Internet statt Tafel und Kreide

Frauen kämpfen für den Neuanfang der Universität Kabul

Die beiden metallenen Kofferkulis im Hamburger Hauptbahnhof hatten viel zu tragen. Neben einigen wenigen persönlichen Habseligkeiten stapelten sich Pappkartons mit Computerdruckern, Laptops aus den Beständen der Bremer Uni, Kinderspielzeug, Rollen mit afghanischen Landkarten, Lernsoftware zum Erwerb englischer Sprachkenntnisse und CD's mit afghanischer Musik auf dem abgenutzten Helferlein der Deutschen Bahn. Die Kabuler Chemieprofessorin Raihana Popalsai und die Verwaltungsangestellte Nazia Hyari von der Universität Kabul waren gerade auf dem Sprung nach Berlin. Auf Einladung des Feministischen Instituts der Heinrich-Böll-Stiftung reisten die beiden Repräsentantinnen des Womens Council der Universität Kabul durch Deutschland, um Kontakte für den Wiederaufbau zu knüpfen.

"Wir haben nichts. Keine Labors, keine Toiletten und keine Heizung," sagt Raihana Popalsai. Sie wirkt mütterlich, entschuldigt sich freundlich für ihre eingerosteten Englischkenntnisse und trägt warme Winterkleidung. "Jetzt ist es besser als unter den Taliban," stellt sie fest. "Es ist besser, weil wir Frauen außerhalb unserer Wohnungen arbeiten können. Die Studentinnen gehen wieder zur Schule und zu ihrer Universität." In der Tat kehren mit der neuen Studentengeneration die Frauen an die Bildungsstätten zurück. Unter den islamistischen Taliban waren ihnen Beruf und Ausbildung verwehrt. Obwohl Frauen und Mädchen rund 70 Prozent der Bevölkerung des Landes ausmachen, sind ihre Rechte hier keinesfalls gesichert.

Zu Beginn des Fastenmonats Ramadan kam es in Kabul zu blutigen Studentenprotesten. Vier Studenten starben im Kugelhagel der afghanischen Polizei. Ihre wütenden Kommilitonen forderten anschließend die Internationale Eingreiftruppe auf, anstelle der Kabuler Polizei für die Sicherheit auf dem Campus zu sorgen. Während des Fastenmonats Ramadan darf aus religiösen Gründen tagsüber nichts gegessen werden. Nachdem es drei Abende hintereinander ebenfalls nichts zu essen gab, eskalierten die Proteste der Studenten gegen ihre schlechten Unterbringungsbedingungen. Die afghanischen Behörden erklärten später, die Polizisten hätten nur in die Luft geschossen. Im übrigen seien die Studenten mehrheitlich Sympathisanten der Taliban und El Kaida. Dem widersprach die Journalistin Dumeetha Luthra vom amerikanischen National Public Radio. Die afghanische Darstellung würde aber auch "ein Element der Wahrheit" enthalten. In einem Beitrag für die Sendereihe "All Things Considered" beschrieb die Journalistin, dass an der Universität Kabul viele Paschtunen studieren, die schon während der Taliban-Zeit in untergeordneten Positionen für das islamistische Regime gearbeitet haben. Diese Leute tragen bis heute Kleidung nach religiösen Vorschriften und weisen jeden westlichen Einfluss als Zeichen des Unglaubens zurück. Als etwa Fernsehgeräte in den Schlafräumen aufgestellt werden sollten, drohten die paschtunischen Studenten mit der Zerstörung der Geräte, falls die Fernseher nicht sofort wieder entfernt werden.

Bitter ist auch der bis jetzt unaufhaltsame Niedergang der einst feinsten Adresse Afghanistans. Die Universität Kabul war in den 50er und 60er Jahren des letzten Jahrhunderts das intellektuelle Zentrum des Landes und dessen ganzer Stolz. Den Campus beherrschten großzügig angelegte Alleen, finanziert mit deutschen Spendengeldern. Die Vereinigten Staaten, Großbritannien und Frankreich sponserten angesehene Fakultäten. Doch die Stimmung änderte sich. Die Westler gingen, die Kommunisten kamen und mit ihnen kam der russische Einfluss auf den Campus und die politische Repression, die sich vor allem gegen Studenten mit maoistischen und islamistischen Ansichten richtete. Als der Krieg zwischen den Mudschaddehin und den sowjetischen Truppen aus den Bergen in die Städte kam, war es um die Universität Kabul vorläufig geschehen. Die Kämpfe zerstörten den Campus. Nur rund ein Drittel der Gebäude stehen noch. Fast 10 Jahre lang gab es kein fließendes Wasser. Noch heute fehlen Telefone, gibt es keine Computer, nicht einmal Papier, und Strom gibt es nur für rund drei Stunden täglich. An den Betrieb eines universitären Rechenzentrums und an Forschungsaktivitäten ist zur Zeit nicht zu denken. Die Lehre findet ausschließlich mit Kreide an der Tafel statt.

Der Wiederaufbau des zerschlagenen afghanischen Bildungswesens erfordert umfangreiche Hilfen, die jetzt organisiert werden. Mitbeteiligt ist die Bremer Informatikprofessorin Heidelinde Schelhowe, spezialisiert auf Lehrerausbildung und digitale Medien. Die Bremerin sieht den Neuanfang in Kabul vor allem als Herausforderung an. Digitale Medien und eine moderne technische Infrastruktur seien von vornherein notwendig, denn ein Scheitern des Wiederaufbaus wäre fatal. Ebenso möchte Heidelinde Schelhowe den afghanischen Frauen den Rücken stärken. Immerhin stellen die Frauen in Kabul rund 2000 der 8000 Studierenden, und auch unter den Professoren gibt es fünfzig Frauen. Heidelinde Schelhowe zieht ein Resümee.

Es gibt einen großen Bedarf an Internetkursen, an Ausbildung. Es sind private Firmen teilweise, die das anbieten. Das ist sehr teuer. Das ist zum Beispiel zu teuer für die Frauen. Das können die sich gar nicht leisten. An der Universität ist es gerade jetzt erst im Aufbau. Jetzt gerade in der letzten Woche hofften sie, den Internetzugang zu kriegen. Dort war bisher kein Internetzugang, weil man muss sich auch vorstellen, dass eben ein Großteil der Gebäude zerstört ist.

Raihana Popalsai und Nazia Hyari vom Womens Council der Universität Kabul hatten Glück. Ihr Deutschlandbesuch führte die beiden Frauen auch für eine Woche an die Bremer Uni und in die Obhut von Heidelinde Schelhowe, die einen Schnellkurs für den Umgang mit modernen Notebooks spendierte. Außerdem stiftete der Fachbereich Informatik zwei Laptops mit englischsprachiger Software. Diese Geräte werteten die beiden Frauen aus Afghanistan als besonders wertvolles Geschenk, das sie mit beiden Armen fest an die Brust drückten.

Für Islamisten ist dies ein dreifacher Affront. Die beiden Frauen reisen ohne Männeraufsicht und ohne Kopftuch im Ausland umher. Sie lassen sich Computer schenken, die unter den Taliban verboten waren. Und sie sprechen über ihre Situation zuhause. Raihana Popalsai tut das sehr vorsichtig und leugnet den Einfluss islamistischer Fundamentalisten. Diese würden nicht an der Universität arbeiten. Von den Studentenprotesten zu Beginn des Fastenmonats Ramadan weiß sie nach ihren Worten nichts. Über dessen Hintergründe schweigt sie - sicher nicht ohne Grund. Dennoch zeigt sie viel Mut.

Wir hoffen darauf, dass sich die Lage weiter verbessert. Wir haben inzwischen viele Angebote für die Frauen. Wir haben viele Kurse, zum Beispiel Englisch-Kurse. Wir helfen den Frauen in Computerkursen und so weiter, in diesem Sinne.

Das Feministische Institut der Heinrich-Böll-Stiftung will die Kontakte nach Afghanistan und zum Womens Council der Universität Kabul weiter pflegen, um den Frauen auch künftig unter die Arme greifen zu können. Das sagt Ulrike Allroggen von der Böll-Stiftung. Die junge Frau hat ihre afghanischen Besucherinnen während ihres Deutschlandaufenthalts begleitet und nicht nur bildungspolitische Treffen organisiert.

Sie sind zum Bauchtanz mitgegangen. Wir sind mit ihnen abends ins Kino gegangen. Wir haben also versucht, ganz normales deutsches Leben irgendwo ein Stück weit zu leben. Und wir haben von ihnen gelernt. Wir haben viel afghanisches Essen kennen gelernt, solche Sachen. Das hat einfach ganz viel damit zu tun, Zeit füreinander zu haben und was voneinander zu erfahren. Also, wir sind dabei, Kontakte in Gang zu bringen und 'nen Interesse auf beiden Seiten einfach anzuregen und zu gucken, was wir daraus im nächsten Jahr machen können.

(Holger Bruns)