FAST und furious: Der Streaming-Irrsinn und die Inhalte-Inflation

Ein Mann und eine Frau sitzen überfordert auf einem Sofa vor einem Fernseher, der eine bunte Auswahl an Inhalten zeigt – eine plakative Darstellung der Reizüberflutung durch FAST-Channels.

KI generierte Grafik.

Von "Reich und schön" bis "Bares für Rares": Auf Fast-Channels läuft rund um die Uhr Retro-TV – kostenlos, werbefinanziert und erstaunlich resistent gegen Originalität.

Von der US-amerikanischen Serie "Reich und schön" entstanden seit 1987 mehr als 9.500 Episoden, und es werden laufend mehr. Die 2002 gestartete deutsche Comedyreihe "Ladykracher" mit Anke Engelke wird wohl bei um die 100 Folgen, je nach dem, ob man Best-of-Specials mitzählt, bleiben.

Aber "Bares für Rares", die ZDF-"Trödelshow" mit dem Unikum Horst Lichter, steigert die Zahl ihrer weit über 2.000 Ausgaben werktäglich weiter. Was die drei Formate gemeinsam haben: Kanäle, die nur ihnen gelten. Da handelt es sich um sogenannte FAST-Channels.

Wofür FAST steht

Bei dieser Medienform hilft die englische Übersetzung "schnell" nicht. Das Akronym steht für "Free Ad-Supported Streaming TV", also kostenloses, werbefinanziertes Streamingfernsehen. Es ist tatsächlich fast so was wie altes Fernsehen, bloß besonders überraschungsfrei oder selbsterklärend.

Rund um die Uhr zeigen die Kanäle entweder viele Folgen ausschließlich einer Fernsehserie oder, wenn sie etwa "True Crime" oder "Motor Vision" heißen, unterschiedliche Sendungen, die streng der namensgebenden Programmfarbe folgen.

Dass man ziemlich genau weiß, was man bekommt, gehört zum Erfolgsrezept, das gerne mit noch einem Anglizismus erklärt wird: dem "Leanback"-Faktor, also der Vermeidung von Stress, unter jeder Menge spektakulärer, kostenpflichtiger Angebote auswählen zu müssen.

Ein wachsender Markt mit unzähligen Kanälen

Der Erfolg äußert sich in Studien, die prognostizieren, dass der Markt in Deutschland auf dreistellige Millionen-Werte und global auf deutlich zweistellige Milliarden-Werte in US-Dollar wachsen soll und in der Anzahl der Angebote.

Die Anzahl der in Deutschland bestehenden Fast-Channels zu beziffern ist kaum leichter als die von "Bares für Rares"-Ausgaben genau zu ermitteln. Jedenfalls eine klar dreistellige Zahl ist es.

Allein der Anbieter Pluto-TV, der zum Paramount-Konzern gehört (genau wie der US-amerikanische "Reich und schön"-Sender CBS) und seinen europäischen Hauptsitz in Berlin-Friedrichshain hat, bietet an die 200 deutschsprachige Kanäle. Wedotv.com aus der Schweiz bietet kaum weniger.

Geräte, Apps, Plattformen: Der Fast-Verbreitungswettlauf

Zu den großen Wettbewerbern zählt der Gerätehersteller Samsung, der außer mobilen auch Fernsehgeräte produziert und sein Angebot "Samsung TV Plus" nach eigenen Angaben schon 2023 auf rund zehn Millionen "smarten" Fernsehern in Deutschland vorinstalliert hatte.

Damals erregten die Südkoreaner mit der Ankündigung eines exklusiv bei ihnen verfügbaren "Bares für Rares"-Channels (und weiterer Kooperationen mit einer kommerziellen Tochterfirma des öffentlich-rechtlichen ZDF) gewisse Aufmerksamkeit für Fast.

So wollen Hersteller ihre Geräte attraktiver machen, ähnlich wie Telekom-Anbieter beliebte und gerne exklusive Angebote auf ihren Startseiten vorinstallieren. Apps unabhängiger Anbieter wie Pluto TV kann man sich aber auch runterladen – auf Fernseher wie auf mobile Geräte. Gaming-Konsolen sind weitere mögliche Endgeräte. Streamingdienste wie Waipu.tv und Zattoo sind weitere Anbieter, die mit viel Auswahl locken möchten.

Wie Fast das Fernsehen neu sortiert

Wenn die linear-nonlineare ProSiebenSat.1-Plattform "Joyn" unter anderem darauf stolz ist, "über 100 Sender live" zu bieten, haben allerhand Fast-Kanäle diese Zahl aufgepeppt. Und wer noch die alte Kulturtechnik beherrscht, Internetadressen in Browser einzugeben, kann bei pluto.tv oder wedotv.com auch ganz ohne Apps auf mit dem Internet verbundenen Endgeräten zwischen Hunderten Kanäle wählen.

Um es noch komplizierter zu machen: Die Fast-Kanäle zeigen zwar lineares Programm, in das man sich einfach reinschalten kann. Doch "on demand" abrufen lässt sich vieles außerdem, wie in Mediatheken klassischer Fernsehsender. Und echtes Live-Fernsehen läuft zumindest gelegentlich ebenfalls – in dem Genre, mit dem klassische Sender auch am liebsten Aufmerksamkeit heischen: Sport.

Sport auf Fast – von Darts bis Dortmund 1996

Pluto TV überträgt gerne live Darts-Turniere. Aktuell gibt es dort Kanäle von Real Madrid und des Weltfußballverband FIFA sowie den "Frauensport"-Sender "Heldinnnen" in Kooperation mit dem Sport-Streamingdienst DAZN.

Im Frühjahr gab es im Rahmen einer "globalen Partnerschaft" einen Borussia Dortmund-Kanal. Der zeigte freilich keine teuren, live laufenden Fußballspiele, sondern alte, etwa aus den 1990er Jahren komplett und unkommentiert (was davon profitierte, dass im Dortmunder Stadion seit jeher akustisch viel los ist). Zusammenfassungen aktueller Partien der Dortmunder Tischtennis-Bundesligamannschaft gehörten auch zum Angebot.

Werbung in Endlosschleife – und alle wollen ein Stück vom Kuchen

Finanziert wird all das durch Unterbrecherwerbung von bis zu zehn Minuten pro Stunde. Hierzulande schalten sie vor allem bekannte Hersteller etwa von Getränken und Süßigkeiten sowie die Supermarkt-Ketten, in denen sie zu kaufen sind. Also genau die, die im klassischen Werbefernsehen auch werben.

Das bedeutet noch weiter verschärften Wettbewerb um dieselbe Werbung, die ja auch bei Googles Youtube und anderen Plattformen läuft – und zunehmend in textbasierten Nachrichtenportalen flimmert. Wobei Fast-Anbieter gerne betonen, auf "Big Screen"-Geräten gesehen zu werden, wo Werbung mehr hermacht und einbringt.

Ist es gut, ist es schlecht?

Immerhin hilft Fast Bewegtbild-Produzenten aller Art. Wer genug Rechte an alten Produktionen besitzt, kann damit Einnahmen erzielen, womöglich besser als mit dem allmählich aussterbenden Speichermedium und mit einem Kanal auf YouTube (dessen Angebot ja minütlich um mindestens 500 Stunden Inhalte anwächst).

Ob es auf lange Sicht hilft, ist eine andere Frage. Schließlich dürften Kunden, die in Fast-Kanälen werben, bei klassischen Fernsehsendern weniger Werbung schalten, die folglich auch weniger für neue Auftragsproduktionen ausgeben können.

Content ohne Ende: Wenn Altbestände zu Gold werden sollen

Der Kanal namens "Film Gold" vermarktet vor allem den Bestand der münchnerisch-österreichischen Lisa-Film, die seit den 1960er Jahren Wörthersee-Klamauk verfilmt: in den 1970er-Jahren mit damals kinoaffiner Softerotik, in den 2000er Jahren fürs RTL-Fernsehen und die ARD-Degeto.

Jetzt rotiert all das, von "Blau blüht der Enzian" bis "Almenrausch und Pulverschnee", in immer etwas anderer Reihenfolge als Fast-Kanal. Er läuft außer bei Pluto, bei Joyn und auf Samsung-Geräten auf neun bis zehn weiteren Empfangswegen. Wer noch viel mehr Urheberrechte besitzt, wie etwa Paramount, kann sich als Aggregator für immer noch mehr Inhalte etablieren.

Vor allem also befeuert Fast die längst laufende Inhalte-Inflation weiter. Immer noch mehr Medieninhalte vergangener Jahre und Jahrzehnte lassen sich auf immer noch mehr Wegen ansehen und treten in Konkurrenz mit den auch längst unüberschaubar vielen laufend neu produzierten Inhalten.

Und zwar in Konkurrenz sowohl ums begrenzte Medienzeit-Budget des Publikums als auch ums Budget der Werbekunden, die all das komplett finanzieren sollen (oder teilweise: viele zahlende Netflix-Abonnenten sehen schließlich auch Werbung).

Wenn mediale Grenzen verschwimmen – und der Rundfunk ins Grübeln gerät

Nicht zuletzt trägt Fast zum weiteren Verschwimmen der Grenzen zwischen traditionellen Medienformen und Medienanbietern, die das Medienrecht unbeholfen in irgendeine Schublade steckt, bei.

Und noch mehr Fragen könnten sich anschließen. Ob die steigende Zahl der Channels den reklamierten "Leanback"-Faktor nicht zunichte macht, weil der Auswahl-Stress auch hier steigt, ist vielleicht eine rhetorische.

Brisanter wäre, wie die vergleichsweise sicher finanzierten deutschen Öffentlich-Rechtlichen mit ihren längst riesengroßen und weiter wachsenden Programm-Bibliotheken sich verhalten dürfen und sollten.

Wenn etwa im Pluto TV-Kanal die 129-folgige ARD-Serie "Familie Dr. Kleist" rotiert, entlastet das die Beitragszahler, weil eine ARD-Tochter an den Werbeeinnahmen teilhat und ihre Gewinne künftige Beitragserhöhungen verringern?

Oder werden die Beitragszahler eher behumst, weil sie doch schon dafür bezahlt hatten (und in der ARD-Mediathek derzeit nur die Staffeln 6 bis 9 werbefrei zu sehen sind)?