Gebt uns öfter mehr Geld

In den neuen Staaten des ehemaligen Jugoslawien scheint die Zeit stillzustehen. Anstatt der einen kommunistischen Partei sind jetzt mehrere Herrschaftscliquen an der Macht, deren primäres Anliegen nicht der Wiederaufbau des Landes oder die Stärkung der Demokratie ist, sondern die Sicherung ihrer Pfründe. Hilfsgelder versickern, die Wirtschaft liegt darnieder, die früheren polit-ökonomischen Strukturen haben sich erhalten und der Nationalismus, der zum Krieg geführt hatte, beherrscht weiter die politische Bühne. Ivo Skoric deckt die einfachen Mechanismen des absurd wirkenden politischen Theaters auf.

Nicht anders wie in besseren amerikanischen Unternehmen wurden Intelligenz und Talent zu einem Nachteil für den Erfolg in der späten jugoslawischen Politokratie. Man betrachtete sie mit Mißtrauen wie einst bei der mittelalterlichen Kirche. Auserwählte Kader führten rituelle außerordentliche Treffen durch, die nichts Außergewöhnliches lösten, da sie dazu da waren , nichts Außerordentliches zu lösen. Nichts mußte gelöst werden, alles war gut. Fabriken stellten keine Güter her, aber die Menschen hatten Arbeitsplätze. Angestellte hatten Arbeitsplätze, aber sie bekamen kein Gehalt oder wurden sehr schlecht bezahlt. Sie bekamen keinen Lohn, aber die Konsumausgaben stiegen an. Die Statistiken gingen weiterhin nach oben, und die Politiker sprachen an einem Tag über die ökonomische Erholung und an einem anderen vom bevorstehenden Zusammenbruch, fast so als wären das überall verfügbare Tranquilizer, die schnell wirken.

Die einzige Wachstumsbranche war die Erhebung von Gebühren. Verschiedene Dienstleistungsfirmen breiteten sich aus, vor allem im Export-Import-Sektor. Jeder exportierte und importierte etwas und verdiente dabei Geld, aber niemand machte sich deutlich, wie das funktionierte. Die Regierung erhob Steuern, die natürlich niemand zahlte, weswegen alle Inspektoren gut von Bestechungen lebten. Als Reaktion druckte die Regierung mehr Geld. Das Land stürzte weiter in Schulden ab, aber nur jene, die dies betrieben, wurden für höhere Machtpositionen gewählt. Seltsamerweise unterstützten die westlichen Banken jahrelang eine solche Ökonomie mit Krediten. Die Mitglieder der jugoslawischen Herrschaftsklasse verbrachten die meiste Zeit mit Gezänk über die Verteilung des Geldes, das ihnen, wie sie glaubten, als den Erben Titos zustand. Der Glaube, daß die westlichen Unternehmen von ähnlichen Kadern wie jenen, die das späte Jugoslawien regierten, mit der Tendenz gesteuert wurden, diese Regierungsdarlehen zugunsten des Leichnams ihres alten Führers zu unterzeichnen, ist ganz verständlich.

Die Situation veränderte sich bekanntlich über Nacht. Im Unterschied zur USA verlor Jugoslawien die Kreditwürdigkeit bei seinen Geldgebern. Wahrscheinlich hatte Jugoslawien nicht genügend Schulden. Gerade einmal 20 Milliarden Dollar. Das ist für ein Land mit 20 Millionen Einwohnern nichts. Die Schulden der USA beispielsweise liegen bei einer Bevölkerung von 250 Millionen Menschen in der Höhe von 400 Billionen. Ohne weitere Geldzufuhr von außen würde das System, das eher auf der Überwachung der Ausgaben denn auf der der Produktion gründet, so schnell zusammenbrechen, wie die Kredite zurückgehen. Die ökonomischen Verhaltensweisen des alten Systems setzten sich jedoch in den neu entstehenden Staaten des ehemaligen Jugoslawiens fort. Diese Gewohnheiten sind heute nicht nur eines der Haupthindernisse für die Verwirklichung des Dayton-Abkommens, sondern ganz allgemein auch für den Frieden und die Stabilität in der Region.

Biljana Plavsik klagt die Korruption an, als ob das hier etwas Neues und Besonderes sei. Doch der ganze Krieg und die bestehenden Aufteilungen wurden genau wegen der Korruption und den Möglichkeiten für manche geschaffen, um dadurch reich zu werden. Um so mehr Länder, Staaten und Kantone es gibt, desto mehr Regierungen können Steuern erheben und desto mehr Kader können von lokalen Bürokratien beschäftigt werden, um verschiedene Gebühren für Lizenzen, Pässe, Zertifikate oder Dokumente zu erheben, für die es (noch) keine Äquivalente in englischer Sprache gibt. Mehr Länder heißt auch mehr Grenzen, und mehr Grenzen setzen sich um in mehr Zölle und Export-Import-Firmen. In Kroatien werden 25 Prozent des Einkommens durch Export-Import-Firmen erzielt. Banja Luka kauft Sachen von Sarajevo, das Sachen von Mostar kauft, das Sachen von Trebinje kauft, das Sachen von Podgorica kauft, das Sachen, die kostenlos aus dem Westen kommen, von in Kroatien ansässigen Hilfsorganisationen einführt. Das ist eine imaginäre, aber durchaus mögliche Kette. Und an jedem Glied der Kette befindet sich jemand, der seinen Anteil einstreicht.

Pompöse Regierungen winziger Staaten, die manchmal Republiken genannt werden, behandeln ihre Bürger wie die Untertanen von korrupten Königreichen im Mittelalter. Ihre einzige Aufgabe ist, sich den westlichen Kreditgebern als Opfer darzustellen, ein wenig Geld herauszupressen und dann seine Verteilung an ihre Gönner zu überwachen, die sie im Gegenzug durch Fernsehprogramme im Stil von Gehirnwäschen und durch brutale Gewalt am Leben erhalten. Man kann feststellen, daß sie alle in Begleitung von finsteren Gestalten herumlaufen, die mit ihrer rechten Hand eine Pistole halten.

Die Gemeinden bemerken selten viel von der Hilfe, nachdem sich viele Mittelsmänner ihren Anteil genommen haben. Den normalen Menschen wird erzählt, daß das Geld für die Verteidigung und den Wiederaufbau des Landes benötigt wird. Der Armee wird gesagt, das Geld stecke im Wiederaufbau. Aber es wird nicht viel gebaut, und das Geld ist fort.

Die Rückkehr der Flüchtlinge ist allgemein ein unerwünschtes Ereignis, wenn es nicht die eigenen sind und vor allem, wenn es die der "anderen Seite" sind. Flüchtlinge bedeuten, daß man mehr Münder füttern und mehr Körpern eine Heimstatt geben muß, weswegen es weniger Geld für die alten Kameraden gibt. Weil sie aber nicht offen die Flüchtlinge zurückweisen können, schaffen sie ein Klima, durch das die Flüchtlinge Angst vor der Rückkehr bekommen. Wenn sie aus den eigenen Reihen kommen, behandelt man sie als Verräter, die geflohen sind, als die Schwierigkeiten ihres heiligen Landes am größten waren. Man erwartet, daß sie mit Geld oder gar nicht zurückkommen. Und wenn sie nicht aus den eigenen Reihen kommen, dann sind sie ganz offensichtlich Feinde, die es wagen zurückzukommen. Dann läßt man Informationen über ihre Rückkehr an die "eigenen", erzürnten, hungrigen und oft halb obdachlosen Flüchtlinge durchsickern und wartet darauf, was geschehen wird. In Vogosca, einer Gemeinde, die einem Vertrag über ein neues Projekt zur Unterstützung der "offenen" Städten unterschrieben hat, die Flüchtlingen die Rückkehr ermöglichen, würden Flüchtlinge von Srebenica wahrscheinlich den 20 Serben die Bäuche aufgeschlitzt haben, die ihre alten Häuser ansehen wollten, wenn sie nicht unter großem Polizeischutz gestanden hätten. Natürlich ist der Polizeischutz bei solchen Gelegenheiten ein Ritual, das die dahinter stehende Absicht jedem deutlich macht: "Du wirst hier nicht ohne Polizeischutz leben können, also laß' es lieber sein."

Für die Flüchtlinge ist am besten, sie bleiben, wo sie sind, weil dann andere für sie verantwortlich sind. Für mich ist ganz klar, daß trotz der fünf schrecklichen Kriegsjahre und trotz der Aufnahme von fünf neuen Staaten in die UN als autonome Nationen, die polit-ökonomischen Strukturen Jugoslawiens weiter existieren, als wäre nichts geschehen. Die Wirtschaft beruht noch immer auf Hilfe und Regierungsdarlehen aus dem Westen. Die Verteilung dieser Gelder ist noch immer an eine Oligarchie von gerissenen, unersättlichen, aber nicht wirklich klugen Kadern und ihren Speichelleckern und Leibwächtern gebunden, die sich als "Geschäftsleute" geben.

Die größte Sorge all dieser "Führer" ist die Kontrolle der Geheimpolizei. Es werden Geschichten über die dunkle Seite des jugoslawischen Geheimdienstkrieges erzählt. Drei Tage nachdem Tudjman seine erste Präsidentschaft in Kroatien antrat, verschwanden auf seltsame Weise Aufzeichnungen aus der Geheimdienstzentrale der kroatischen Republik: endlose Aufzeichnungen von Mitteilungen, über Informanten und ihren Ziele, über jene, die wissen, wer in Kroatien wer ist. Im Gegenzug gewährte Tudjman seinem Sohn einen Einblick in den Geheimdienst Kroatiens. Sensible Dinge bleiben am besten in der Familie.

Eine der wichtigsten Handlungen, die Milosevic in Belgrad ausführte, war die Durchsuchung und Übernahme der jugoslawischen Geheimdienstzentrale durch seine Geheimpolizei der serbischen Republik. Das war das wirkliche Ende von Jugoslawien. Heute gibt es nur noch eine Person in Serbiens komplizierten Herrschaftssystem, die schon zu Beginn von Milosevics Machtantritt dort war: Jovica Stanisic, ein leitender Offizier der Geheimpolizei.

Einer der vielen Einwände von kroatischer Seite gegen die Unterzeichnung des Abkommens über wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Bosnien besteht darin, daß Sarajewo die AID (Agency for Information and Documentation, die Geheimpolizei von Izetbegovic) auflösen soll. Das ist verständlich. Seit der Verfassung von 1974 unterstand die Geheimpolizei den politischen Führern der Republiken und nicht mehr dem Staat. Als Ergebnis hatten wir ein Land, in dem acht Geheimpolizeiorganisationen einander ausspähten und übereinander Informationen sammelten. Der nächste Schritt bestand darin, aus einem Land fünf Länder zu machen und eine neue Generation von Führern zu schaffen, die verstehen, daß die Zahl der Länder unerheblich ist, solange die einzige Geheimpolizei von ihnen kontrolliert wird. Keiner würde seine/ihre Geheimpolizei aufgeben, eher schon Land oder Menschen. Sie wissen, daß ihr Macht vornehmlich in einer mit der Gestapo vergleichbaren Kontrolle ihrer Geheimpolizei besteht, die ihnen erlaubt, über ihr Territorium und die Menschen (egal wie wenige) in ihm zu herrschen.

Die härteste Bestrafung würde darin bestehen, ihnen kein Geld zu geben. Die IMF blockierte gerade 40 Millionen Dollar, die das zweite Mal an Kroatien gehen sollten. Das muß der Mafia und der politischen Bürokratie Kroatiens einen Schauer über den Rücken gejagt haben. Sie könnten beginnen, an Tudjmans Vorsehung Zweifel zu hegen. Sie benötigen dies Geld, um sich an der Macht zu halten. Mit der Zeit werden sie bereit sein, alles zu tun, um das Geld zu erhalten, ähnlich wie ein Süchtiger alles macht, um an seinen nächsten Schuß zu kommen: seinen Bruder verkaufen, seine Mutter betrügen, den besten Freund verraten. Unter solchen Umständen könnte sogar Tudjman nicht sicher sein. Schließlich sind 40 Millionen eine Menge Geld.

Es ist ganz offensichtlich eine kapriziöse Verschwörung, die von den Engländern angeführt wird. Sie behaupten, daß Kroatien Dayton und andere Abkommen zur Rückkehr von Flüchtlingen nicht erfüllt, die Kontrolle über Herceg-Bosna verloren und die Auslieferung von Kriegsverbrechern behindert hat. Kroatien behauptet, daß es die Rückkehr von Flüchtlingen zuläßt, und es hat tatsächlich eine paar vorgetäuschte Rückkehrversuche durchgeführt, die alle wegen der "Umstände" schlecht ausgingen. Was die Kriegsverbrecher und vorgeladenen Zeugen angeht, kann sie Kroatien nicht finden, auch wenn einige kroatische Minister oder Armeegenerale sind. Die Regierung aber arbeite daran. Die Engländer, die im letzten Jahrhundert auf grausame Weise bis zu einem Viertel der Erde beherrscht haben, kennen diese Tricks aus ihrer Vergangenheit nur zu gut. Sie haben ihr eigenes Imperium verloren und mußten gerade Hong Kong aufgeben. Warum sollten sie mit den Kroaten nachsichtig sein, die Mostar anscheinend nicht aufgeben wollen?

Ein Rücktritt Tudjmans würde an diesem Bild nicht viel ändern. Was wir dann sehen würden, wären die Begriffsstutzigkeit und der Mangel an Mitleid, die bei den politischen Führern des Balkans vorherrschen und sich wie eine ansteckende Krankheit verbreiten, da dies von der globalen Trägheit gegenüber den offensichtlich fruchtbaren Gebieten der westlichen Unternehmensherrschaft unterstützt wird.

Zum Schluß eine Anekdote zur Versöhnung. Die Fußballmannschaft aus Zagreb (Dinamo) spielte in Belgrad gegen die Fußballmannschaft Partizan aus Belgrad und verlor vor dem Publikum Belgrads das Spiel mit 1:0. Kroatische Fans durften nicht nach Serbien einreisen. Eine Woche später fand das Rückspiel in Zagreb statt. Dieses Mal durften keine serbischen Fans nach Kroatien einreisen. Partizan verlor gegen Dinamo mit 0:5, was Franjo Tudjman, den früheren Präsidenten des Fußballclubs Partizan und jetzigen Staatspräsidenten, zur Bemerkung veranlaßte, daß Kroatien die "überlegene Nation" sei. Die kroatischen Medien berichteten diese intelligente Bemerkung nicht, was ein Zeichen dafür sein könnte, daß sein Stern am Sinken ist. Die Fans von Dinamo machten sich wegen seiner früheren Verbindung zu Partizan lustig, aber besonders deswegen, weil er Dinamo zu Kroatien umtaufte, wie der offizielle Name des Fußballclubs heute lautet.

In der VIP-Tribüne des Zagreber Stadiums saßen zwei frühere Direktoren des Zagreber Fernsehens: Vrdoljak, der jetzt der Präsident von Dinamo ist, und Knezevic, der heute serbischer Botschafter in Kroatien ist. Dinamo schien in weit besser Verfassung zu sein. Aber was die "überlegene Nation" angeht: die Hälfte der Mannschaft besteht aus Bosniern.

Aus dem Englischen übersetzt von Florian Rötzer (Ivo Skoric)