Grenzen und Migrationsbewegungen

Über Saskia Sassens Buch "Migranten, Siedler, Flüchtlinge"

Globalisierung heißt Öffnung der Grenzen, freier Fluß von Waren, Informationen und Kapital. Gleichzeitig aber werden überall wieder die Grenzen gegenüber Menschen verstärkt und ausgebaut, die nicht zur sozialen Elite gehören, sondern wegen Armut und Verfolgung aus ihren Ländern und Regionen auswandern wollen. Während die Wirtschaftspolitik sich den Globalisierungsprozessen anpaßt und diese fördert, basiert die Einwanderungspolitik auf alten und überdies falschen Konzepten des Nationalstaates.

Um die Zonen der Reichen und die reichen Länder werden neue Mauern gezogen. In den USA wird die Grenze zu Mexiko verstärkt, Südafrika hat schon lange einen elektrischen Zaun gebaut, um die Einwanderung von Mocambique zu reduzieren, in Finnland wird eine elektronische Mauer als Grenze zu Rußland gebaut. Rechte, nationalistische Parteien in ganz Europa wollen den Zuzug von Fremden beenden, die Immigranten ausweisen und die Grenzen ihrer Länder gegenüber der europäischen Einigung sichern. Ganz allgemein läßt sich feststellen, daß es eine starke Tendenz gibt, das sich vereinigende Europa stärker als Festung gegenüber Einwanderern und Flüchtlingen auszubauen. Bereits seit geraumer Zeit haben Menschen Angst vor Einwanderern und Überfremdung, weil sie um ihre Arbeitsplätze, ihre Sicherheit und kulturelle Identität fürchten. Aus Angst vor der Masseninvasion werden Grenzen geschlossen, entstehen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, glaubt man an die Unvereinbarkeit verschiedener Kulturen.

Saskia Sassen will in ihrem neuen Buch über die Wanderungsströme aufklären und zeigen, daß die Furcht vor unkontrollierter Einwanderung, vor Überschwemmung der reichen Länder nur ein Phantasma ist. Migrationen sind Folge einer bestimmten Beziehung zwischen Auswanderungs- und Einwanderungsländer. Sie verlaufen keineswegs ungeregelt, sondern sind strukturiert und in historische Phasen eingebettet. Nur bestimmte Bevölkerungsgruppen verlassen ihre Heimatländer und die Rückwanderung ist beträchtlich. Sowohl innerhalb der "grenzfreien" Europäischen Union als auch im globalen Weltmarkt fallen allmählich die nationalen Grenzen, die den freien Fluß der Waren, des Kapitals und der Informationen hemmen. Weil heute die nationalen Volkswirtschaften an Einfluß verlieren, werden die Grenzen porös, doch sie geraten immer mehr zu äußerst restriktiven Schleusen für die Migration und die Beweglichkeit der Menschen.

Es gibt heute einerseits die Tendenz zur Entwicklung grenzfreier Wirtschaftsräume, andererseits das Bestreben, Grenzenkontrollen wiederzubeleben, um die Einreise von Immigranten und Flüchtlingen zu verhindern. Der gegenwärtige Austausch von Kapital, waren, Informationen und Kultur läßt die heutigen Bemühungen zur Beendigung der Einwanderung als paradox erscheinen.

Saskia Sassen

Die Gleichzeitigkeit der gegensätzlichen Globalisierungsprozesse und Einigelungspolitiken ist Ausdruck irrationaler Angst. Während das globale Wirtschaftssystem Märkte öffnet und dereguliert, was den Verlust der Kontrollmöglichkeiten nationaler Regierungen führt, scheinen diese auf Druck ihrer Bevölkerung ihre Bedeutung durch die Einwanderungspolitik wahren zu wollen, die an alte Konzepte von Nationalstaat und Staatsgrenzen festhält. Diese Politik ist jedoch bislang gescheitert, weil die Zahl der legalen und illegalen Einwanderer in den reichen Ländern gleichwohl stark angestiegen ist, auch wenn die Migration nicht mehr so groß ist wie während der Epoche des Kolonialismus und in Europa bis nach dem Zweiten Weltkrieg und sich weitaus größere Wanderungsströme zwischen den armen Ländern vollziehen.

Saskia Sassen sucht mit der Geschichte der europäischen Wanderungsbewegungen seit 1800 Grundlagen für eine neue und unaufgeregte Politik der Einwanderung zu legen. Innerhalb Europas gab es seit je Wanderungsbewegungen und die Herausbildung von Nationen, der kapitalistischen Wirtschaft und neuer Transportmittel (Eisenbahn, Dampfschiffe) haben zu neuen geführt. In aller Regel waren Armut und schlechte Wirtschaftslage in den Herkunftsländern und Arbeitskräftebedarf in den Zielländern Ursache der Migration. Und stets kommen nicht Migranten aus irgendwelchen armen Ländern, sondern aus solchen, mit denen das Zielland politisch oder wirtschaftlich verbunden ist. Noch sehen die Europäer wohl ihre Kultur eher als ein Exportprodukt und waren europäische Länder bis in dieses Jahrhundert hinein vorwiegend Auswanderungsländer - zunächst in den Osten und in die Kolonien, dann vor allem in die USA und andere lateinamerikanische Länder. Im 17. und 18. Jahrhundert gab es daher in vielen Ländern Ausreisebeschränkungen, andererseits waren die Grenzen weitaus offener als heute und gab es viele regionale und überregionale Wanderarbeitsrouten für Saisonarbeiter, die sich dann teilweise auch dort niederließen, wo sie Arbeit fanden. Politische Flüchtlinge wurden normalerweise bis Mitte des 19. Jahrhunderts freundlich aufgenommen. Erst die großen europäischen Kriege und der wachsende Nationalismus brachte neue Flüchtlingsströme und striktere Regelungen hervor.

Die einzelnen europäischen Staaten unterschieden sich bis vor wenigen Jahren in ihrer Einwanderungspolitik oft recht erheblich. Bevorzugte Deutschland stets eher eine zeitlich begrenzte Einwanderung, so erlaubte Frankreich die dauerhafte Immigration recht großzügig, oder war Italien vorwiegend ein Auswanderungsland. Noch bis in die 50er Jahre hinein kamen nach den durch den Zweiten Weltkrieg ausgelösten Massenfluchten die Einwanderer vorwiegend aus anderen europäischen Ländern oder waren es Rückwanderer aus den ehemaligen Kolonien. Nachdem in den 70er Jahren die Zahl der ausländischen Arbeitskräfte einen Höhepunkt erreichte, entstanden wieder Proteste gegen die Einwanderung und wurden Einwanderungsstops beschlossen. In den 80er Jahren kam es dann zu einer erneuten Welle an Flüchtlingen, Asylsuchenden und Aussiedlern aus Osteuropa und der früheren Sowjetunion. Seitdem leben ganze Parteien maßgeblich von ihrer Haltung zur Einwanderungspolitik. Durch den Einwanderungsstop und Beschränkungen Asylrechts wuchs die illegale Immigration recht beträchtlich und wurden ehemalige Auswanderungsländer in Ost- und Südeuropa selbst zu Einwanderungsländern. Während die Westeuropäer noch in er Zeit des Kalten Krieges das recht auf ungehinderte Ein- und Ausreise einklagten, erwarten sie heute, daß die östlichen mitteleuropäischen Länder ihr Grenzen überwachen.

Sassen plädiert für eine Harmonisierung und Liberalisierung der Einwanderungspolitik in Europa, für die Gewährung der vollen Reisefreiheit der legalen Einwanderer in der EG und einer besseren Integration der ansässigen Immigranten. Man kann, weil Migration von politischen und ökonomischen Prozessen strukturiert und begrenzt wird, die Einwanderung liberal regulieren, zumal, wie Sassen betont, Einwanderer immer noch nur einen kleinen Teil der Bevölkerung darstellen. Und Migrationen gehören schließlich zur europäischen Geschichte.

Den Nachdruck, den Sassen auf die politischen und ökonomischen Strukturen legt, ist wichtig und kann die Angst vor einer unkontrollierbaren Überflutung womöglich dämpfen, um den Grundstock zu einer liberalen und einheitlichen europäischen Einwanderungs- und Asylpolitik zu legen. Zu kurz kommt dabei freilich das Problem, daß es sich bei der Migration nicht nur um eine Arbeitsmarktfrage handelt, sondern mehr und mehr um ein kulturelles Identitätsproblem, das derzeit zu wachsender Fremdenfeindlichkeit und Rassismus neigt. Darauf geht Saskia Sassen leider in ihrem Buch kaum ein, das möglicherweise entgegen der eigenen Intention die Gleichzeitigkeit einander gegenläufiger und sich wechselseitig verstärkender Tendenzen hinsichtlich der Bedeutung von Grenzen in einer Zeit aufzeigt, in der die einzelnen Staaten Macht und Kontrollmöglichkeiten verlieren und sich eine neue Weltgesellschaft aufbaut. Positionen wie die Samuel Huntingtons, der vom Kampf der Kulturen spricht und letztlich die Schließung der Grenzen legitimiert, könnten so zu einem gefährlichen ideologischen Potential der Angst werden.

Saskia Sassen: Migranten, Siedler, Flüchtlinge. Von der Massenauswanderung zur Festung Europa. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 1996. 216 Seiten. DM 18,90.- (Florian Rötzer)