den amerikanischen Truppen auch eine Saddam-Statue im Zawra Park in Bagdad gesprengt worden sein

Doch al-Sahaf hat eine lange Propagandapraxis. Schon über 30 Jahre, von Anfang an, arbeitete er für das Hussein-Regime und sorgte für die Kommunikation. Zwischenzeitlich war er auch Botschafter im Ausland und acht Jahre lang Außenminister. Ob die Menschen, die ihn im Irak noch sehen oder hören können, seinen Lügen noch Glauben schenken, darf zumindest seit der beginnenden Flucht der Menschen aus Bagdad bezweifelt werden. Wenn nicht nur die Bomben in der Stadt einschlagen, sondern auch Panzer durch die Straßen fahren, haben die Menschen die Widerlegung der dreisten Propaganda direkt vor Augen. Vielleicht mögen manche verbalen Beschimpfungen der Amerikaner als Verbrecher bei den empörten Zuschauern in anderen arabischen Ländern Gehör finden, doch die Diskrepanz zwischen dem Stand der Dinge und dem Behaupteten dürfte gleichzeitig das Ansehen des Regimes untergraben und womöglich eher den Terroristen und Guerillakämpfern zugute kommen, die nach dem Sturz von Hussein die Stimmung gegen die Invasoren ausnutzen könnten.

Alerdings wird auch auf der Gegenseite im Weißen Haus kräftig Propaganda mit Behauptungen gemacht, die man keineswegs alle als bestätigt bezeichnen kann:

" As the vise tightens on the Iraqi regime, some of our enemies have chosen to fill their final days with acts of cowardice and murder. In combat, Saddam's thugs shield themselves with women and children. They have killed Iraqi citizens who welcome coalition troops, and they have forced other Iraqis into battle by threatening to torture or kill their families. They have executed prisoners of war, waged attacks under the white flag of truce, and concealed combat forces in civilian neighborhoods, schools, hospitals and mosques. In this war, the Iraqi regime is terrorizing its own citizens, doing everything possible to maximize Iraqi civilian casualties, and then to exploit the deaths they have caused for propaganda. These are war criminals, and they'll be treated as war criminals." - Präsident Bush in seiner Radioansprache am 5. April

(Florian Rötzer)