Hotspot Arktis: Was will die Bundeswehr im hohen Norden?
An der MilitĂ€rĂŒbung "Arctic Challenge" (Bild zeigt norwegische F-35-Kampfjets) beteiligte sich auch die Bundeswehr. Foto: Master Sgt. Andrew Sinclair / Public Domain
Schrumpfendes Eis, militÀrische und wirtschaftliche Interessen: Die Region steht nicht nur im Fokus der Klimaforschung. Das zeigt die Antwort auf eine Anfrage der Linken im Bundestag.
Die Arktis als ein Ort, wo man sich besonders um friedliche Zusammenarbeit bemĂŒht, der harschen Bedingungen und der empfindlichen Umwelt wegen â das war gestern. Das schrumpfende Eis hat sie sowohl fĂŒr wirtschaftliche als auch fĂŒr militĂ€rische Interessen geöffnet. Letzteres hat sich durch den Krieg in der Ukraine noch verstĂ€rkt.
Die Antwort auf eine Kleine Anfrage der Linksfraktion im Bundestag [1], die Telepolis vorliegt, zeigt: Auch die Bundeswehr ist daran verstĂ€rkt beteiligt, wenn auch in begrenztem MaĂe. Und Klima und Umwelt ziehen dabei wieder den KĂŒrzeren â wie immer, wenn es um militĂ€rische Interessen geht.
Gerade hat das Taktische Luftwaffengeschwader 31 "Boelcke" der Bundeswehr [2] an der Ăbung "Arctic Challenge" [3] im hohen Norden teilgenommen. Diese wird alle zwei Jahre von Norwegen, Schweden und Finnland seit 2013 gemeinsam ausgerichtet und fiel mit insgesamt 150 Flugzeugen gröĂer aus als frĂŒher.
Nicht offizieller Teil der Ăbung war der US-FlugzeugtrĂ€ger Gerald R. Ford [4] im Seegebiet vor dem norwegischen BodĂž â aber dessen Anwesenheit demonstriert deutlich, wie die neue RealitĂ€t am und jenseits des Polarkreises aussieht. Die russische Nordflotte ĂŒbt fleiĂig in der Barentssee [5]. Dabei kommt man sich durchaus nahe und beĂ€ugt sich gegenseitig â bisher zum GlĂŒck ohne ZwischenfĂ€lle [6].
Mehr Manöver mit Bundeswehr-Beteiligung
Die Antwort auf die Kleine Anfrage der Linken zeigt, dass die Bundeswehr zunehmend an MilitĂ€rĂŒbungen im hohen Norden beteiligt ist â waren es 2019 nur vier Manöver, waren es 2022 schon sieben, die meisten davon in Norwegen. "Seit dem Jahr 2019 ist Deutschland ein stĂ€ndiger Teilnehmer an den Trainings- und Ăbungskonferenzen der norwegischen StreitkrĂ€fte", heiĂt es. In Norwegen und Kanada wurde auch GerĂ€t erprobt, das die Bundeswehr bisher fĂŒr Einsatz unter winterlichen Bedingungen bereithĂ€lt.
Schon lĂ€nger geplant war die Beschaffung von (weiteren) CATV (Collaborative All Terrain Vehicle) fĂŒr arktische VerhĂ€ltnisse. Diese sollen nun aus dem Sondervermögen finanziert werden. Im laufenden Jahr nahm die Bundeswehr bisher inklusive Arctic Challenge an sechs Manövern teil. Die Ăbung "Eiskristall 23" in Norwegen fand allerdings ohne deutsche GebirgsjĂ€ger statt â kein Geld [7]. Drei Millionen Euro waren dafĂŒr eigentlich vorgesehen.
2019 hatte die damalige Bundesregierung Leitlinien fĂŒr die deutsche Arktispolitik [8] verfasst. Diese sehen unter anderem den "Erhalt der Arktis als konfliktarme Region" und "Einsatz fĂŒr einen konsequenten Klima- und Umweltschutz" vor. "Als Folge des völkerrechtswidrigen russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine hat sich das geopolitische Umfeld fĂŒr die deutsche AuĂenpolitik signifikant verĂ€ndert. Aus Sicht der Bundesregierung haben die Leitlinien deutscher Arktispolitik aus dem Jahr 2019 dennoch grundsĂ€tzlich weiter Bestand", heiĂt es nun auf die Anfrage der Linken.
Austausch und Forschungsarbeit behindert
Zu den Dingen, die sich in der Arktis konkret seit Russlands Invasion der Ukraine verĂ€ndert haben, gehört der Ausfall der Arktischen Rates als Plattform fĂŒr internationalen Austausch und Forschungszusammenarbeit. Die sieben West-LĂ€nder hatten die Zusammenarbeit mit Russland, das damals den Vorsitz hatte, eingestellt [9]. Sanktionen verhinderten auĂerdem jegliche weitere Forschungszusammenarbeit mit Russland, selbst bei der so wichtigen Klimaforschung [10]. Russland setzte daraufhin auch seine eigenen PrioritĂ€ten neu.
Dass Klimaforschung ohne die Daten aus dem gröĂten arktischen Land auf Dauer nicht zielfĂŒhrend ist, hat Norwegen inzwischen erkannt: Als Norwegen vor kurzem den turnusmĂ€Ăigen Vorsitz des Arktischen Rates von Russland ĂŒbernahm, ein MeisterstĂŒck der Diplomatie, gab es auch vorsichtige Signale fĂŒr VerĂ€nderungen, wie auch immer diese in Zukunft aussehen werden [11].
Die Bundesregierung ist noch nicht so weit, zumindest nicht offiziell: Russlands Angriff auf die Ukraine unterminiere auch die Werte, die die Basis von Wissenschaftsfreiheit und wissenschaftliche Kooperationsmöglichkeiten bildeten, heiĂt es in einer Antwort auf die Anfrage der Linken: " Er macht Kooperation mit Russland derzeit unmöglich, auch mit Blick auf eine freie und verantwortungsvolle Forschung in der Arktis."
FĂŒr den Linken-Abgeordneten Andrej Hunko, einen der Fragesteller, fĂŒhrt diese Haltung in die Sackgasse: "Dadurch entwickelt sich die ganze russische Arktis klimapolitisch zum âschwarzen Lochâ. Es ist ein Paradebeispiel dafĂŒr, wie undifferenziert eine Sanktionspolitik wirken kann. Die auĂerordentliche Bedeutung, die die Arktis fĂŒr das Weltklima besitzt, macht diplomatische Initiativen zur Beendigung des Kriegs in der Ukraine umso dringlicher."
Dass Anzahl und GröĂe der Manöver im hohen Norden zunehmen, belastet Umwelt und Klima zusĂ€tzlich. Der Anteil der Bundeswehr daran werde nicht erfasst, da er sich bei internationalen Kooperationsvorhaben nicht herausrechnen lasse, heiĂt es in der Antwort auf die Kleine Anfrage der Linken.
Dass Umwelt und Klima immer den KĂŒrzeren ziehen, wenn es um militĂ€rische Interessen geht, ist allerdings nicht erst seit der Zerstörung des Kachowka-Staudamms oder der Sprengung von Nord Stream bekannt. Die Arktis hat hier ihre eigene, spezielle Liste. So richteten die USA Ende der 1950er Jahre im grönlĂ€ndischen Eispanzer Camp Century ein, inklusive Atomreaktor. Es zeigte allerdings, dass der ursprĂŒngliche Plan nicht machbar war: In einer sich bewegenden Eismasse lassen sich keine Cruise-Missile-Abschussrampen installieren. Nach acht Jahren musste das Camp gerĂ€umt werden, auch der Reaktor wurde entfernt. Giftiger MĂŒll blieb allerdings im Eis, aktuell unzugĂ€nglich [12].
Irgendwo bei Grönland liegt auch noch eine Atombombe [13]. die beim Absturz einer B 52 im Jahr 1968 verlorengegangen ist. Barentssee und Karasee sind ein Friedhof fĂŒr AtommĂŒll des sowjetischen MilitĂ€rs [14]. Von den PlĂ€nen, die schlimmsten Objekte zu heben zu heben, hat man seit Beginn des Ukraine-Kriegs nichts mehr gehört [15].
Deutschland spielt militĂ€risch in der Arktis bisher keine groĂe Rolle. Wie die Antwort auf die Linken-Anfrage nahelegt, liegt der Fokus aktuell auch eher auf dem Engagement in Litauen. Deutschland hatte allerdings eine gut ausgestattete Arktisforschung, von der die Expedition Mosaic 2019/2020 [16] nur das prominenteste Beispiel war â und die ohne die Kooperation Russlands nicht hĂ€tte stattfinden können. Gerade deshalb sollte man wissen, was auf dem Spiel steht.
URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-9182695
Links in diesem Artikel:
[1] https://dserver.bundestag.de/btd/20/067/2006748.pdf
[2] https://www.bundeswehr.de/de/organisation/luftwaffe/aktuelles/arctic-challenge-exercise-2023-im-norden-wird-trainiert-5630136)ander%C3%9Cbung%22ArcticChallenge%22(https://ilmavoimat.fi/en/ace23-en
[3] https://ilmavoimat.fi/en/ace23-en
[4] https://sfn.nato.int/newsroom/news-archive/2023/uss-ford-carrier-strike-group-sails-under-nato-command-in-high-north
[5] https://www.highnorthnews.com/nb/den-russiske-nordflaten-med-tett-ovingsaktivitet-gjennom-hele-mai
[6] https://thebarentsobserver.com/en/security/2023/06/nato-scrambled-meet-russian-bombers-interceptor-aircraft-north-carrier-strike-group
[7] https://www.nzz.ch/international/bundeswehr-trotz-sondervermoegen-befuerchten-politiker-die-pleite-ld.1733808
[8] https://www.auswaertiges-amt.de/de/newsroom/maas-arktisleitlinien/2240016
[9] https://www.telepolis.de/features/Ukraine-Krieg-sprengt-Arktischen-Rat-6540113.html
[10] https://www.telepolis.de/features/Wird-Russland-durch-Sanktionen-zum-schwarzen-Loch-der-Klimaforschung-7340513.html
[11] https://www.telepolis.de/features/Chance-fuer-Klimaforschung-mit-Daten-aus-Russland-Der-Arktische-Rat-lebt-9015242.html
[12] http://www.campcenturyclimate.dk/ccc/index.html
[13] https://www.spiegel.de/panorama/groenland-angst-vor-verschollener-atombombe-a-88971.html
[14] https://thebarentsobserver.com/en/ecology/2020/08/russia-has-several-thousand-nuclear-objects-dumped-its-arctic-sea-floor-now-most
[15] https://thebarentsobserver.com/en/nuclear-safety/2021/05/lifting-nuclear-waste-kara-sea-gets-priority-russias-arctic-council
[16] https://mosaic-expedition.org/
Copyright © 2023 Heise Medien