ISIL-Vormarsch: Direkte Gespräche zwischen USA und Iran?

Salafisten prahlen mit Massenmord

Bereits seit den Anfängen der Science-Fiction-Literatur gibt den Topos der plötzlichen Zusammenarbeit vorher einander feindlicher Mächte angesichts einer extrem fremdartigen und grausamen Bedrohung. So etwas könnte jetzt den USA und dem Iran passieren, die dem Wall Street Journal zufolge noch in dieser Woche direkte Gespräche aufnehmen wollen, in denen es darum gehen soll, wie man die ISIL-Terroristen im Irak stoppt und zurückdrängt.

Norbert Röttgen, der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag, begrüßte die Meldung als "Hoffnung für die gesamte Region" und bot deutsche Vermittlung an. Seiner Ansicht nach sollten auch die Türkei und Russland in solche Gespräche eingebunden werden. Mittlerweile hat auch die Volksrepublik China, die über den Staatskonzern CNPC an mehreren Ölförderprojekten im Zweistromland beteiligt ist (und die in Xinjiang selbst Erfahrung im Umgang mit Dschihadisten gesammelt hat), dem Irak "jede erdenkliche Hilfe" im Kampf gegen ISIL angeboten.

Die iranische Regierung hat sich inzwischen grundsätzlich zu Gesprächen über die Sicherheit im Irak bereiterklärt und die letzte Woche vom Wall Street Journal kolportierte Meldung dementiert, dass man bereits zwei Bataillone der Revolutionsgarden in das Nachbarland entsandt habe, die dort Schiiten und schiitische Heiligtümer in Kerbala, Nadschaf und Samarra vor salafistischen Kopfabschneidern und Bilderstürmern schützen sollen. ISIL-Sprecher hatte Kerbela vorher in Video- und Textbotschaften als "schmutzverseuchte Stadt des Polytheismus" und die schiitischen Machthaber im Irak als "Safawiden" bezeichnet - eine persische Dynastie, die den schiitischen Islam im 16. und 17. Jahrhundert mit Gewalt verbreitete.

Währenddessen scheinen sich die ISIL-Salafisten große Mühe zu geben, als absolut unmenschliche Bestien zu erscheinen: Sie behaupteten nicht nur, 1.700 gefangene Soldaten hingerichtet zu haben, sondern illustrierten dies auch mit Fotos die beispielsweise einen abgeschlagenen Kopf zwischen zwei Beinen und die Botschaft "unser Fußball ist aus Haut gemacht" zeigen.

Auf anderen Bildern ist zu sehen, wie gefesselte Männer von einem Lastwagen in einen Graben steigen, in den dann mit Sturmgewehren gefeuert wird. Dass die Männer keine Uniformen, sondern Zivilkleidung tragen, könnte daran liegen, dass sie sich bei Fluchtversuchen ihrer Kampfkleidung entledigten.

Eine weitere Möglichkeit wäre, dass es sich um Beamte, Schiiten, Christen oder säkulare Sunniten handelt, die die Salafisten ebenfalls für todeswürdig erachten. Die dritte Alternative, dass die Tötungen nur behauptet werden, um den Feind zu verängstigen, ist insofern unwahrscheinlich, als den Terroristen massenhaft zurückgelassene Uniformen zu Verfügung stünden, die sie ihren Darstellern anziehen hätten können. Außerdem passt ein tatsächliches Massaker zu zahlreichen Videos aus Syrien, in denen nachweislich echte Grausamkeiten dokumentiert wurden.

Dem Guardian zufolge weiß man durch 160 im Haus des Salafistenkommandeurs Abdulrahman al-Bilawi beschlagnahmte Datenträger inzwischen die Klar- und Tarnnamen zahlreicher ISIL-Führungskräfte. Addiert man die aus den (vor der Einnahme Mosuls sichergestellten) Daten errechneten 875 Millionen Dollar Bar- und Anlagewerte mit den etwa 1,5 Milliarden Dollar, die die Terroristen aus Banken in den seit letzter Woche eroberten Gebieten beschlagnahmten, stehen den Salafisten derzeit mindestens zweieinhalb Milliarden Dollar für Waffenkäufe oder andere Geschäfte zur Verfügung. (Peter Mühlbauer)

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