Generationenwechsel vollzogen?

Die ersten Top-Titel der PlayStation 3

76 Monate lang währte die Generation PlayStation 2 – mit bisher 111 Millionen verkauften Einheiten ist das eine unvergleichliche Erfolgsstory im Bereich der Computer-Unterhaltungsprodukte. Jetzt, knapp vier Monate nach Japan- und USA-Start, ist ihr Nachfolger in Europa erhältlich, ein multimediales Doppelpack. Die PlayStation 3 soll nicht nur zehn Jahre lang feinste Spielerlebnisse liefern, sondern nebenher das mögliche DVD-Nachfolgeformat Blu-Ray anschieben.

Resistance: Das 50er-Jahre-Weltkriegsszenario einmal anders: Aliens wollen die Welt erobern.

Und weil die günstigsten Blu-Ray-Player derzeit von Anbietern wie Samsung, Philips, Panasonic oder Toshiba in einer Preislage zwischen 500 und 1200 Euro angeboten werden, ist die Blu-Ray-Basis der PS3 kein schlechter Deal für die, die beste Spiel- und Filmunterhaltung wollen. Den Hauptcharakter der Plattform machen jedoch die Spiele aus, nur daraus ist vorerst Gewinn zu schöpfen, um die teuren Herstellungs- und Materialkosten zu subventionieren – Experten schätzen, dass Sony pro verkaufter Konsole ca. 240 Dollar Verlust macht. Wirkliche Hammer-Games sind im mehr als 35 Titel umfassenden Launch-Line-up jedoch Mangelware.

Die erste Fuhre PlayStation 3-Games enthält alle wichtigen Genres, theoretisch ein guter Start: Action-, Sport-, Renn- und Rollenspiele. Die Qualität der meisten Entwicklungen enthält jedoch nichts Weltbewegendes, zeigt nur ansatzweise, wozu die PS3 technisch fähig sein wird. Und das ernüchterndste: Microsoft hat in den 16 Monaten, die es die Xbox 360 gibt, die nächste Generation der Konsolenspielerlebnisse mit exklusiven Krachern wie "Gears of War", "Dead Rising" oder "Lost Planet" längst eingeläutet.

Nichtsdestotrotz sehen die von Xbox 360 portierten oder gleichzeitig erscheinenden Titel großer Dritthersteller wie Electronic Arts („Fight Night Round 3“, "Def Jam: Icon"), Activision („Marvel: Ultimate Alliance“), Ubisoft („Tom Clancy’s Splinter Cell: Double Agent“, "The Elder Scrolls lV: Oblivion") oder Sega ("Virtua Tennis 3") auf der PS3 genauso gut aus. Wirklich interessant wird es aber erst bei jenen Titeln, die nur für PlayStation 3 entwickelt wurden. Zwei Titel stechen besonders hervor.

Motorstorm

Mit einer Fahrsimulation hat der Offroad-Racer "Motorstorm" recht wenig zu tun: Lenkbewegungen lassen sich, wie in einem Arcade-Rennspiel, sehr draufgängerisch kalkulieren und spektakulär ausführen. Die Bewegungssensoren des Sixaxis-Controllers, dessen Design dem des bewährten Dualshock 2 entnommen ist, kommen beim lenken nach links oder rechts auch zum Einsatz.

“Motorstorm“: Was hier noch gesittet aussieht, ändert sich schnell: Aufgrund vieler alternativer Parallelstrecken bricht fast das Chaos aus

Wer will kann das Feature im Menü ein- und ausschalten. Für eine präzisere Kontrolle garantiert jedoch die klassische Ministicksteuerung, so dass die Bewegungssensoren eher Partyspielcharakter haben. Gas geben und blinde Kenntnis der weitläufigen Offroad-Strecke und ihrer etlichen Abkürzungen zu haben ist der Schlüssel zum Sieg. Während der Einzelspielermodus mit dem dürftigen Umfang von nur acht Strecken zu kurz geraten ist, sorgen Mehrspielerrennen off- sowie online für lang andauernden, adrenalinhaltigen Wettkampfspaß.

Bei Tag, Dämmerung und Nacht, auf Schotter, Sand und Matsch beackern im Onlinemodus bis zu zwölf Kontrahenten großzügig abgesteckte Canyon-Strecken, durchbrechen Hürden, bedrängen Gegner und geben Turbospeed.

Resistance: Fall of Man

Der zweite A-Titel heißt "Resistance: Fall of Man", ein Shooter, der Sonys Next Gen-Eintritt technisch ordentlich veranschaulicht. Wenn auch die Grafik nicht an den Xbox 360-Nebenbuhler „Gears of War“ heranreicht, bekommen Action-Fans einiges an Wahnsinnsspielkost geboten. Das Szenario ist ein Mix aus Bewährtem; der Weltkriegs-Shooter Call of Duty und sein Science-Fiction-Pendant Halo dienen als Ideengeber. Ort des Geschehens ist eine Parallelerde, die den zweiten Weltkrieg nicht erleben muss, stattdessen aber von Aliens überrannt wird. Erst fällt Asien, dann Ost-, schließlich auch Westeuropa und wie es halt so ist, müssen die Amerikaner Befreier spielen.

Nathan Hale heißt der Soldat, der gespielt wird und dessen Heldentaten es sind, die einen entscheidenden Beitrag zur Rettung der Menschheit leisten. Geschichte live sozusagen, schon ein gutes Gefühl, auch wenn das Erzählen ebensolcher bald in den Hintergrund rückt. Darum geht es bei „Resistance“ (Trailer) auch nicht, Ballern ist angesagt und Geiler-Ballern die simple „Handlung“. Denn Entwickler Insomniac Games (Ratchet & Clank) hat genau das gemacht, was er am besten kann: Wummen erfinden, die so unglaublich sind, dass es eine Freude ist, anschwärmende Horden auszutilgen – ein altes Rezept, dessen Evolution vor 30 Jahren, mit den ersten, im Verlauf eines Spiels gewonnenen Doppelschüssen begann.

Gewaltig: Das durchgeknallte Waffenarsenal des ersten PlayStation 3-Shooters

In „Resistance“ sind es nicht mehr Doppelschüsse, die einen zum Weiterkommen motivieren, sondern - neben genretypischen Granaten, Maschinen- und Schrotgewehren - exotische Waffen außerirdischer Herkunft. Eines der Gewehre erlaubt aus der Deckung durch Wände zu schießen. Wieder ein anderes erzeugt ein Kraftfeld, durch das nur ein Kugeltyp dringt. Last but not least gibt es eins, mit dem man den Feind nur markiert – jedes weitere Geschoss folgt dem ersten von selbst. Die künstliche Intelligenz der wenig abwechslungsreichen Alien-Arten lässt jedoch zu wünschen übrig: Die Gegner gehen zwar in Deckung, unternehmen aber nichts um den Spieler aus seiner herauszulocken. Dafür sind Online-Matches mit bis zu 40 Teilnehmern möglich und jeder, der Shooter-Games mag, findet darin Nahrung für die nächsten Wochen und Monate.

Auch „Resistance“ geht als würdiger PlayStation 3-Starttitel durch. Der graubraune Look soll zwar eine vom Entwickler gewollte 50er-Jahre-Atmosphäre erzeugen, hat auf Dauer jedoch etwas Eintöniges. Dafür ist das Bild gestochen scharf und ruckelfrei; selbst Bewegung in jedem Winkel bremst die Action nicht.

Fazit: Eine neue Generation der Spielkonsolen kommt immer erst langsam in Schwung, so ist es auch bei der PlayStation 3, die nach Sonys Vorstellungen zehn Jahre lang das Nonplusultra im Bereich des Konsolengamings sein soll. Ob Microsoft mit seiner früh gestarteten Xbox 360 den Rhythmus der Konsolengenerationen durcheinander gebracht hat, wird sich zeigen. Das eine Drittel, das die 360 günstiger ist als die PS3 könnte sich in einer noch früher folgenden, und damit die Hochphase der PS3 störenden Xbox 3 niederschlagen. Klar ist jedoch jetzt schon: Auch wenn die PlayStation 3 es nicht so leicht haben wird wie ihre Vorgängerin, lässt sich an den ersten Exklusiv-Games abschätzen, dass Besitzer der Highend-Konsole noch einiges erwarten wird. (Mark Lederer)