Gaskrise: Warum die Einkaufstour ohne Moral nicht alternativlos ist

Gas-Fresser Plastik

Ansonsten soll die Gas-Krise dadurch gemildert werden, dass die Bürgerinnen und Bürger kürzer Duschen und weniger Heizen. Von der Verantwortung der Hausbesitzer für eine ausreichende Wärmesanierung oder vom industriellen Gasverbrauch ist hingegen selten oder nie die Rede, und die Vorstellung, hier eine Rationierung einzuführen, scheint tabu zu sein.

Dabei liegt hier ein erhebliches Einsparpotential, insbesondere mit der Plastikproduktion auch eines, das sowieso wegen der fehlenden Nachhaltigkeit und unkontrollierten Verbreitung von nur sehr schlecht abbaubarem Plastik und Mikroplastik bis in die allerletzten Winkel des Planeten unter die Lupe genommen gehört. Die Plastikherstellung ist mit Abstand der größte industrielle Verbraucher von Erdgas, Erdöl und Strom, heißt es in einem Bericht des Centers for International Environmental Law und der Kampagne Break Free From Plastic.

Die Plastikproduktion stellt damit noch die Stahl- oder die Automobilindustrie in den Schatten. 2020 sind demnach neun Prozent des EU-weiten Erdgasverbrauchs und weitere acht Prozent des Erdölverbrauchs auf ihr Konto gegangen. 40 Prozent allen Plastiks wird in der EU für Verpackungsmaterial eingesetzt. Würde diese Menge halbiert und die Recyclingrate in diesem Bereich auf 90 Prozent erhöht, ließen sich 6,2 Milliarden Kubikmeter Gas und 8,7 Millionen Tonnen Erdöl einsparen, rechnen die Autorinnen und Autoren vor. Das würde dem Gas und Erdölverbrauchs der Tschechischen Republik entsprechen.

Hierzulande ist die Industrie mit 37 Prozent der größte Gasverbraucher, gefolgt von den privaten Haushalten, auf deren Konto 31 Prozent des Verbrauchs geht, was rund 30 Milliarden Kubikmeter sind. Weiters haben die Gaskraftwerke 12 Prozent, Gewerbe, Handel und Dienstleistung 13 Prozent und die Fernwärme sieben Prozent des Gases verbraucht. Alle Zahlen beziehen sich auf das Jahr 2021.

Oder mit anderen Worten, würde wie in dem erwähnten Bericht vorgeschlagen die ohnehin ärgerliche, oft als sinnlos empfundene und für die Umwelt schädliche Verpackungsflut halbiert, könnte EU-weit Gas in einem Umfang eingespart werden, der einem knappen Viertel des deutschen Privatverbrauchs entspricht.

Aber dafür müssten Bundesregierung und EU-Kommission der Industrie ja Vorschriften machen, statt sich von ihr Gesetze schreiben zu lassen, mit der das Geschäftsrisiko der Energiekonzerne per Gasumlage von den Verbrauchern getragen wird.

Diese ist inzwischen so unpopulär, dass die Ampelkoalition demnächst einen Rückzieher machen könnte. Aber zum 1. Oktober wird sie wohl zunächst einmal eingeführt. Mehr dazu morgen im zweiten Teil der Wochenschau. In dem es ansonsten auch um die surreale Atomdebatte und den in ihr deutlich werdenden extremen Realitätsverlust des konservativen und rechtsradikalen Lagers gehen wird. (Wolfgang Pomrehn)

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