zurück zum Artikel

Europa: Weniger Schengen-Freiheit, mehr Grenzkontrollen

Grenzabsperrung Spanien/Frankreich wÀhrend der Corona-Krise. Bild: Ralf Streck

EU-Ratsvorsitz: Macron will mehr SouverĂ€nitĂ€t fĂŒr Nationalstaaten und ihnen die Abschottung erleichtern

"Schengen" reformieren heißt der neue Europa-Plan von Emmanuel Macron. Den EU-Mitgliedstaaten soll es kĂŒnftig erleichtert werden, in "Krisenzeiten" wieder nationale Grenzkontrollen einzufĂŒhren.

Nachdem öfter zu hören ist, dass die gegenwĂ€rtige Corona-Krise, bei der Grenzschließungen ein Dauerthema waren, nur der Auftakt fĂŒr eine ganze Reihe neuartiger Krisen sein könnte, sind Risiken wahrscheinlich, dass sich Ausnahmen verfestigen (vgl. auch Verzweiflung sorgt fĂŒr Tote an Grenzen im "Europa ohne Grenzen" [1] ). Der "Zeitgeist" bewegt sich gerade nicht in Richtung "mehr Freiheiten", anders als bei der Schaffung des Schengen-Raums [2].

Die Reformideen zur EU-Grenzpolitik lauten: Bei den Grenzkontrollen sollen mehr Daten abgefragt werden und insbesondere an den EU-Außengrenzen, wo es um die Abwehr von "illegalen Migranten" geht, sollen sie verschĂ€rft und ausgebaut werden. Die Mittel der Grenzschutzagentur Frontex sollten erneut aufgestockt werden.

Das geht aus VoraberklĂ€rungen hervor, die Macron anlĂ€sslich des Beginns der französischen EU-RatsprĂ€sidentschaft mitgeteilt hatte. Der Mann, der sich von seinem Wahlsieges 2017 an immer mit zwei Flaggen, der französischen und der europĂ€ischen, prĂ€sentierte und vom altehrwĂŒrdigen Champion der europĂ€ischen Intelligenzia, JĂŒrgen Habermas, als einziger europĂ€ischer Impulsgeber-Politiker weit und breit mit Visionen dargestellt wurde, macht sich also an ein Essential der EU: das Schengener-Übereinkommen [3] mit seinem Versprechen "freie Bewegung fĂŒr freie BĂŒrger".

Morgen treffen sich die 27 EU-Innenminister informell. Gut wĂ€re es, auf der Suche nach gemeinsamen Lösungen in Migrationsfragen voranzukommen, so der Ausblick der EU-Innenkommissarin Ylva Johannson [4]. Auf der Tagesordnung der französischen RatsprĂ€sidentschaft [5] stehen "Krisenmanagement in Europa", "Radikalisierung" und "Erkenntnisse aus den aktuellen Entwicklungen in Afghanistan und Belarus fĂŒr den Grenzschutz und die Migrationssteuerung".

Heute Nachmittag besucht Macron die informell versammelten Innenminister in Tourcoin (bei Lille), im palaisartigen Ratshaus (die ParkplĂ€tze wurden gerĂ€umt [6]), um ihnen seine neuen PlĂ€ne zu den europĂ€ischen Grenzen und der Migration zu erlĂ€utern – "Chefsache".

Der Impulsgeber hat sich noch nicht offiziell als Kandidat fĂŒr die französischen PrĂ€sidentschaftswahlen im April erklĂ€rt, aber macht dauernd schon Wahlkampf. Mit seinen Schengen-ReformplĂ€nen grĂ€bt er an Stellen, die eigentlich die rechte Konkurrenz beackert: mehr SouverĂ€nitĂ€t fĂŒr Nationalstaaten an den Grenzen, mehr Abschottung. "Ein souverĂ€nes Europa ist vor allem - und das ist fĂŒr mich der primĂ€re Aspekt - ein Europa, das seine Grenzen kontrollieren kann [7]", sagt Macron.

Es gehe um zwei GesetzesvorschlĂ€ge, berichtet Le Monde, die Paris gerne bis zum Ende der RatsprĂ€sidentschaft (Ende Juni) verabschiedet hĂ€tte. Frankreich will die "Schengen-Inspektionen" verstĂ€rken und zum zweiten den "Schengener Grenzkodex" reformieren [8], "damit das Instrumentarium, das die WiedereinfĂŒhrung von Kontrollen an den Binnengrenzen erlaubt, dauerhaft und verstĂ€rkt im Krisenfall eingesetzt" werden könne.

Zudem möchte Macron ein Gremium aus Regierungsmitgliedern der Mitgliederstaaten schaffen, das im Falle einer grĂ¶ĂŸeren Krise an den Außengrenzen schnelle, verbindliche Entscheidungen treffen kann. Diese Idee sollen Mitglieder seines engeren Kreises ĂŒbermittelt haben. "Diese Baustellen gehen einher mit der UnterstĂŒtzung fĂŒr die Aufstockung des Personals von Frontex", wird ergĂ€nzt.

Am Sonntag hatte die Welt darĂŒber berichtet, dass Paris eine Einigung der EU-Staaten zum Screening von Migranten möglichst in den nĂ€chsten Wochen durchsetzen will [9].

Dabei geht es um einen Vorschlag der EU-Kommission, dass Migranten direkt nach der Ankunft eine Sicherheitskontrolle und IdentitĂ€tsprĂŒfung durchlaufen sollen, bei der Datenbanken abgefragt werden und biometrische Daten erfasst und "fĂŒr Jahre in der Datenbank Eurodac gespeichert werden.

Dazu soll eine medizinische Untersuchung und eine erste PrĂŒfung der SchutzbedĂŒrftigkeit stattfinden. Eine Einigkeit darĂŒber bei den Innenministern ist im Gegensatz zum anderen großen europĂ€ischen Migrationsthema neben der Abschottung, nĂ€mlich der begrenzen Aufnahme, nicht absehbar.

Die "Koalition der Willigen bei der Verteilung von Migranten" bleibt ĂŒberschaubar klein. Es sieht nicht danach aus [10], als ob sich bei den Unwilligen GrundsĂ€tzliches Ă€ndert.


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-6346143

Links in diesem Artikel:
[1] https://www.heise.de/tp/features/Verzweiflung-sorgt-fuer-Tote-an-Grenzen-im-Europa-ohne-Grenzen-6169179.html
[2] https://www.schengenvisainfo.com/de/staaten-des-schengen-raums/
[3] https://www.auswaertiges-amt.de/de/service/visa-und-aufenthalt/schengen/207786
[4] https://www.welt.de/politik/ausland/plus236563905/Migration-Bruessel-unterstuetzt-Vorschlag-Deutschlands-fuer-Koalition-der-Willigen.html
[5] https://presidence-francaise.consilium.europa.eu/de/veranstaltungen/informelles-treffen-der-minister-fur-justiz-und-inneres/
[6] https://actu.fr/hauts-de-france/tourcoing_59599/ce-qu-il-faut-savoir-sur-la-visite-d-emmanuel-macron-a-tourcoing-ce-mercredi_48327474.html
[7] https://www.lemonde.fr/societe/article/2022/02/02/sur-l-immigration-emmanuel-macron-veut-tirer-profit-de-la-presidence-francaise-de-l-union-europeenne_6111959_3224.html
[8] https://www.lemonde.fr/societe/article/2022/02/02/sur-l-immigration-emmanuel-macron-veut-tirer-profit-de-la-presidence-francaise-de-l-union-europeenne_6111959_3224.html
[9] https://www.welt.de/politik/ausland/plus236563905/Migration-Bruessel-unterstuetzt-Vorschlag-Deutschlands-fuer-Koalition-der-Willigen.html
[10] https://www.wienerzeitung.at/nachrichten/politik/europa/2136138-Migration-ueber-Belarus-Polen-blockiert-Ausnahmeregelung.html