Gegner des drohenden Irak-Kriegs mobilisieren für den 15.2. im Internet

Während sich die PR-Strategen der US-Regierung auf die Mainstream-Medien konzentrieren, boomen im WWW die Friedensinitiativen

Im Internet dominieren die Kriegsgegner. Für den "Aktionstag gegen den Krieg" am 15. Februar läuft jetzt der virtuelle Countdown.

Während die PR-Strategen der US-Regierung "weiße" (Charlotte Beers) und "schwarze" (John Rendon) Propaganda betreiben und dafür vor allem reichweitenstarke Fernsehsender benutzen, formiert sich laut US-Medien die "größte Anti-Kriegsbewegung seit Vietnam". Ihr Medium ist das Internet. Das WWW bietet eben Raum genug für die Etablierung einer "Gegenöffentlichkeit", die der PR-Maschinerie des Pentagon Paroli bieten will.

Plattformen wie die Initiative "Mediaworkers against War" (MWAW) kritisieren, dass Aussagen der US-Regierung in den Massenmedien unhinterfragt kolportiert würden. Die in London beheimatete und bereits zur Zeit des ersten Golf-Krieges gegründete, unabhängige Gruppe von Medienleuten sammelt auf ihrer Homepage alle relevanten News zum Thema Anti-Irak-Krieg. Mit täglichen Updates bildet sie einen der größten kritischen Ressourcen-Pool. Ein wahrer Fundus ist auch die mehrsprachige alternative Nachrichtenagentur IPS. Mehr Diskussion findet sich wiederum auf Indymedia).

Altbekannte NGOs haben indes eigene Anti-Kriegs-Kampagnen gestartet. Newsletter, Homepages, etc. werden als Informationskanäle genutzt, um zu die Kriegsgegner zu mobilisieren. Amnesty International reagierte auf den drohenden Irak-Krieg beispielsweise mit speziellen "urgent actions" und kritischen Fragen an Powell in Davos (http://www.amnesty.de). Greenpeace engagierte sich jüngst in Bratislawa gegen die Beteiligung slowakischer Truppen an einem Irak-Krieg. In Spanien haben vor wenigen Tagen Amnesty, Greenpeace, Oxfam und die Ärzte ohne Grenzen die Website Ante la Guerra - Actua eröffnet, in der sie die Internetbenutzer aufrufen, Protestmails an den spanischen Regierungschef Aznar zu schreiben und ihn dazu aufzufordern, sich aktiv gegen einen Krieg einzusetzen. Über 85.000 sind bis gestern bereits verschickt worden.

In den USA trat in jüngster Zeit A.N.S.W.E.R (Act Now to Stop War and End Racism) besonders stark in Erscheinung. Die Initiative war maßgeblich an der Organisation der Massenkundgebungen in den USA im Januar beteiligt und schuf die Plattform "Not in Our Name". Die Träger der aktuellen Proteste kommen aus unterschiedlichen ideologischen Ecken - von weit links außen über Frauengruppierungen bis hin zu christlichen Gruppen. Die sich derzeit formierende Friedensbewegung ist ebenso inhomogen wie die globalisierungskritische Bewegung. Eine weitere US-Site vernetzt die amerikanischen Aktivisten und könnte als eine Art virtuelle Dachorganisation bezeichnet werden. An die 70 Initiativen schlossen sich inzwischen mit United for Peace kurz. Auf deren Homepage werden sowohl Newsletter als auch eine Suchmaschine für Anti-Kriegs-Aktionen in den einzelnen Bundesstaaten angeboten.

In Großbritannien, wo auch viele auflagenstarke Medien auf ihren Online-Ausgaben eigene Irak-Sections mit teils überaus kritischen Einschätzungen der US-Kriegs-Ambitionen eingerichtet haben, sticht bei den privaten Initiativen vor allem Stop War hervor. Über einen durchaus professionellen Pressedienst versuchen sie ihre Botschaften auch in den Mainstream-Medien zu platzieren und reagieren auf wichtige Vorstöße der US-Regierung mit prompt mit gegenläufigen Statements. Anlässlich des Auftritts von Collin Powell vor dem UN-Sicherheitsrat am vergangenen Mittwoch stellten sie Aussagen des ehemaligen Koordinators des UNO-Hilfsprogramms für den Irak, Hans von Sponeck in ihre Presserubrik.

"Today former UN Humanitarian co-ordinator in Iraq, Hans von Sponeck, issued this challenge to Colin Powell: 'UN arms inspectors are producing evidence of absence of weapons of mass destruction in Iraq. The US and British governments have not managed to produce more than allegations. A pre-emptive war, Secretary Powell, would not only constitute the death penalty for large numbers of innocent civilians. It will also violate international law and further marginalize the UN.' "

Derart mediengerecht portionierte Statements der Friedensbewegung werden auf "Stop War" ebenso angeboten wie Kontakte zu interessanten Interviewpartnern. In Italien treffen sich die Kriegsgegner auf Seiten wie Carta.org, wo neben News auch Grundsatzartikel über die notwendige Abgrenzung zum Regime von Saddam Hussein und Startegie-Fragen (z.B. "menschliche Schutzschilder" für die Zivilbevölkerung ) zu finden sind.

Natürlich sind auch die Aktivisten im deutschsprachigen Raum nicht untätig. Für die bevorstehenden Demonstrationen am 15. Februar wurde ein Aktionsbündnis mit eigener Webpage gegründet. Neben dem Programm ist dort eine Bus- und Bettenbörse abrufbar. Die Ärztevereinigung IPPNW startete eine Postkartenaktion an Gerhard Schröder und G.W. Bush. Die Initiative Vote4Peace will in den nächsten Wochen 100.000 Unterschriften unter eine Anti-Kriegs-Petition sammeln, um diese an die Bundesregierung zu übergeben.

Die Kriegsbefürworter scheinen das Netz noch nicht wirklich für sich entdeckt zu haben. Einschlägige Websites tauchen nur vereinzelt auf. "Americans for Victory Over Terrorism" (AVOT) ist eine jener Initiativen, die einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht hat. Auf der Homepage finden sich alle Argumente für einen Irak-Krieg und Berichte zu den Missetaten des irakischen Diktators (die im übrigen auch die Friedensaktivisten nicht leugnen). Diskussionsforen gibt es allerdings ebenso wenig wie ein Newsletterservice. Nicht gerade professionell, würde wohl ein PR-Experte über den Mangel an "Kundenbindung" urteilen.

Die Friedensaktivisten scheinen jedenfalls im Netz die Nase vorne zu haben. Wie hoch ihr Mobilisierungsgrad tatsächlich ist, wird sich am 15. Februar zeigen. (Brigitte Zarzer)