Fledermäuse als Windkraftbremser?

Die Nutzung erneuerbarer Energie bedeutet immer auch einen Eingriff in die Natur und löst damit oft kontroverse Diskussionen aus, die nicht selten in schon absurd erscheinenden Konflikten gipfeln

Die Beeinträchtigung der Natur wird in diesem Zusammenhang meist auf eine befürchtete Bedrohung der Tierwelt reduziert. Diese Befürchtungen sind keineswegs eine neue Erscheinung - auch wenn die Informationen dazu sich im Zeitalter der digitalen Kommunikation schneller verbreiten. So waren Wasserkraftanlagen schon lange vor der Energiewende ein erklärter Feind von Naturschützern und Anglern.

Die einen sahen die Fischwanderungen behindert und die anderen beschuldigten die Wasserkraftanlagen, dass der von ihnen für teueres Geld eingebrachte Besatz mit Nutzfischen in den Turbinen geschreddert würde. Der Einbau von Fischtreppen oder Fisch-Aufzügen konnte vor allem bei größeren Anlagen die Beeinträchtigung der Fischwanderung oft entschärfen. Die Reduzierung der Stababstände der vor den Turbinen angeordneten Rechenanlagen ermöglichte bei vertretbaren Leistungseinbußen der Kraftwerke in zahlreichen Fällen auch eine Verminderung der (durch die Anlagen bedingten und fast immer tödlichen) Verletzungen der Fische.

Eine Übertragung der bei Wasserkraftanlagen üblichen Techniken auf die Windkraftnutzung ist jedoch nicht möglich. Ein großer, um die Rotoren gebauter Käfig (ähnlich wie er bei Tischventilatoren zum Schutz des Nutzers üblich ist) wäre nicht nur mit hohen Kosten verbunden, er würde aufgrund der Behinderung der Luftströmung auch den Bau einer solchen Windkraftanlage völlig unwirtschaftlich machen. Daher muss man den Konflikt zwischen umweltfreundlicher Stromerzeugung und Beeinträchtigung der Tierwelt hier anders lösen.

Der im Zusammenhang mit der Windkraftnutzung wichtigste Interessenskonflikt besteht heute, neben der sogenannten "optischen Umweltverschmutzung" durch eine "Verspargelung der Kulturlandschaft", in der Gefährdung von Fledermauspopulationen. Die nachtaktiven Fledermäuse machen sich in ihrem Umfeld nützlich, indem sie zahlreiche Schadinsekten auf ihrem Speiseplan haben, die man nicht mit chemischen Schädlingsbekämpfungsmitteln vernichten muss, wenn sie schnell gefressen werden. Ein Schutz der bestehenden Fledermauspopulationen ist damit auch jenseits des reinen Artenschutzgedankens sinnvoll.

Nun sind Windkraftrotoren in der Lebenswelt der Fledermäuse eine vergleichsweise junge Erscheinung - und die Erfahrung mit den Risiken dieser Anlagen bei den Fledermäusen ebenfalls noch ziemlich jung. Wenn Fledermäuse an Windmühlen verunglücken, dann geschieht dies einerseits durch eine direkte Kollision mit den Rotorblättern und andererseits auch durch Luftdruckunterschiede in unmittelbarer Flügelnähe.

In der Praxis sind solche Unglücksfälle jedoch sehr selten. Zahlreiche Beobachtungen zeigen, dass Fledermäuse den Rotorbereich, insbesondere bei niedrigen Windmühlen, im Regelfall umfliegen und dass nur ganz vereinzelt ein (dann jedoch oft tödlicher) Unglücksfall eintritt. Die Zahl der durch Windräder getöteten Zwergfledermäuse, die in ganz Deutschland in den letzten 20 Jahren in Untersuchungen gefunden wurden, soll unter 300 Exemplaren liegen.

Dass dies den Bestand der Fledermäuse hierzulande gefährdet, erscheint eher unwahrscheinlich - vor allem dann, wenn man diese Zahl mit der Fledermaustodesrate an Standorten vergleicht, an denen die Windkraft traditionell keine Rolle spielt. So sollen im Freiburger Münster, das weitab jeder Windkraftnutzung in der Freiburger Altstadt steht, etwa 1.000 Zwergfledermäuse leben. Die Hälfte der Fledermäuse sind Weibchen, die im Schnitt zwei Junge bekommen. Da der Bestand seit Jahrzehnten bis heute nahezu konstant bleibt, bedeutet dies, dass von der Population im Freiburger Münster jährlich 1.000 Tiere verenden. Eine rein theoretisch denkbare jährliche Abwanderung von 1.000 Fledermäusen konnte nicht festgestellt werden.

Unter der Annahme, dass es in Deutschland mindestens mehrere 100.000 Fledermäuse gibt - genaue Zahlen sind nicht bekannt - erscheinen die durch die Windkraftnutzung hervorgerufenen Schlagopferzahlen von Fledermäusen ganz offensichtlich weder bundesweit noch regional bestandsgefährdend.

Dennoch ist es sinnvoll, den Betrieb von Windkraftanlagen so auszulegen, dass eine Gefährdung von Fledermäusen weitgehend reduziert wird. Die Genehmigungsbehörden machen heute in der Regel solche risikomindernden Auflagen für jede Neuanlage.

Auf der Grundlage wissenschaftlicher Untersuchungen wird inzwischen davon ausgegangen, dass Fledermäuse bei auffrischendem Wind in aller Regel nicht höher fliegen, als bis zur Spitze der Bäume. Bei Untersuchungen, die in Freiburg im Jahr 2004 durchgeführt wurden, zeigte sich offensichtlich, dass im Durchschnitt aller betroffenen Fledermausarten bereits bei einer Windgeschwindigkeit von 5 m/s das Fledermausaufkommen in Nabenhöhe der Windkraftanlage deutlich abnahm.

Als Konsequenz werden bei der Genehmigung zum Bau von Windenergieanlagen üblicherweise die folgenden Auflagen gemacht: Die Anlagen müssen im Sommerhalbjahr bei Windgeschwindigkeiten unter 6 m/s eine Stunde vor Sonnenuntergang bis zum Sonnenaufgang außer Betrieb genommen werden. Der durch diese Auflage bedingte Ertragsausfall einer Windkraftanlage beläuft sich, je nach Standort, auf ca. 1 bis 1 ½ % der durchschnittlichen Jahresproduktion und wird daher auch von den Anlagenbetreibern für wirtschaftlich tragbar erachtet.

Nachdem die Gefährdung der Fledermäuse im Umfeld der Windkraftanlagen somit weitgehend reduziert werden konnte, haben die Fledermausschützer ein neues Gefährdungspotential für seltene Fledermäuse ausgemacht, die sich in technischen Anlagen eingenistet haben und durch den Betrieb dieser Anlagen gefährdet sein sollen. Ein kurioses Beispiel sind die Tunnels der so genannten "Sauschwänzlebahn" an der Schweizer Grenze.

Die Bahn wurde gebaut, um in Kriegszeiten den Schweizer Kanton Schaffhausen umfahren zu können. Sie ist weit über die Region hinaus bekannt für ihre zahlreichen technischen Besonderheiten, wie beispielsweise den Kreiskehrtunnel. Nachdem die unmittelbare Gefahr eines Krieges, der einen Bahnverbindung durch die Schweiz verhindert hätte, gebannt schien, wurde die gesamte Strecke stillgelegt und erst vor einigen Jahren als Museumsbahn reaktiviert.

Inzwischen untersagte man jedoch den Betrieb der Dampflokomotiven im Winterhalbjahr, weil sich in den Tunnels seltene Fledermäuse angesiedelt hatten.Sogar eine ganzjährige Stilllegung der historischen Strecke ist in der Diskussion. Wer dann jedoch die Tunnel unterhält, damit sich die etwa 200 Fledermäuse dort wohlfühlen können, ist ungeklärt.

Möglicherweise müssen die Tunneleingänge aus Sicherheitsgründen verschlossen werden, wenn der Unterhalt der Tunnel nicht mehr gewährleistet ist. Ob das Risiko der Tunnel-Stilllegung zum Schutz von Fledermäusen jetzt auch andern Bahnstrecken bevorsteht, konnte nicht ermittelt werden. Dies gilt auch für mögliche Maßnahmen zur Reduzierung der Fledermaustodesquote im Freiburger Münster. (Christoph Jehle)

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