Hubschrauberangriff auf Russland: "Mit den unseren verwechselt"
Bild: meduza.io
Berichte von vor Ort und Expertenstimmen sprechen dafür, dass tatsächlich ein ukrainischer Hubschrauberangriff auf ein Erdöldepot im russischen Belgorod stattfand
Russland wirft ukrainischen Kampfhubschraubern vor, am Freitagmorgen ein Erdöldepot in der russischen Stadt Belgorod nahe der Grenze angegriffen zu haben. Wie haben die Leute vor Ort das erlebt und was bedeutet es für sie?
Es ist der zweite medial bedeutsame Vorfall im Krieg Russlands gegen die Ukraine, der auf dem russischen Territorium erfolgt ist. Damals am 25. Februar beschossen ukrainische Streitkräfte den russischen Luftwaffenstützpunkt Millerowo [1] nahe der Grenze in der Region Rostow als eine Reaktion auf die russische Invasion in der Ukraine.
Am frühen Freitagmorgen dann sprach der Gouverneur der Grenzregion Belgorod, Wjatscheslaw Gladkow, von einem Angriff ukrainischer Militärhubschrauber des Typs Mi-24 auf ein städtisches Erdöldepot.
Zerstörung im Ukraine-Krieg (0 Bilder) [2]
Telegram-Kanäle aus der Region veröffentlichten Videos mit mehreren Raketen, die aus geringer Höhe von zwei Hubschraubern auf das Öldepot des Staatskonzerns Rosneft abgefeuert wurden. Es folgte eine Explosion.
Es stünden acht Treibstofftanks mit einem Volumen je 2.000 Kubikmeter in Flammen [4], teilte die staatliche Nachrichtenagentur Tass unter Verweis auf die Quelle in den Rettungsdiensten mit. Nach offiziellen Angaben gab es keine Opfer.
"Mein Bruder wohnt in der Nähe dieses Öldepots", sagte Andrej (36) gegenüber Telepolis. Der Mann lebt seit vielen Jahren in Belgorod und arbeitet als technischer Direktor bei einer lokalen Firma.
"Er wachte auf, weil er den Beschuss hörte, und erfuhr den Hintergrund gleich aus den sozialen Netzwerken. Einige benachbarte Straßen wurden sofort evakuiert, mein Bruder ging aber wie sonst zur Arbeit." Belgorod liegt etwa 40 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt und 80 Kilometer vom hart umkämpften Charkiw.
"Nicht unsere Luftverteidigung ist so schlecht"
Andrejs Frau sei gerade zwar wegen der Kinder beunruhigt gewesen, doch er selbst spürte keine Panik in der Stadt oder auf der Arbeit, es herrschte lediglich Ansturm an den Tankstellen. Trotz der ausgebliebenen Abwehr will Andrej der russischen Armee kein Versagen vorwerfen.
"Hubschrauber als tief fliegende Objekte können von der Luftverteidigung unbemerkt bleiben", zitiert er Militärexperten. "Es ist nicht so, dass unsere Luftverteidigung so schlecht ist, sondern die Luftverteidigung jedes anderen Landes hätte da wohl auch nicht reagiert. Es sei denn, informierte Militärs würden darauf mit der Freund-Feind-Erkennung lauern, die aus Gründen jedoch nicht immer sagen kann, dass es feindliche Hubschrauber sind und nicht die eigenen."
Denn die Mi-24-Hubschrauber werden nicht nur von den Russen in diesem Angriffskrieg eingesetzt, den einheimische Kritiker jetzt häufiger als Bruderkrieg bezeichnen. Die Ukraine erbte eigene Mi-24 ebenfalls von der Sowjetunion und modernisiert sie fortlaufend.
In Russland werden die Mi-24 im Werk Rostwertol in Rostow am Don hergestellt. Ein anonym bleibender russischer General a.D. schloss gegenüber der Zeitung Moskowski Komsomolez nicht aus, dass die russischen Militärs "unter den Bedingungen der massenhaften Überquerung der Staatsgrenze durch unsere Flugzeuge, Hubschrauber und Drohnen" fremde Hubschrauber "mit den unseren verwechselt" hätten.
Der General merkte jedoch kritisch an, dass Hubschrauber nicht leise fliegen würden und das Grollen ihrer Motoren aus einer Entfernung von drei Kilometern gut zu hören sei. Er zweifelte auch daran, dass die russische Armee alle ukrainischen Flugplätze zerstört habe.
Das russische Verteidigungsministerium meldete [5] dem entgegen bereits am 6. März, "praktisch alle kampfbereiten Luftstreitkräfte der Ukraine" zerstört zu haben.
Fragen an russisches Verteidigungsministerium
Das russische Verteidigungsministerium äußerte sich am Freitagabend zum aktuellen Vorfall. Um fünf Uhr morgens Moskauer Zeit hätten zwei Mi-24-Hubschrauber der ukrainischen Streitkräfte den Luftraum der Russischen Föderation verletzt und Raketen auf ein Erdöldepot am Stadtrand von Belgorod abgefeuert, hieß es. Sie seien sehr niedrig geflogen. Das betroffene Öllager habe aber nichts mit den russischen Streitkräften zu tun, es sei eine rein zivile Anlage.
Man könne die Aktion nicht als "förderlich für die Fortsetzung der Verhandlungen ansehen", kommentierte seinerseits der Kreml-Sprecher Dmitri Peskow.
"Wer ist für die Luftverteidigung in Richtung Belgorod verantwortlich? Wurden die Standorte der angreifenden Hubschrauber zerstört? Wann wird die Sicherheitszone für die Region Belgorod eingerichtet?", attackierte der führende Fernsehpropagandist Wladimir Solowjow auf Telegram fast hysterisch einen unbenannten Adressaten.
Die zehn größten Städte der Ukraine (21 Bilder) [6]

Der Angriff ukrainischer Hubschrauber auf das Öldepot in Belgorod sollte eine einmalige Aktion gewesen sein, beschwichtigte der Militärexperte Konstantin Siwkow gegenüber der staatlichen Nachrichtenagentur RIA Nowosti die russische Bevölkerung.
Er wies darauf hin, dass russische Aufklärungsflugzeuge A-50, auch als "fliegende Radare" bekannt, gerade ständige Patrouillen im Himmel über der Ukraine durchführen würden, was offensichtlich zu den Lücken im Himmel über Belgorod geführt habe. Nun würden sie die Lücke im Osten schließen.
Ukrainische Telegram-Kanäle verbreiteten parallel die Version, die Russen hätten mit zwei Ka-52-Hubschraubern den Angriff auf das Öldepot inszeniert. Militärexperten weisen jedoch darauf hin, dass die Schattenbilder der gesichteten Helicopter einer Mi-24P entsprechen würden; auch die abgefeuerten ungelenkten Flugzeugraketen würden zu einer Mi-24P gehören und nicht zu einer Ka-52, die mit gelenkten "Vepr"-Raketen bewaffnet werden.
Der frühere Berater des ukrainischen Verteidigungsministers, Journalist Yury Butusov, gab auf seiner Facebook-Seit stolz bekannt [8], dass es doch ukrainische Mi-24P gewesen seien.
Zwar dementierte der Sekretär des Nationalen Sicherheitsrats der Ukraine [9], Oleksij Danilow, dass sein Land für die Attacke verantwortlich sei.
Das Verteidigungs- [10] sowie das Außenministerium der Ukraine [11] wollten die Vorwürfe jedoch weder bestätigen noch dementieren.
Zugleich taten viele deutsche Medien das Geschehen als unüberprüfbare und von der Ukraine dementierte Behauptung ab [12] und rückten es in die Nähe von etwas Zweifelhaftem, einer "Putin-Inszenierung" [13], sogar ohne sich mit den Argumenten der Gegenseite auseinandergesetzt zu haben.
Ukrainische Dementis sind weder stark noch kann der politische Nutzen des Angriffs bestritten werden: Den teilweise realitätsfremden Russen wird hier etwa die Botschaft vermittelt, dass es in der Ukraine durchaus noch kampfbereite Luftstreitkräfte gibt.
"Kein Konflikt zwischen Russland und der Ukraine“"
Andrej aus Belgorod befürchtet jedoch nicht, dass der Ukraine-Krieg über die Grenzen der Ukraine hinaus nach Russland gehen könnte. "Wenn sich der Krieg auf das Territorium Russlands ausbreitet, wird es ein völlig anderer Krieg sein", sagt er.
"Wir verstehen jedoch, dass dies kein Konflikt zwischen Russland und der Ukraine ist, sondern im Allgemeinen ist dies ein Konflikt zwischen dem Westen und Russland", sagt Andrej weiter. "Und die Rolle der Ukraine ist hier leider eine des Kanonenfutters. Weder ich, noch jemand von meinen Freunden und Bekannten sieht in der Ukraine einen Feind, und die friedliche Bevölkerung der Ukraine tut uns sehr leid."
Auf die Frage, warum er doch nicht anerkennen will, dass es ein Angriffsskrieg und keine "militärische Sonderoperation ist", wie der Kreml sie nennt, verweist Andrej auf die verbreitete Begründung der Staatspropaganda, die Ukraine hätte sonst früher oder später mit der Nato-Unterstützung Russland angegriffen.
"Schon kurz nach dem Ausbruch des Konfliktes fuhren einige Bewohner aus Belgorod wegen seiner Nähe zur Ukraine weg, ansonsten lief alles bisher ruhig", erinnert sich Andrej. Doch wie bisher wird es nach diesem Vorfall nicht mehr bleiben. Er zeigt, dass Russland jetzt auch mit militärischen Aktionen und Anschlägen der Ukrainer auf seinem Gebiet rechnen muss.
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[1] https://meduza.io/news/2022/02/25/ukraina-nanesla-aviaudar-po-voennomu-aerodromu-v-rostovskoy-oblasti?ysclid=l1gcwlbgu
[2] https://www.heise.de/bilderstrecke/3443855.html?back=6661531;back=6661531
[3] https://www.heise.de/bilderstrecke/3443855.html?back=6661531;back=6661531
[4] https://tass.ru/proisshestviya/14250081?utm_source=tolknews.ru&utm_medium=referral&utm_campaign=tolknews.ru&utm_referrer=tolknews.ru
[5] https://tass.ru/armiya-i-opk/13987955?utm_source=yandex.ru&utm_medium=organic&utm_campaign=yandex.ru&utm_referrer=yandex.ru
[6] https://www.heise.de/bilderstrecke/3443184.html?back=6661531
[7] https://www.heise.de/bilderstrecke/3443184.html?back=6661531
[8] https://m.facebook.com/story.php?story_fbid=7471897619517136&id=100000909172681
[9] https://www.tagesschau.de/ausland/europa/ukraine-angriff-treibstoff-russland-101.html<
[10] https://kyivindependent.com/uncategorized/defense-ministry-about-reported-belgorod-attack-ukraine-not-responsible-for-catastrophes-in-russia/
[11] https://www.reuters.com/world/europe/ukraine-foreign-minister-says-he-has-no-information-about-who-carried-out-2022-04-01/
[12] https://www.tagesspiegel.de/politik/ukraine-dementiert-russische-darstellung-moskau-wirft-ukraine-angriff-auf-oellager-in-russland-vor/28220704.html
[13] https://www.merkur.de/politik/ukraine-krieg-belgorod-luftangriff-oel-depot-putin-russland-operation-falsche-flagge-feuer-91450653.html
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