Fog of the war

Meldungen, dass US-Kampfjets Autos mit menschlichen Schutzschilden auf dem Weg von Bagdad nach Ammann bombardiert hätten, erweisen sich als Gerüchte

Angeblich sollen Friedensaktivisten, die sich mit zwei Kleinbussen zwischen Bagdad und der jordansichen Grenze befunden hatten, von amerikanischen Flugzeugen beschossen worden sein. Das gab der irakische Informationsminister Mohammed Said al-Sahhaf bekannt. Im amerikanischen Hauptquartier sagte man hingegen, dass man davon keine Kenntnis habe.

Die Meldung, den Informationsminister zitierend, tauchte in verschiedenen Medien auf. Sahhaf berichtete, einige der Friedensaktivisten seien verletzt worden. Er bezeichnete sie als menschliche Schutzschilde, die "zivile Anlagen" verteidigen wollten.

Auch auf Indymedia wurde die Nachricht verbreitet. Dort aber wurde sie von einer Person weitergegeben, der sich in Bagdad aufhält und täglich telefonisch mit einem Italiener spricht, der alles niederschreibt, was dann auch auf deutsch übersetzt wird. Die Quelle in Bagdad berichtete nicht nur von dem angeblichen Beschuss, sondern sagte auch, dass die Friedensaktivisten in Jordanien angegriffen worden seien: "Heute, am späten Vormittag haben zwei amerikanische Raketen auf jordanischem Boden zwei Kleinbusse getroffen, die Human Shields zur irakischen Grenze brachten. Der Angriff hat unweit der Grenze in Rafah stattgefunden. Mit Sicherheit hat es Verletzte gegeben. Zwei auf schwere Weise. Es könnte Opfer gegeben haben. Die Nachrichten sind Bruchstückhaft."

Doch die bruchstückhaften Nachrichten sind ein Propaganda-Versuch der irakischen Regierung. Vermutlich handelt es sich bei der Gruppe um die sieben Mitglieder des Christian Peacemaker Teams (CPT), die zwei Mitglieder des Iraq Peace Teams (IPT) und drei weitere Personen, die am 29. März von der immer nervöser werdenden irakischen Regierung ausgewiesen wurden - angeblich, weil sie ohne offizielle Begleitung Fotoaufnahmen in Bagdad gemacht hatten. Sie fuhren in einem Konvoi von drei Autos und sahen auf der weitgehend leeren Schnellstraße einige zerstörte militärische Fahrzeuge, aber auch offensichtlich zivile Wagen. Angeblich bemerkten sie auch einige Bombardierungen während der Fahrt in ihrer Nähe. Sie kamen allerdings bereits am Sonntag in Jordanien an, hatten aber einen Unfall, der der Geschichte des Informationsministers wohl als Aufhänger gedient haben könnte.

Bei der Rückfahrt scheint in der Nähe von Rafah bei einem Wagen ein Reifen geplatzt zu sein, der dann in einen Graben fuhr und umkippte, wodurch drei der Aktivisten leicht verletzt wurden. Um diese medizinisch zu behandeln, hatten sie Iraker, die gerade die Straße entlang fuhren, mitgenommen und in ein Krankenhaus in Rafah bringen wollen. Unterwegs sei ein Kampfflugzeug auf sie zugeflogen, wäre aber wieder abgedreht, nachdem die Iraker eine weiße Fahne aus dem Fenster hin und her schwenkten. Das Krankenhaus allerdings war angeblich wie andere Gebäude in der Stadt von Bomben zerstört worden. Sie fanden einen Arzt, der sie in einer kleinen Klinik in der Nähe behandelte und fuhren dann mit den anderen nach Jordanien. Die Einwohner baten sie, von dem zerbombten Krankenhaus zu berichten.

Es muss aber am Sonntag eine weitere Gruppe von Aktivisten aus Bagdad abgereist sein. Jeff Guntzel von Voices in the Wilderness bestätigte, dass 13 Mitglieder von CPT und IPT sicher und ohne Zwischenfall Jordanien erreicht hätten. Die Berichte, etwa von CNN, über Angriff von US-Kampfjets auf menschliche Schutzschilde seien falsch. Das irakische Radio hätte diese Nachricht verbreitet, die von BBC aufgegriffen worden wäre. Und dann haben sie andere Medien weiter verbreitet.

Manchmal aber hilft auch eine kleine Recherche im Internet, um derartige Meldungen im "fog of the war" zu überprüfen. Zeugen, die unabhängig von Medien aus Krisengebieten direkt berichten, müssen mithin keineswegs verlässlicher sein, zumal wenn sie wiedergeben, was sie über Medien und Gerüchte vernommen haben. Noch um 22 Uhr konnte man auf Indymedia vom "Kontakt aus Bagdad" lesen, dass dieser noch keine unabhängige Bestätigung der Meldung erfahren habe. Auf der italienischen Website, auf der die Berichte des Kontakts aus Bagdad verlinkt sind, befindet sich unmittelbar darunter die Website des Iraq Peace Team, wo man eine Berichtigung erfahren hätte. Vielleicht aber weiß man auch im Informationsministerium nicht wirklich Bescheid und hat nur ein Gerücht von verletzten Aktivisten ausschlachten wollen? (Florian Rötzer)