Ich bin Querdenker

Dissidenten und Querdenker genossen bisher einen guten Ruf. Wie sich das geändert hat und was das für eine kritische Öffentlichkeit bedeutet. Ein Zwischenruf

Selber nachdenken? Das kann gefährlich sein. Zumal, wenn man das auch noch öffentlich tut. Also auch sagt, was man denkt. Und zwar egal, ob das die anderen gerade hören wollen oder nicht.

Soll man sich das Nachdenken deshalb verbieten? Gar auch den anderen? Gar auch den engsten Freunden? Sollte man, um der Zukunft seiner Kinder willen, wenn diese anfangen, typische Kinderfragen zu stellen, ihnen dieses Nachfragen, statt sich drauf einzulassen, nicht besser gleich verwehren?

Oder – mittels Erziehung, also durch Vorbild und durch Sanktionierung – nicht zumindest dafür sorgen, dass sich das Nachfragen und das Antworten darauf in geregelten Bahnen vollzieht?

Doch wer soll regeln, was "geregelt" heißt? Soll man das Denken, statt es selbst zu probieren, deshalb, weil es für einen selbst gefährlich werden kann, lieber den Andern überlassen? Es gar an Denk-Experten delegieren, etwa an Philosophen? Doch, an welche? Und könnte, sich am Denken anderer zu orientieren, letztlich nicht – wieder für uns selbst wie ganz generell – die noch risikoreichere Alternative sein?

Von solchen Grundsatzfragen hört man derzeit wenig. Warum? Warum ist Fragen-Stellen derzeit öffentlich nicht mehr en vogue? Was gäb es derzeit Wichtigeres?

Wer sich auf solche Fragen auch nur einlässt, hat schon mit dem Selber-Denken angefangen. Tut also etwas, was derzeit nicht beliebt ist. Blökt nicht mit den anderen Schafen in der Herde, egal in welcher. Wird in der weißen Herde schnell zum schwarzen Schaf. Wird rasch zum Außenseiter.

Wer trotzdem selbst denkt, wagt viel. Und der alte Spruch "Wer wagt, gewinnt", der gilt gewiss nicht auch für die, die selbst zu denken wagen. Ganz im Gegenteil.

Denken beginnt mit Infragestellen

Selbst nachzudenken kann nicht nur gefährlich sein. Es muss gefährlich sein. Denn was könnte "über etwas nachdenken" anderes heißen als zu prüfen, ob dieses Etwas wirklich so ist, wie es zu sein scheint? Kurz: Das Denken beginnt mit dem Infragestellen. Könnte, was wir bisher für zweifellos wahr und richtig gehalten haben, nicht auch anders sein? Was spricht dafür, dass es so ist, wie von uns bisher geglaubt? Und was spricht dagegen?

Kritisches Denken beginnt mit der letzteren Frage. Und ein radikal kritisches Denken lässt, wenn die Contra-Gründe stärker als die Pro-Gründe sind, die jeweilige Prüfwaage nicht allein deshalb trotzdem für die Pro-Seite ausschlagen, weil diese Seite von den anderen, von einer Mehrheit, von einer Tradition, von irgendeiner (staatlichen, kirchlichen oder akademischen) Institution, von irgendeinem Expertengremium oder von irgendeinem Dogma zur stärkeren erklärt worden ist.

Es stimmt: Denken, wenn es denn ein kritisches, gar ein radikal kritisches sein will, ist unvermeidlich potenziell subversiv. Und somit eine echte Gefahr für jegliche Art von Orthodoxie.

Radikal kritische Denker hat man früher, noch eingedenk der Folgen eines blinden Mitschwimmens im Strom des jeweiligen Herdentriebs, mit den Worten Dissident bzw. Querdenker geehrt. Dass letzteres inzwischen zu dem ultimativen Schimpfwort mutiert ist, sagt über den Verfall einer angeblich rationalen öffentlichen Kultur des Räsonierens schon alles.

Georg Meggle ist analytischer Philosoph und derzeit Gastdozent an der American University in Cairo (AUC). Er hat mit den Gefahren, von denen in diesem Artikel die Rede ist, im Kontext seiner Publikationen zur Logik der Abschreckung, Humanitären Interventionen, Terrorismus und Antisemitismus einige Erfahrungen gesammelt. Siehe dazu u.a. sein Kapitel 74 in dem frei zugänglichen e-Book von 2021

(Georg Meggle)