IG-Metall-Chef plädiert für Viertagewoche

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Die Viertagewoche rettet noch mehr als nur Jobs, stößt dennoch auf altbekannte Kritik

Die Arbeitswoche von Montag bis Freitag, in der wir heute leben, ist ein soziales und historisches Konstrukt, das sich hartnäckig hält. Es mag als eine "natürliche" Einteilung der Zeit erscheinen, aber in Wirklichkeit ist die Fünf-Tage-Woche das Ergebnis von Errungenschaften der Arbeiterbewegungen des 19. und 20. Jahrhunderts. Dem Industrialismus wurden Grenzen gesetzt.

In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung plädiert nun IG-Metall-Chef Jörg Hofmann zur Rettung von Jobs in der Metall-, Elektro- und Autoindustrie für eine Vier-Tage-Woche. "Die Kurzarbeit ist dazu da, den Konjunktureinbruch abzufedern. Die Vier-Tage-Woche wäre die Antwort auf den Strukturwandel in Branchen wie der Autoindustrie", sagte Hofmann. Transformation dürfe nicht zur Entlassung, sondern müsse zu guter Arbeit für alle führen.

"Künftig sollte allen Betrieben der Metall- und Elektroindustrie dieser Weg offenstehen", so Hofmann. "Mit einem gewissen Lohnausgleich für die Beschäftigten, damit es sich die Mitarbeiter leisten können und mit Anreizen, diese freie Zeit für berufliche Fortbildung zu nutzen." Weniger variable Lohnkosten und höhere Produktivität seien die Vorteile auf der Arbeitgeberseite. In der Corona-Krise hätte sich zudem das Interesse der Arbeitgeber gezeigt, lieber Arbeitszeit zu reduzieren statt zu entlassen. Die Unternehmen in Deutschland haben in der Corona-Krise für etwa zehn Millionen Menschen Kurzarbeit angemeldet.

Vor drei Wochen hatte sich Linken-Chefin Katja Kipping für eine flächendeckende Vier-Tage-Arbeitswoche ausgesprochen. Kipping sagte der Rheinischen Post, die Corona-Krise sei dafür eine passende Gelegenheit. "Die Vier-Tage-Woche macht Beschäftigte glücklicher, gesünder und produktiver", so Kipping. Und Arbeitgeber profitierten von einer höheren Produktivität sowie davon, dass Mitarbeiter weniger Fehler machten, motivierter und seltener krank seien.

Altbekannte Kritik

Historisch gesehen war es allerdings auch zur Fünftagewoche mit 40 statt 48 Wochenstunden ein langer Weg: 1952 wurde die Forderung nach stufenweiser Durchsetzung der 40-Stunden-Woche an fünf Tagen ins Grundsatzprogramm des DGB aufgenommen. Der damalige Wirtschaftsminister und späteren Wirtschaftswunder-Kanzler Ludwig Erhard "Ein Volk, das auf breitester Grundlage den Wohlstand mehren und auch in Arbeitnehmerhand die Vermögensbildung fördern will. Ein Volk, das, um auf dem Weltmarkt wettbewerbsfähig zu bleiben, ständig hohe Investitionen vornehmen muss. Ein solches Volk sollte sich nicht Überlegungen nach Verkürzung der Arbeitszeit hingeben." Es dauerte schließlich bis weit in die Sechzigerjahre hinein, bis die 40-Stunden-Woche in einem großen Teil der Branchen zum Standard wurde.

Am Lamento der Kritiker der flächendeckenden Arbeitszeitverkürzung - der Wirtschaftsstandort Deutschland könne sie eine Verkürzung der Arbeitszeit nicht leisten, die Wettbewerbsfähgikeit wäre in Gefahr, enorme volkswirtschaftliche Schäden wären die Folge - scheint sich über die Jahrzehnte wenig geändert.

"Wir müssen uns klarmachen, dass, wenn wir ein Fünftel weniger arbeiten, wir auch ein Fünftel weniger Waren und Dienstleistungen produzieren", sagte Arbeitsmarktexperte Holger Schäfer vom Institut der Deutschen Wirtschaft im Deutschlandfunk zu Kippings Vorstoß. "Das ist Konsum, der uns am Ende natürlich fehlt, den wir nicht leisten können und der, nebenbei bemerkt, natürlich auch dazu führt, dass wir weniger Steuereinnahmen haben und auch weniger umverteilen können." Die Arbeitszeitverkürzung liefe darauf hinaus, "die Wirtschaftskrise zum Dauerzustand zu erklären."

Thomas Rigotti, Arbeitspsychologe an der Universität Mainz, zeigte andere Bedenken. "Der Vorschlag klingt schön. Doch wenn die Mitarbeiter an den vier Tagen bis zur Erschöpfung arbeiten müssen, um die Aufgaben zu erledigen, tritt kein Erholungseffekt ein und die Arbeitnehmer sind vermutlich nicht leistungsfähiger", sagt der 45-jährige Arbeitsgruppenleiter am Leibniz-Institut für Resilienzforschung (LIR).

Viele Studien zur Viertagewoche

Studien und Experimente zu den Vorteilen der Arbeitszeitverkürzung gibt es einige. Letztes Jahr testete Microsoft in Japan eine Vier-Tage-Woche und stellte fest, dass die Mitarbeiter dadurch nicht nur zufriedener, sondern auch wesentlich produktiver waren. Für den Monat August experimentierte das Unternehmen mit einem neuen Projekt namens Work-Life Choice Challenge Summer 2019, bei dem die gesamte Belegschaft von 2.300 Mitarbeitern fünf Freitage hintereinander ohne Lohneinbußen frei bekam.

Die verkürzten Wochen führten zu effizienteren Besprechungen, glücklicheren Arbeitnehmern und einer Produktivitätssteigerung von erstaunlichen 40 Prozent, schloss das Unternehmen am Ende des Prozesses. Neben höherer Produktivität seien in dem Testmonat auch der Stromverbrauch der Büros um 23,1 Prozent gesunken und 58,7 Prozent weniger Papier für Ausdrucke verbraucht worden.

Ein Experiment, das 2018 von der Harvard Business Review veröffentlicht wurde, zeigt, dass kürzere Arbeitstage, ein Rückgang von einem durchschnittlichen 8-Stunden-Arbeitstag auf einen 6-Stunden-Arbeitstag, die Produktivität erhöht.

Für eine radikale Verkürzung der Arbeitszeit spricht sich die Denkfabrik Autonomy aus. Ihre Untersuchung "Die ökologischen Grenzen der Arbeit" zeigt, dass etwa Arbeitnehmer in Großbritannien auf die Neun-Stunden-Woche umstellen müssten, um das Land auf Kurs der Pariser Klimaziele zu bringen. Ähnliche Reduktionen errechnete Autonomy für Schweden und Deutschland. "Um eine grüne, nachhaltige Gesellschaft zu werden, bedarf es einer Reihe von Strategien - eine kürzere Arbeitswoche ist nur eine davon", sagte Will Stronge von Autonomy. (Bulgan Molor-Erdene)