Inflationsbekämpfung funktioniert: Sie sinkt in den USA deutlich

Durch die aggressive Geldpolitik der US-Notenbank wurde die Inflation auf 7,7 Prozent gesenkt, während sich in Europa die zaghafte EZB-Politik mit Rekordinflation rächt.

Es wird gern behauptet, die Notenbanken seien angesichts dieser Inflationserscheinung hilflos, Leitzinserhöhungen würden nur die Wirtschaft abwürgen, aber die Inflation nicht senken. Denn die sei vor allem eine Folge des Ukraine-Kriegs und von Lieferkettenproblemen.

Das wird gerne auch im Telepolis-Forum zu Artikeln vorgebracht, die die zaghafte Straffung der Geldpolitik durch die Europäische Zentralbank (EZB) kritisieren. Dabei war die Inflation schon vor dem Krieg vor einem Jahr in Deutschland dreimal so hoch, wie sie nach dem EZB-Ziel mit zwei Prozent eigentlich sein sollte.

Doch während das Statistische Bundesamt (Destatis) am Freitag eine neue Rekordinflation von offiziell angeblichen 10,4 Prozent nach dem aufgehübschten "Verbraucherpreisindex" (VPI) vermelden musste, ist sie im Oktober in den USA nun deutlich auf nun 7,7 Prozent gesunken.

Real ist die Teuerung in Deutschland sogar noch deutlich höher. Schon nach dem von den europäischen Statistikern benutzten und international vergleichbareren "Harmonisierten Verbraucherpreisindex" (HVPI) ist die Inflationsrate in Deutschland jetzt sogar schon auf 11,6 Prozent angeschwollen.

Es zeigt sich auch, wie Telepolis schon aufgezeigt hat, dass die Schere zwischen VPI und HVPI immer weiter aufgeht. Bisher war die Distanz höchstens 0,9 Prozentpunkt groß, inzwischen sind es schon 1,2 Punkte. Vor der Inflationswelle waren beide Werte meist fast gleich.

Klar ist, dass die aggressive Geldpolitik der US-Notenbank (FED) wirkt. Die sechs Zinserhöhungen allein in diesem Jahr, davon die letzten drei um sogar jeweils 0,75 Prozentpunkte, zeigen seit Sommer Wirkung. Anfänglich ging die Inflation nur leicht zurück.

Im Juli sank sie auf 8,5 Prozent, im August weiter auf 8,3 Prozent und im September nur leicht auf 8,2 Prozent. Doch nun ist mit dem Absinken auf 7,7 Prozent ein deutlicher Rückgang zu verzeichnen, den Analysten nicht erwartet hatten. Die hatten im Durchschnitt nur mit einem Rückgang auf 8,0 Prozent gerechnet.

Doch eine weiche Landung?

Die deutliche Verringerung der Inflation macht einigen jetzt Hoffnung darauf, dass die US-Zinsen nur langsamer steigen werden und es doch zu einer "weichen Landung" in der Wirtschaft kommt, also keine Jahrhundertrezession wie in Großbritannien zu erwarten ist.

Klar war schon nach dem letzten Fed-Zinsentscheid, dass die EZB weiter stark unter Druck kommen würde, allein schon wegen der Tatsache, dass der große Zinsunterschied (Spread) von inzwischen zwei Prozentpunkten zwischen Euroraum und USA zu einer massiven Kapitalflucht führt. Das schwächt den Euro weiter und verteuert damit Energie sogar, wenn der Öl- oder Gaspreis gar nicht steigt, da die in US-Dollar bezahlt werden müssen.

Der Druck wird aber nun stärker, da sich zeigt, dass die Fed-Politik wirkt, während das zaghafte Vorgehen der EZB unter Christine Lagarde nur dazu führt, dass die Teuerung auf ständige neue Rekordwerte steigt.

Damit wird die Verarmung breiter Bevölkerungsschichten vorangetrieben, während die Staatsschulden tendenziell weginflationiert werden. Nach Angaben der OECD ist die hohe Inflation schon dafür verantwortlich, dass die Krise tief in der Mittelschicht angekommen ist, die immer weiter abbröckelt.

Kein Wunder, so hatte sogar Destatis schon festgestellt, trotz der aufgehübschten VPI-Inflationsrate, dass die Bevölkerung in Deutschland an Kaufkraft verliert. "Hohe Inflation führt im 2. Quartal 2022 zu einem Reallohnrückgang von 4,4 Prozent", wurde konstatiert. Schon im ersten Quartal war ein offizieller Rückgang von 1,8 Prozent festgestellt worden.

Nach Angaben der OECD leidet die Bevölkerung in Spanien besonders stark unter Kaufkraftverlust, doppelt so stark als im Durchschnitt der OECD-Länder. Die Zahl der Haushalte in einer kritischen ökonomischen Situation steigt schnell. Es sind sogar nun vier Prozent mehr als noch vor einem Jahr und dabei war auch im Vorjahr die Zahl wegen der Covid-Auswirkungen gestiegen.

Der angesehene Wirtschaftswissenschaftler Santiago Niño Becerra setzt viele Fragezeichen an die Ausführungen der sozialdemokratischen Regierung, allen voran der Wirtschaftsministerin Nadia Calviño, die von "einer schnellen Erholung" fabuliert hatte.

Euroraum: Die Gefahr ist größer

Da in den USA mit dem Rückgang der Teuerung auch die Inflationserwartung in der Bevölkerung sinkt, also der Glaube daran wächst, dass die Fed die Teuerung in den Griff bekommt, sieht das im Euroraum ganz anders aus. Die Inflationserwartung ist sehr bedeutsam für die Entwicklung der realen Teuerung in der Zukunft.

In Deutschland oder in Europa ist die Gefahr deshalb viel größer, dass es angesichts der hohen und steigenden Inflation vermehrt zu Zweitrundeneffekten kommt, also in Tarifauseinandersetzungen auch hohe Löhne durchgesetzt werden, um den starken Kaufkraftverlust auszugleichen.

Allerdings birgt dies die Gefahr, dass sich die Inflation hier auf hohem Niveau verstetigt. Allerdings ist weiterer Lohnverzicht auch keine Lösung, denn mit der sinkenden Kaufkraft ist zu erwarten, dass die Wirtschaft mit dem einbrechenden Konsum besonders stark in die Knie geht.

Es zeigt sich, dass eine verfehlte EZB-Geldschwemme-Politik in diese Sackgasse geführt hat und sie viel zu spät den Rückwärtsgang eingelegt hat, als der Karren schon tief im Dreck steckte, aus dem er nun nur schwer zu befreien sein wird. (Ralf Streck)