Erkältungswelle: Warum Praxen und Kinderkliniken an ihre Grenze kommen

Bild: Julio César Velásquez Mejía auf Pixabay

Es sind nicht nur die Viren, die Kindern und Ärzten Sorge bereiten. Auch die kaputt gesparten Kinderkliniken verschärfen das Problem. Darum geraten Kinder in Gefahr.

Die Kinderärzte in Deutschland dürften im Moment nicht gut auf den Bundesgesundheitsminister zu sprechen sein. Der Grund: Sie sind überlastet – was nicht nur an der massiven Erkältungswelle liegt, die gerade über das Land rollt.

Erkältungsviren, Grippe und die RS-Viren sorgen für überfüllte Praxen und bringen Kinderkliniken an ihr Limit. Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) zeigte sich am Dienstag ob der Situation besorgt – sieht die Verantwortung aber auch bei der Politik.

Die Situation könnte man so beschreiben: Es kommen zu viele Kinder auf zu weniger Kinderärzte. In den vergangenen Jahren ist die Zahl der Kinder in Deutschland gestiegen, was eigentlich ein Grund zur Freude sein könnte. Viele Kinderärzte gingen aber in Rente und fanden keine Nachfolger für ihre Praxen.

Das liegt laut BVKJ auch an der Politik: Es gibt zu wenig Studienplätze und die Wertschätzung für die Arbeit der Kinderärzte lässt zu wünschen übrig. Honorare steigen kaum, dafür aber die Kosten umso mehr. "Wir werden mit Aussicht auf Nullrunden abgespeist, während die Ausgaben für die reine Erhaltung unserer Praxen rasant wachsen", erklärte kürzlich BVKJ-Sprecher Jakob Maske gegenüber der Deutschen Presse-Agentur (dpa).

Die Praxen werden mit Aufgaben überfrachtet, klagt Maske. Zunehmend müssten sie schwer kranke und chronisch kranke Kinder und Jugendliche mitversorgen. Man habe es auch zunehmend mit Krankheiten zu tun, die viel Beratungsaufwand mit sich brächten, etwa Übergewicht und sozial bedingte Entwicklungsstörungen.

Die Kunst in den Praxen bestehe darin, die "wirklich kranken Kinder" herauszufiltern. Trete aber ein Ernstfall auf, sei es immer schwieriger, ein Kind in einer Klinik unterzubringen. Es fehlt an Betten, und deshalb werden immer wieder Kinder abgewiesen.

Spätestens hier setzt nach Ansicht des BVKJ die Verantwortung der Politik ein: Seit Jahren sei die Pädiatrie finanziell ausgehungert worden, während man ihr gleichzeitig mehr Aufgaben aufbürdete. Rund 80 Prozent der Kliniken mussten in den letzten Jahren die Zahl ihrer Betten reduzieren, erklärte der Verband am Montag. Sogar im Intensivbereich seien Betten abgebaut worden.

Die Deutsche interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) sprach jetzt von einer "katastrophalen Lage" auf den Kinder-Intensivstationen. Wenn ein gerade reanimierter Säugling in einer eigentlich voll belegten Kinderklinik aufgenommen werde, müsse dort ein Dreijähriger den dritten Tag in Folge auf seine dringend notwendige Herzoperation warten.

Die Berichte der Ärzte sind mitunter erschreckend: Kaum eine Klinik hatte in den letzten Tagen freie Betten für Kinder oder ein freies Intensivbett. "Kinder müssen über Tage in der Notaufnahme liegen", beschrieb Divi-Generalsekretär Florian Hoffmann kürzlich die Situation. Und Hoffmann rechnet keineswegs damit, dass die Welle der Atemwegsinfektionen bei Kindern schon erreicht wurde.

Für die meisten Kinder dürfte die Welle aber nicht dramatisch sein. Oft seien es viele harmlose Infekte, die aufeinanderfolgten, heißt es von BVKJ-Sprecher Maske. Dass aber eine so heftige Welle daraus werden konnte, hat auch mit der Coronapandemie zu tun: Durch sie und durch das Tragen von Masken hätten viele Kinder nicht die Möglichkeit gehabt, ihr Immunsystem zu trainieren.

Die Pandemie sei aber nicht der primäre Grund gewesen. "Dass Kinderleben im Moment in Gefahr sind, das hat die Politik zu verantworten", so Maske gegenüber dpa. Früher seien andere Wirtschaftlichkeitskriterien an die Pädiatrie gestellt worden. "Jetzt muss Medizin profitabel sein, nicht Krankheiten heilen, sondern Geld bringen." (Bernd Müller)

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