Immer weniger Geld für immer mehr irakische Flüchtlinge

Obgleich die Zahl der Vertriebenen im Irak und im Ausland anschwillt, versiegt die internationale Hilfe

Im Irak sterben nicht nur tägliche Dutzende und werden durch Gewalttätigkeiten verletzt. In der Woche gibt es mittlerweile, so berichtet das Pentagon, 959 Angriffe, das Vertrauen sei dahin, das Land stehe vor einem Bürgerkrieg. Immer mehr Iraker werden auch von ihren Wohnsitzen vertrieben oder haben Angst, Opfer von Milizen zu werden, die ethnische Säuberungen betreiben. Angesichts der täglichen Gewalt, der hohen Kriminalität und der ebenso hohen Arbeitslosigkeit fliehen auch viele Iraker, wenn sie denn die Möglichkeit haben, aus ihrem Land. Nach einem Bericht des UN-Flüchtlingskommissariats (UNHCR) versiegt aber die Hilfe der internationalen Gemeinschaft.

Die nach dem Einmarsch in den Irak allmählich um sich greifende Gewalt, die die brutale Diktatur in ein unübersichtliches, aber kaum weniger brutales Chaos von gegeneinander kämpfenden Kräften verwandelt hat, hat mittlerweile nach Schätzungen des Flüchtlingskommissariats über drei Millionen Menschen zu Flüchtlingen werden lassen. Etwa die Hälfte wurde im Irak vertrieben, um die 1,8 Millionen sind ganz aus dem Land geflohen und haben Zuflucht vor allem in den Nachbarstaaten Syrien und Jordanien, aber auch in Ägypten, Iran oder dem Libanon gefunden.

Zwar ist auch die Zahl der Asylbewerber aus dem Irak in Europa angestiegen, aber gegenüber der Last, die die Nachbarländer tragen müssen, ist sie verschwindend klein. Obgleich einige europäische Länder den Krieg mitgetragen und sich in der Koalition der Willigen eingefügt haben, ist von einer Bereitschaft, mehr Flüchtlinge aufzunehmen, nichts zu spüren. Die UNHCR beklagt hingegen, dass sogar die Gelder immer weniger werden, die für die Unterstützung der Flüchtlinge im Irak und in den Nachbarländern zur Verfügung steht. Hatte die UNHCR 2003 noch 150 Millionen US-Dollar, so waren es dieses Jahr gerade noch 29 Millionen, die überdies nur zu 60 Prozent gesichert sind - Tendenz weiter fallend, obgleich die Flüchtlingsströme weiter zunehmen.

Allein dieses Jahr hätten mehr als 425.000 Menschen ihren Wohnort verlassen müssen oder sind aus Angst im Irak an einen anderen Ort geflohen. Jeden Monat kommen weitere 50.000 Binnenflüchtlinge hinzu. Die vielen Flüchtlinge im Irak und vor allem diejenigen, die sich in die Nachbarländer retten konnten, darunter viele Akademiker, die von den Milizen im Irak erpresst, unter Druck gesetzt und getötet werden, sorgen für zunehmende Instabilität im Irak und in der Region. Für die 800.000 Flüchtlinge allein in Syrien steht gerade einmal 1 Dollar pro Kopf zur Verfügung. Die Flüchtlinge im Ausland verlassen sich meist auf ein Netz von Verwandten und Freunden. Das werde, so warnt die UN, mit der Zeit und bei wachsenden Flüchtlingszahlen aber immer dünner. So gibt es auch Berichte von einer wachsenden Zahl junger irakischer Frauen, die mit Arbeit ins Ausland gelockt und dann zur Prostitution gezwungen werden

Besonders die Versorgung der Binnenflüchtlinge sei schwer oder ganz unmöglich. In manchen Gebieten im Irak kommen Hilfsorganisationen aufgrund der Bedrohungslage schon länger nicht mehr. Halten Gewalt und Vertreibungen an, so schrumpfen die Ressourcen der Binnenflüchtlinge und der Gemeinschaften, bei denen sie Zuflucht gefunden haben. Gefährdet seien besonders von Frauen geführte Familien und Minoritäten wie während des Hussein-Regimes in den Irak geflüchtete Palästinenser oder Christen.

Der UN-Gesandte für den Irak, Iraq Ashraf, verurteilte heute den Terror und die Gewalt im Irak, die die sowieso labile Sicherheit in Bagdad weiter untergrabe. Er verwies auf die Bombenanschläge und Entführungen von Zivilisten der letzten Zeit, insbesondere auf die Entführung von Angehörigen des irakischen Roten Halbmonds aus einem Büro in Bagdad, und forderte die Regierung auf, sich stärker für eine Versöhnung einzusetzen. Die Hälfte der entführten Mitarbeiter des Roten Halbmonds wurden inzwischen freigelassen, aber die Hilfsorganisation hat vorläufig die Arbeit in Bagdad eingestellt. Das NGO Coordination Committee in Iraq (NCCI) forderte die Milizen im Irak dazu auf, die Hilfsorganisationen anzuerkennen und ihre Mitarbeiter zu beschützen. "Irakische Zivilisten und Mitarbeiter von Hilfsorganisationen sind mit einer großen Kluft zwischen rechtlichem Schutz, den sie genießen sollten, und der gewalttätigen Wirklichkeit konfrontiert", sagte Cedric Turlan vom NCCI. "Sie sind täglich Gewaltakten wie Entführungen, Exekutionen, Angriffen auf Hilfskonvois und dem fehlenden Respekt für das Prinzip der Unterscheidung zwischen militärischen und zivilen Personen und Objekten ausgesetzt."

Nach einem UNICEF-Bericht geht es im Irak besonders den Kindern schlecht. Eine hohe Kindersterblichkeit wird verursacht durch mangelnde Ernährung, schlechte medizinische Versorgung und Unkenntnis der Mütter. Der Krieg mit den Vertreibungen, Armut und der fehlende Wiederaufbau seien dafür verantwortlich. Seit der Invasion sind nach Angaben des irakischen Gesundheitsministeriums mehr Kinder Krankheiten ausgesetzt, da die Infrastruktur noch schlechter als zuvor wurde, die Wirtschaft zusammengebrochen und die Versorgung lückenhaft ist. Besonders die vertriebenen Kinder seien gefährdet und leiden häufig an Durchfall und Entwässerung. (Florian Rötzer)