Giftgas-Angriff in Chan Scheichun: Die Fakten des Weißen Hauses sind keine

Woher kam der chemische Kampfstoff?

Der Journalist Michael Lüders verficht bekanntlich die These, wonach es den dschihadistischen Milizen möglich gewesen sei, sich chemische Kampfstoffe über die Türkei zu besorgen. Er lehnte sich dabei weit aus dem Fenster:

Mittlerweile wissen wir, dass es mit einer sehr großen Wahrscheinlichkeit nicht das Regime war, das für diesen Giftgasangriff verantwortlich war.

Michael Lüders

Diese Aussage, die mit einem ähnlichen Aplomb auftritt wie Aussagen der "anderen Seite", etwa vom Weißen Haus, ohne dass es dafür die nötigen Beweise gibt, stützte sich unter anderem auf eine Aussage von Can Dündar, die dieser aber bestritt und als "Unsinn" bezeichnete. Das heißt aber nicht, dass die Möglichkeit, wonach sich Milizen Kampfstoffe gegebenenfalls in der Türkei besorgt haben, ausgeschlossen wäre.

2015 bestätigten CHP-Politiker den Bericht, auf den auch Hersh verwiesen hatte (Wer steckt hinter dem syrischen Giftgas-Angriff?). Damals waren 13 Männer von der türkischen Polizei in der Südtürkei festgenommen worden, die Hersh als al-Qaida-Mitglieder bezeichnet. Sie sollen zwei Kilo Sarin mit sich geführt und versucht haben, Materialien zum Bau von Bomben und zur Produktion von Sarin zu kaufen. Sie wurden wieder freigelassen, schließlich hieß es von den Behörden, das Sarin sei nur ein Antifrostmittel gewesen.

Die CHP-Politiker hatten die Anklageschrift einsehen können. Darüber berichtete praktisch nur die Zeitung Zaman, die von der türkischen Regierung 2016 verboten wurde.

Lieferte die Türkei al-Qaida Giftgas?

Alles nur Verschwörungstheorie, wie ein Spiegel-Bericht von gleich drei Autoren, als Tendenz von Zweifeln an der Darstellung nach Art des Weißen Hauses feststellt?

Man könnte auch diesem Bericht eine Tendenz der Verschleierung entgegenhalten, der augenscheinlich einer politischen Linie folgt ("Die Islamisten sind Aleppos letzte Hoffnung"). Wieder wird die Präsenz von al-Qaida an dem Ort des Geschehens heruntergespielt. Die Rede ist lediglich von "der Terrormiliz Eroberungsfront Syriens und Rebellengruppen in der Provinz Idlib, in der die Stadt liegt".

Kein Beobachter, nicht einmal jene, die den "Aufständischen gegen al-Assad" freundlich gesonnen sind, lässt Zweifel daran aufkommen, dass Ha'yat al-Tahrir al-Sham den Ort Chan Scheichun und die Umgebung beherrscht, und keiner, außer den Milizen selbst und solchen, die von ihnen abhängig sind, äußert Zweifel daran, dass diese Dominanz mit Gewalt und nach Art des organisierten Verbrechertums ausgeübt wird. Ha'yat al-Tahrir al-Sham ist der jüngste Camouflagename für al-Qaida in Syrien.

Wohlgemerkt, was ich haben will, sind Tatsachen

Charles Dickens, Harte Zeiten

(Thomas Pany)