ISIL dringt weiter Richtung Bagdad vor

Kurden- und Schiitenmilizen sollen die Salafisten aufhalten

Kurdenmilizen aus dem Norden des Irak haben die 850.000-Einwohner-Stadt Kirkuk besetzt. Zuvor war die irakische Armee von dort aus Furcht vor der salafistischen Terrorgruppe ISIL geflohen. In der Gegend um Kirkuk lagert etwa ein Fünftel der Ölreserven des Irak. Ein Referendum über die Zugehörigkeit der Stadt zum Kurdengebiet wurde seit sieben Jahren immer wieder verschoben. Nun haben die Kurdenmilizen Fakten geschaffen.

Die ISIL-Salafisten eroberten währenddessen in der von Kurden und Arabern besiedelten Provinz Diyala die Kleinstadt Udhaim, die etwa 90 Kilometer von der Hauptstadt Bagdad entfernt ist. Auch hier gaben die Regierungstruppen ihre Stellungen einfach auf und zogen sich zurück. 30 Kilometer weiter Richtung Bagdad, in Diyals Provinzhauptstadt Bakuba, soll ein ISIL-Angriff abgewehrt worden sein. Ob die irakische Armee – wie ihre Führung behauptet – das am Mittwoch gefallene Tikrit am Donnerstag zurückerobern konnte, ist unklar.

Rückt ISIL weiter vor, dann könnte die Terrorgruppe Bagdad von mehreren Seiten aus angreifen. Im Westen kontrolliert sie bereits seit Januar das 70 Kilometer von Bagdad entfernte Falludscha. Einem Stammesführer in der eroberten Ortschaft Alam sagten die Terroristen angeblich, dass es in Bagdad eine „Entscheidungsschlacht“ geben werde.

Bagdad ist faktisch in einen sunnitischen Westen und einen schiitischen Osten zweigeteilt. Außerdem liegt die Stadt zwischen dem sunnitisch und dem schiitisch dominierten Landesteil. Dort könnte ISIL auf Schiitenmilizen stoßen, die deutlich besser motiviert sind als die irakische Armee. Dringt ISIL hier ein, dann müssen die von den Salafisten als Häretiker verfolgten Ali-Anhänger nämlich massenhaft Tötungen, Vergewaltigungen und Vertreibungen fürchten. In Basra und in anderen Ortschaften im Südirak haben sich bereits zahlreiche Freiwillige gemeldet, die in solchen Schiitenmilizen kämpfen wollen.

Aus dem am Dienstag gefallenen Mosul sind nach Angaben des Erzbischofs Emil Shimoun Nona alle Christen geflohen. Dem Hilfswerks Missio zufolge kamen bei der Plünderung der Stadt durch ISIL-Terroristen mehrere hundert Zivilisten ums Leben. Auf den Straßen sollen Leichen liegen, die nicht weggeräumt werden. In der östlich von Mosul gelegenen Assyrerstadt Quaraqosh halten sich dagegen noch Christen auf. Dort haben die Salafisten Klöster umstellt.

Ob die Türkei nach der Geiselnahme ihres Konsulatspersonals in Mosul in den Krieg eingreift, ist bislang offen. Ein vom türkischen NATO-Botschafter Mehmet Fatih Ceylan einberufenes Treffen diente angeblich nur der Information der anderen NATO-Mitgliedsländer. Generalkonsul Öztürk Yilmaz – ein ehemaliger Berater des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdoğan – ließ in Mosul angeblich gerade geheime Dokumente vernichten, als die Terroristen in das Konsulat eindrangen. Im englischsprachigen Twitterkanal von ISIL hieß es gestern, man habe die Türken nicht verschleppt, sondern nur „an einen sicheren Ort verbracht“, an dem sie bleiben würden, bis „Untersuchungen“ abgeschlossen seien. 32 türkische LKW-Fahrer, die man ebenfalls festgenommen hatte, sollen mittlerweile wieder auf freiem Fuß sein.

In Großbritannien, der ehemaligen Kolonialmacht im Irak, haben sich die Führer beider Regierungsparteien klar gegen ein militärisches Eingreifen ausgesprochen. Premierminister David Cameron meinte in diesem Zusammenhang, die aktuellen Probleme könne der Irak nur selbst lösen. Die USA schließen dagegen lediglich den Einsatz von Bodentruppen, nicht jedoch eine mögliche Unterstützung aus der Luft explizit aus.

An den internationalen Märkten führten die für viele Beobachter überraschenden ISIL-Erfolge wie erwartet zu einem Anstieg des Ölpreises: Ein Barrel der Nordseesorte Brent wurde gestern mit 110,42 Dollar 0,4 Prozent teurer gehandelt als einen Tag davor, der Preis der US-Sorte WTI stieg um 0,3 Prozent auf 104,68 Dollar. (Peter Mühlbauer)

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