Entgrenzte Lebenswelten für die Oberschicht

Auch die Häufigkeit und Intensität internationaler Kontakte hängt von Status und Bildung ab. Viele Deutsche bleiben deshalb unter sich

Das Interesse der Bundesbürger am näheren und ferneren Ausland kann mit etwas gutem Willen bis in die Schlagergeschichte der 50er und 60er Jahre zurückverfolgt werden. Doch wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versank, während ganz Paris von der Liebe träumte und auf Hawaii kein einziges Bier mehr zu finden war, ließ sich kaum ein Beobachter verleiten, vom gesungenen Fernweh auf reale Reisekilometer oder gar das persönliche Verhältnis der Deutschen zu anderen Ländern und Sitten zu schließen.

Heute verfügen wir über Zahlen, Daten und Fakten, die das Aufzeigen solcher Verbindungslinien leichter machen sollten. So hat das Europäische Statistikamt Eurostat herausgefunden, dass die Deutschen zwei Drittel ihrer Urlaube im Ausland verbringen. Damit liegen sie - aus freilich leicht erklärbaren Gründen – weit hinter den Luxemburgern (99 Prozent), aber fast uneinholbar vor Ländern wie Griechenland, in denen nicht einmal jeder Zehnte das Bedürfnis hat, die eigenen Grenzen versuchs- und zeitweise hinter sich zu lassen.

Ob eine Gesellschaft optimal oder wenigstens hinreichend auf die Herausforderungen der Globalisierung vorbereitet ist, lässt sich allerdings nur sehr bedingt an der Urlaubsplanung ihrer Bevölkerung ablesen. Entscheidender sind die ökonomischen und technologischen Aktivitäten, dann aber auch die persönlichen Beziehungen, die zu Menschen in anderen Ländern aufgebaut werden können. Wenn es nach der Theorie, genauer gesagt: nach den optimistischen bis euphorischen Theoretikern ginge, könnten gerade diese gefühlsmäßigen Bindungen eine umfassende Entgrenzung befördern, in deren Folge sich die Menschen als gleichwertige Partner in transnationalen Sozialräumen erleben, sich gegenseitig mit Respekt und Toleranz begegnen und überdies ein gemeinsames Verantwortungsgefühl für die Probleme der Welt entwickeln.

Wie praxisnah solche Vorstellungen sind, untersucht das Projekt „Transnationalisierung sozialer Beziehungen“, das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert wird. Unter der Leitung des Bremer Hochschullehrers Steffen Mau, der eng mit dem Berliner Wissenschaftszentrum für Sozialforschung zusammenarbeitet, wurde im Frühjahr 2006 eine repräsentative Befragung unter 2.700 Bundesbürgern durchgeführt, die interessante Rückschlüsse auf die Verbreitung und Intensität deutscher Auslandskontakte zulässt. Mau hat eine Professur für politische Soziologie und vergleichende Analyse von Gegenwartsgesellschaften inne und fungiert überdies als Direktor der „Graduate School of Social Sciences“ an der Universität Bremen. Einige Ergebnisse seiner Untersuchungen sind jetzt im Dezember-Heft der Zeitschrift „WZB Mitteilungen“ nachzulesen.

Geographisch begrenzte Sozialkontakte

46,5 Prozent der Befragten geben demnach an, eine regelmäßige private Verbindung zu mindestens einer Person im Ausland zu unterhalten. 38 Prozent haben die Landesgrenzen in den letzten zwölf Monaten vor der Befragung ein oder zwei Mal überschritten, weitere 20 Prozent sogar noch öfter, und das keineswegs nur zu Urlaubszwecken oder Stippvisiten. Immerhin 12 Prozent können auf Auslandsaufenthalte von mehr als drei Monaten, 6 Prozent auf vergleichbare Erfahrungen von über einem Jahr zurückblicken.

Trotzdem gehören die Erfahrung von Grenzenlosigkeit und totaler Mobilität oder die Beteiligung an internationalen Netzwerken und Interaktionen noch längst nicht zum Alltagsleben der deutschen Bevölkerung. Das zeigt sich bei der Analyse der bevorzugten Kontakträume. Nordamerika, Europa und Australien sind für die Deutschen offenbar besonders interessant, während Afrika, Asien oder Südamerika nur sporadisch genannt werden.

Die Weltkarte zeigt an, dass es sich eben nicht um ein weltumspannendes Beziehungsnetz handelt, sondern um eine geographisch begrenzte Ausweitung individueller Sozialkontakte. Statt globaler weltgesellschaftlicher Netzwerke bilden sich spezifische transnationale Räume der Kommunikation und des Austauschs.

Steffen Mau

Die Deutschen pflegen vorwiegend Kontakte zu Menschen in den USA, Frankreich, Großbritannien und Spanien, während beispielsweise die Türkei als bedeutendstes Herkunftsland von Zuwanderern nur eine untergeordnete Rolle spielt. Die viel diskutierten und oft beschworenen Integrationsbemühungen haben hier nur sehr bedingt Früchte getragen und weder zu einer großen Völkerfreundschaft noch zu relevant vielen privaten Beziehungen geführt.

Die jahrzehntelange Einwanderung nach Deutschland und auch die sehr engen Bindungen der Türken an ihr Heimatland haben nicht zur Folge gehabt, dass die Türkei sozial sehr eng an die Deutschen rückt. Die Türkei steht erst auf Platz 12 der wichtigsten Kontaktländer; die meisten dieser Kontakte sind solche zwischen Deutschen türkischer Herkunft zu Türkinnen und Türken. Die soziale Distanz ist in diesem Fall größer einzuschätzen als die zu Ländern wie Australien oder Kanada.

Steffen Mau

Distance ist not dead – weder räumlich, noch gesellschaftlich

Die persönlichen Beziehungen zu Menschen in den großen Wachstumsländern China und Indien haben ebenfalls Seltenheitswert, wobei kulturelle und politische Unterschiede oder Sprachbarrieren möglicherweise nicht so entscheidend sind, wie gemeinhin vermutet wird. Mau sieht in der geographischen Lage den wichtigeren Hinderungsgrund und vertritt auch noch im Jahr 2006 die These „Distance is not dead – Entfernungen spielen doch noch eine Rolle.“

Das gilt ganz offenbar auch für die gesellschaftlichen Differenzen innerhalb der bundesrepublikanischen Gesellschaft, die natürlich nicht geschlossen am Prozess der Transnationalisierung teilnimmt. Steffen Mau verweist in diesem Zusammenhang auf die wichtige Frage des schwedischen Kulturanthropologen Ulf Hannerz – „Who are the globalizers?“, und gelangt zu dem Schluss, dass in Deutschland vor allem statushöhere und hervorragend ausgebildete Menschen berufliche und dann eben auch soziale und persönliche Kontakte ins Ausland pflegen.

Insbesondere bei den Kontakten zu Nicht-Deutschen im Ausland ergeben sich sehr große Schichtunterschiede. Menschen mit höherer Bildung verfügen auch über deutlich mehr Wahlbindungen ins Ausland, also Freundschafts- und Bekanntschaftsnetzwerke. Viele von ihnen können zur transnationalen Expertenklasse gezählt werden, deren berufliches Profil weitgehend internationalisiert ist. Sie arbeiten in Unternehmen, Universitäten oder Verwaltungen. Außerdem dürften ihre Kompetenzen auf dem Gebiet der Mobilität und der interkulturellen Kommunikation eine wichtige Rolle spielen.

Steffen Mau

Die wirtschaftlichen Verhältnisse spielen sicher noch eine größere. Nach der vom Statistischen Bundesamt am vergangenen Dienstag erstmals vorgestellten Studie Leben in Europa waren in Deutschland im Jahr 2004 immerhin 13 Prozent der Bevölkerung armutsgefährdet. Umgerechnet haben also rund 10,6 Millionen Menschen weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung, wobei ihr Anteil in den ostdeutschen Ländern bei 17 und in Westdeutschland bei 12 Prozent liegt.

Der Vizepräsident des Statistischen Bundesamtes, Walter Radermacher, nannte Arbeitslosigkeit und fehlende Bildungsabschlüsse als entscheidende Artmutsrisiken, und der Bericht zeigt, dass die betroffenen Menschen im Alltag tatsächlich „auf viele grundlegende Dinge“ verzichten müssen. So kann mehr als die Hälfte der Armutsgefährdeten in Deutschland nach eigenen Angaben keine unerwarteten Ausgaben tätigen oder eine Woche Urlaub woanders als in den eigenen vier Wänden verbringen.

Neue Formen der Ungleichheit

Womit wir wieder beim Ausgangsthema wären, denn hier überschneiden sich globale Tendenzen und nationale Probleme. Die Möglichkeit, internationale Kontakte zu unterhalten und zu vertiefen, zu reisen oder Menschen aus anderen Ländern zu sich einzuladen, ist nach Lage der Dinge ein Privileg. Die Teilnahme an der globalen Vernetzung setzt einen höheren finanziellen und gesellschaftlichen Status voraus und fungiert gleichzeitig als Moment der sozialen Selektion.

Der Prozess der Transnationalisierung ist weder in sich homogen, noch umfasst er alle gesellschaftlichen Gruppen in gleichem Maße. Er ist gebrochen und erzeugt als solcher neue Formen der Ungleichheit zwischen dem Teil der Bevölkerung, der sehr stark an der gesellschaftlichen Transnationalisierung partizipiert und einem anderen Teil, dessen lebensweltlichen Horizonte noch sehr lokal oder national ausgerichtet sind.

Steffen Mau

So bleiben viele Fragen offen, die auch die wissenschaftliche Analyse vorerst nicht beantworten kann. Ist es tatsächlich denkbar, dass mit der Öffnung der Lebenswelten und der Normalisierung von Grenzüberschreitungen „auch normative und soziale Horizonte erweitert“ oder gar „neue Formen der Politisierung jenseits des Nationalstaates“ erzeugt werden? Oder gefährdet die selektive Teilhabe der Bevölkerung den Prozess der Transnationalisierung insgesamt und führt schließlich zu einem Rückzug auf bekanntes und überschaubares Terrain? Möglich ist beides, letzteres nach der momentanen Lage der Dinge aber leider wahrscheinlicher.

Solange die transnationale Erfahrung gespalten bleibt, sind aber auch neue Konflikte zu erwarten: zwischen denen, die für Öffnung und Internationalisierung eintreten, und jenen, die erneute Schließung und eine Re-Nationalisierung fordern.

Steffen Mau

(Thorsten Stegemann)