Freud und Schwert

Kampfkunst-Nostalgie für die Gegenwart: "Ashes of Time"

"Wie wunderbar, könnten wir zurück in die Vergangenheit reisen..." - "Das größte Problem des Menschen: Dass er sich erinnert." Zweierlei Sehnsüchte: Die nach der Aufhebung der Vergänglichkeit und die Lust am Vergessen - zwei Pole, zwischen denen die Figuren dieses Films, aber auch der Film selbst ozilliert. "Ashes of Time" ist ein Film, der einerseits vom Vergehen der Zeit handelt wie auch von ihrer Relativität.

Alle Bilder: Twentieth Century Fox

Im Kern erzählt der Film von der Nostalgie, die man für die Gegenwart empfinden kann, weil man in ihr immer schon die zukünftige Vergangenheit entdeckt. Es ist eine charmante Ironie, dass ausgerechnet dieser Film erst jetzt mit 15 Jahren Verspätung in einer leicht umgeschnittenen, visuell neu bearbeiteten Version als "Redux" ins Kino kommt - ähnlich wie seinerzeit Coppolas "Apokalypse now". So verdoppelt sich die Erfahrung des Films, die bereits für die Premiere 1994 - auf den Filmfestspielen von Cannes - galt: Auch im Kino ist die Zeit relativ, wird Vergangenheit Gegenwart und umgekehrt: Nun reisen wir mit diesem Film durch die Asche der Vergangenheit ins Jahr 1994 - als Leslie Cheung noch lebte, und Hongkong noch zum britischen Empire gehörte.

Melancholie und Stoizismus

Einmal im Leben, mindestens, muss ein chinesischer Regisseur einen klassischen Kampfkunstfilm drehen. "Ashes of Time" ist Wong Kar-wais Abbitte an das Martial-Arts Kino und seine Tradition. Zumindest an seiner Oberfläche ist dies darum nicht mehr und nicht weniger als ganz einfach die Verfilmung eines "Martial Arts"-Romans - des schnell kanonisch gewordenen "Eagle Shooting Heroes" von Louis Cha aus den 50er Jahren. Ein romantischer Actionfilm mit prächtigen Kampfszenen und großen Stars, darunter Tony Leung, Maggie Cheung, Carina Lau und dem viel zu früh gestorbenen Leslie Cheung auch solchen, die längst im Kino des Westens Preise und Achtung gewonnen haben. Die Handlung kreist um Kopfgeldjäger, die schon aus beruflichen Gründen cool und einsam sein müssen, aber natürlich doch Gefühle haben, die ihnen dann manchmal beim Job im Weg stehen.

Prächtig gefilmt von der Kamera Christopher Doyles erinnert "Ashes of Time" visuell dabei oft an den Italo-Western: Angesiedelt in einer weitgehend menschenleeren Wüstenlandschaft, unterbrochen von Erinnerungsflashbacks, treffen einsame Figuren aufeinander. Schon die Novellen, die die Vorlage lieferten, sind erfüllt von jener speziellen Melancholie Hongkongs, die sich in vielen der Filme des Stadtstaats niederschlägt: Menschen, die schon viel erlebt und auch erlitten haben, die stolz sind und ihre Erfahrungen darum in Stoizismus und einen leicht ironischen, abgeklärten Humor kleiden.

Abgründe der Erinnerung

Wie immer in Wong Kar-wais Filmen geht es aber um mehr: Um die Abgründe der Erinnerung, um Nostalgie, Fetische und um die Liebe. Die "extreme Einsamkeit" aller heutigen Liebenden, von der einmal Roland Barthes geschrieben hat, ist das gemeinsame Motiv der Story-Partikel, die sich hier, wie überhaupt in Wongs Werk zu einem einzigen und einzigartigen Sog zusammenfügen. Seine Filme sind wie ein reißender Bewusstseinsstrom, auf fragmentarische Weise erzählt, in losen, assoziativen, aber nuancierten Bildern, die sich gemeinsam mit der genauen Farbdramaturgie, Dialog- und Gedankenfetzen und mit Musik zu einem dichten und genau rhythmisierten atmosphärischen Teppich fügen, wie er im gegenwärtigen Kino ohne Beispiel ist, an den frühen Werner Herzog erinnernd - wie an Sigmund Freud.

Denn auch "Ashes of Time" streift die Terrains des Unbewussten wie des Unverständlichen, Nicht-Kommunizierbaren - eine komplexe Passage durch Zeiten und Ideen, Phantasien und Realität. Ihr auffälligstes Strukturprinzip ist das kalkulierte Déjà Vu, die Wiederholung bestimmter Themen und Motive, ihr filmisches Durcharbeiten und ihre labyrinthartige Zusammenfügung zu Assoziationsketten. Wong, der einmal als Drehbuchautor für Genrefilme begann, versucht, neben der von ihm gerade erzählten Geschichte, zugleich auch noch ihre anderen nicht auserzählten Möglichkeiten und Variationen zu erzählen. Um diesem Möglichkeitssinn Ausdruck zu geben, bedient sich der Regisseur des Mittels der Fragmentierung. Nicht nur visuell ist die von ihm gezeigte Welt in permanenter Bewegung. Auch seine Geschichten sind aufgeteilt, die Identitäten seiner Figuren aufgefächert. "Ashes of Time" ist aus vier oder fünf oder sechs Episoden zusammengesetzt. Die Diskontinuität regiert in der Welt des Wong Kar-wai schon von Anfang an mit.

Ein Actionfilm über Nichtaction

Die "Redux"-Fassung schwächt all das nun ab, schwächt auch das Genre. Stattdessen etwas mehr klare Erzählung und etwas mehr Romantik. Herausgekommen ist ein schöner Film. Was daran stört: Die Überschreibung des historischen Dokuments. "Ashes of Time" war ein Meilenstein seiner Zeit, ein schönes Gerücht, eine geheimnisvolle Leerstelle. "Ashes of Time Redux" ist einfach ein weiterer Film seines Regisseurs - und nicht sein bester.

Warum kam der Film 1994 eigentlich nicht gleich ins Kino? "Untergegangen" - wie etwa die Autorin von "Bayern 3 Online" behauptet, ist nämlich seinerzeit gar nichts. Der Film kam einfach nicht ins Kino. Nicht weil er etwa "formverliebt" war, was für selbige Dame offenbar schon an und für sich ein Gegenargument bedeutet, sondern weil er eher weniger formlastig/formalistisch war als das postmoderne Kino von Greenaway, Jarmusch und anderen Helden jener Jahre.

Seinerzeit war das asiatische Kino noch neu, man wollte langsame, den Volkshochschulexotismus des Arthouse-Publikums befriedigende Oppositions-Dramen, in denen kleinen hübschen schwachen Mädchen von Männern und Mächten schlimme Dinge angetan wurden. Im Genrekino waren allenfalls die Hongkong-Gangsterballette eines John Woo hoffähig. Bei "Kampfkunst" dagegen dachte man - lange vor "Tiger & Dragon" und "Hero" - an "Eastern" und schmuddelige Bahnhofskinos der 70er. Hier nun ist alles anders: Die Frauen sind stark und gleichberechtigt: Kämpferinnen, wie wir sie aus dem asiatischen Kino erwarten. Und das, was vor und nach der Action passiert, ist im Zweifel wichtiger, als diese selbst: Wie im Italowestern, wie im Samurai-Film, wie bei Kitano. Ein Actionfilm über Nichtaction. Reiner Zen.

(Rüdiger Suchsland)