Greenspan warnt vor neuer Krise

Der ehemalige Chef der US-Notenbank warnte auch vor hohen Inflationsraten in den USA

In einem Interview mit der BBC sagte Alan Greenspan, dass die nächste Finanzkrise kommen wird: "The crisis will happen again but it will be different." Damit gibt der ehemalige Chef der US-Notenbank (FED) allerdings nur einen Allgemeinplatz von sich. Denn Krisen sind schließlich eine immanente Erscheinung des Kapitalismus. Somit ist es einfach, weitere Krisen vorherzusagen und ebenso einfach ist es zu erklären, dass die nächste sich von dieser unterscheiden wird.

Schon eher erstaunt aber die Begründung, die Greenspan als Ursprung von Krisen anbietet: "That is the unquenchable capability of human beings when confronted with long periods of prosperity to presume that it will continue." Also ist es seiner Meinung nach nicht der Kapitalismus, der Krisen produziert, sondern der menschliche Glaube daran, dass es immer weiter bergauf gehen könnte. Damit stellt er seiner Politik in der FED und der seines Nachfolgers Ben Bernanke auch einen Freibrief aus. So verwundert es eigentlich niemanden, dass er im Interview jede Mitverantwortung für die derzeitige Krise zurückwies.

Dass an der Krisenbekämpfungspolitik, also der Flutung der Märkte mit billigem Geld, und an der mangelnden Kontrolle über den Finanzsektor etwas faul sein könnte, sieht Greenspan nicht. Dabei hat doch genau diese Politik, mit der die einstige Krise nach dem Platzen der Blase am "Neuen Markt" bekämpft wurde, genau dazu geführt, dass sich noch größere Spekulationsblasen aufgebläht haben. Recht hat Greenspan insofern, dass die Probleme mit schlecht abgesicherten Subprime-Kredite nur der Katalysator waren. Letztlich hätte auch jedes andere der vielen strukturellen Probleme früher oder später die Krise ausgelöst: "Something sooner or later would have emerged", sagte Greenspan.

Doch nachher sind natürlich alle schlauer. Letztlich ist das Interview aber ein Zeugnis davon, dass Greenspans Analysefähigkeit deutlich eingeschränkt ist. Unterschwellig gibt er das auch zu. Er bezeichnet diese Weltwirtschaftskrise als "once in a century type of event" und räumt ein, dass er nicht davon ausging, Zeuge dieses Jahrhundertereignisses zu werden. Dass mit der derzeitigen Strategie zur Bekämpfung dieser neuen Krise aber nur die Grundsteine für noch größere Blasen gelegt werden, kann er offensichtlich mit einer gewissen Betriebsblindheit nicht sehen.

Möglicherweise könnte auch Greenspan noch Zeuge eine Krise werden, welche die derzeitige noch deutlich übertrifft, weil mit dem Konzentrationsprozess und mit der Aufweichung der Bilanzierungsregeln nun noch weniger Transparenz als vor Ausbruch dieser Krise da ist und keines der Probleme beseitigt wurde, die sie ausgelöst haben. Allerdings müsste man dazu davon ausgehen, dass die derzeitige Finanz- und Wirtschaftskrise schon überwunden oder am Vorbeigehen ist, wie gerade überall verkündet.

Doch daran darf gezweifelt werden. Das herbeigedopte Miniwachstum im zweiten Quartal in Frankreich und Deutschland dürfte schnell wieder in sich zusammenbrechen, weil Konjunkturspritzen, wie die Abwrackprämie, auslaufen. So geht der Schweizer Börsendienstes Neuro System AG davon aus, dass der derzeitige Börsenboom nur eine weitere Blase ist und die Konjunkturblase im Herbst platzen wird. Auch der Krisenprophet Nouriel Roubini, der ebenfalls schon "Licht am Ende des Tunnels" sehen wollte, fragt sich inzwischen, ob es sich dabei nicht um die Lampen eines Zuges handelt, der frontal auf einen zurast. Auch Roubini spricht bereits von einem Phantom-Aufschwung und warnt vor einer womöglich noch tieferen Rezession im kommenden Herbst.

Schließlich steigt die Arbeitslosigkeit weiter und wird immer deutlicher, dass man über Steuererhöhungen und Leistungskürzungen der breiten Masse in die Säckel greifen muss, um die hektischen Rettungsaktionen zu bezahlen, welche die Haushaltsdefizite weltweit explodieren lässt. Damit wird aber Kaufkraft entzogen und die Konsumlaune wird sich nicht gerade verbessern. Dass es zu einer weiteren Deregulierung kommen soll, Kündigungsschutz und Sozialleistungen abgebaut werden sollen, wird die soziale Unruhe verstärken, auch in Deutschland.

Insgesamt sind sich nun fast alle einig, dass auch der Dollar vor dem Aus steht und dass er wird wohl nicht mehr lange Leitwährung sein wird. Das enorme Staatsdefizit und die Billionen, mit denen die FED den Markt geflutet hat, treiben zudem die Inflationsängste deutlich an. Dass der Goldpreis derzeit so stark steigt, macht das unmissverständlich deutlich. Deshalb warnt sogar Greenspan davor, dass in den USA zweistellige Inflationsraten drohen, falls die Notenbank ihre lockere Geldpolitik nicht zurückfahre.

Doch das kann sie eigentlich nicht, weil damit sofort die Löcher in den geflickten Bankbilanzen wieder auftauchen würden und das schnelle Bankensterben eine ganz neue Dynamik erhalten würde. Viele Anleger kehren den USA deshalb längst insgeheim den Rücken. Die Hoffnung sinkt, dass die Regierung Obama die lahmende Wirtschaft wieder auf Trab bringen könnte. Der Harvard Professor Kenneth Rogoff geht davon aus, dass eine Schuldenkrise vorliegt und es über zehn Jahre zu einer kontinuierlichen Abwertung des Dollars kommen wird. Die Folgen einer daraus entstehenden ernsten Dollarkrise wären nur schwer abschätzbar. (Ralf Streck)