Internet-Parasit

Die der Terrororganisation al-Qaida zugeschriebene Website ist für kurze Zeit wieder aufgetaucht

Auch Terroristen sind inzwischen im Umgang mit dem Internet und dessen Möglichkeiten vertraut. Die Mitglieder der von Osama Bin Laden geführten islamischen Terrororganisation al-Qaida, der der Anschlag auf das World Trade Center am 11. September 2001 zugeschrieben wird, machen da sicherlich keine Ausnahme. Nach dem 11. September wurde die Website Alneda.com, die der Terrororganisation von manchen zugeschrieben wird, weil dort unter anderem einige Videos und Mitteilungen veröffentlicht wurden, zunächst von einigen Providern in Malaysia und den USA gehostet, dann aber aufgrund des Inhalts gesperrt. Jetzt war sie kurze Zeit wieder einmal online und ist nach einem Wired-Artikel vom Netz genommen worden.

Nachdem im vergangenen August die Domain von einem im Pornogeschäft tätigen "Hacker" auf skurrile Weise übernommen wurde (Hacker, einsame Helden und Terroristenfallen), begaben sich die Betreiber der Website auch im Internet in den Untergrund. Nach Meinung des Middle East Media Research Institute soll sie das wichtige Mitteilungs- und Propagandaorgan der Vereinigung sein, aber darüber, wie al-Qaida über das Internet kommuniziert, gab es schon viele, meist haltlose Vermutungen. Internet Haganah, eine Vereinigung israelischer und amerikanischer Internetspezialisten, die Websites von muslimischen und terroristischen Gruppen im Internet beobachtet und die Provider unter Druck setzt, aber ebenso einseitig wie das MEMRI ist (Die Online-Miliz), sieht Al Neda gar als wichtigste Website von al-Qaida und als Kommunikationsorgan zwischen den einzelnen Terrorzellen. Das alles sind freilich eher Vermutungen (Wo der Bart der Fanatiker im Netz wuchert) als Tatsachen (Tot oder lebendig - das ist bei Usama bin Ladin die Frage):

Da Internetprovider die Website vermutlich wieder sperren würden, wandert sie seit nunmehr acht Monaten als ein sogenannter Internet-Parasit durchs Web, wie Wired News berichtet: also als Website, die sich auf einer anderen Homepage einnistet, indem dort Dateien heimlich in Unterverzeichnisse hineinkopiert werden, ohne dass der Besitzer davon etwas merkt. Ein Opfer war beispielsweise die private Homepage von Conrado Salas Cano, der an der Portland State University Physik studiert.

Auf seiner Website abgelegte Dateien enthielten angeblich Terroraufrufe gegen die USA, Bauanleitungen für Bomben oder Mitteilungen von Bin Laden. Logfiles von Canos Hoster LiquidWeb, bei dem auch die anderen für die Zwecke von Alneda umfunktionierten Websites herumgeisterten, sollen gezeigt haben, dass die Daten aus Saudi Arabien in die Homepage eingespielt wurden. Gleichwohl hatte das FBI den Vorfall nicht weiter untersucht. Ganz auszuschließen scheint man auch nicht, dass es sich um einen schlecht Scherz handeln könnte.

Offensichtlich hatten die geheimnisvollen Betreiber der Website bei LiquidWeb eine Sicherheitslücke ausnutzen können, die weiterhin zu bestehen scheint. Auch die Website einer Sicherheits-Softwarefirma oder eine Fanseite des Horrorfilm-Regisseurs Clive Barker, dessen Besitzer Matt Rexer sich plötzlich über ein PopUp-Fenster auf seiner Homepage mit einer Mitteilung von "seinem Bruder Osama bin Mohammad bin Laden" konfrontiert sah, wurden letztes Jahr zum Opfer. Nach Meinung von Josh Devon vom Search for International Terrorist Entities Institute (SITE) wandert die Parasiten-Website ständig, weil auch al-Qaida-Gegner die URL mitbekommen und dann schnellstmöglichst den Provider informieren. "Wurde eine versteckte Site entdeckt und geschlossen, war sie 48 Stunden später an einer andere Location wieder online". Wo die neue Website zu finden sei, würde per Mundpropaganda und über arabische Zeitungen verbreitet. "Das entspricht genau der Vorgehensweise, wie al-Qaida auch sonst neue Informationen verbreitet.".

Seit vergangenen Freitag befand sich die Website in arabischer und englischer Sprache in den Unterverzeichnissen des niederländischen Bildungsservers Educa.com und soll dort nach Angaben des Journalisten Jeremy Reynalds erstmals auch aktuelle Statements zum Irak-Krieg enthalten haben. Seit Montag Nachmittag ist die Educa-Website, die auch von LiquidWeb gehostet wird, vermutlich wegen des Wired-Artikels "under construction". (Andreas Grote)