Eltern sind Neocons

Auch wahrheitsfordernde Erziehungsberechtigte lügen ihre Kinder systematisch an

Einer im Journal of Moral Education veröffentlichten Studie zufolge sollte man Eltern lieber nicht Alles glauben. Zumindest dann, wenn man Kind ist. Darin fanden Psychologen nämlich heraus, dass Erziehung geradezu mit Lügen durchrottet ist und auch Eltern mit hohen Wahrhaftigkeitsansprüchen an die Aussagen ihrer Nachkömmlinge Unwahrheiten ganz gezielt als probates Mittel zu Kindererziehung einsetzen.

Für ihrem Parenting by Lying benannten Aufsatz1 befragten Gail Heyman, Diem Luu und Kang Lee von der von der University of California in San Diego und der University of Toronto 127 Undergraduate-Studenten sowie weitere 127 Mütter und Väter. Die studentischen Probanden mussten unter anderem auf einer Skala von 1 bis 7 mitteilen, wie sehr sie von ihren Eltern zur Ehrlichkeit erzogen wurden und wie schwer die Strafen waren, wenn man sie beim Lügen ertappte. Außerdem sollten sie neun Schilderungen bewerten, in denen eine Mutter ihrem sechsjähriges Kind die Unwahrheit sagt und Lügen schildern, die ihre Eltern ihnen gegenüber einsetzten.

Aristoteles, Augustinus und Kant

Dabei gaben 79 Prozent an, dass ihre Eltern ihnen beibrachten, Lügen seien "inakzeptabel". 17 Prozent meinten, dass ihnen gesagt wurde, Lügen wären unter bestimmten Umständen erlaubt (etwa gegenüber Fremden oder wenn damit etwas Gutes bewirkt werden sollte). Nur 4 Prozent erhielten dagegen Ratschläge wie den, in solchen Fragen selbst abzuwägen und ihrem eigenen Urteilsvermögen zu vertrauen.

Trotz des Werts auf Ehrlichkeit, den Eltern der Studie zufolge an den Tag legen und der Vehemenz, mit der sie diese häufig einforderten, nahmen sie es selber mit der Wahrheitsliebe im Umgang mit ihren Kindern nicht so genau - und gaben dies auch bemerkenswert offen zu. Oft sahen sie ein Anlügen ihrer Kinder als moralisch so unproblematisch, dass sie auch Babysitter in dieser Erziehungsmethode unterwiesen.

Die in ihrer Studie gefundenen Motive für elterliches Lügen unterteilten die Wissenschaftler in zwei Kategorien: Unwahrheiten, mit denen man dem Kind schmeicheln wollte (wie etwa ungerechtfertigte Komplimente für Zeichnungen) und solche, mit denen (beispielsweise durch Drohungen mit übernatürlichen Wesen) eine Verhaltensänderung erwirkt werden sollte. Religiöse Inhalte wurden dabei aber ebenso ausgenommen wie Rollenspiele oder Scherze.

Bei der Untersuchung der Frage, ob Eltern, welche der Wahrheitsliebe ihrer Kinder einen größeren Wert beimaßen, selbst weniger bei der Erziehung lügen, stellten die Psychologen überrascht fest, dass dies keineswegs der Fall war. Stattdessen gab es eine Korrelation in die gegenteilige Richtung: Je härter die Eltern Verstöße gegen das Lügenverbot bestraften, desto öfter setzten sie selbst Lügen als Erziehungsmittel ein.

Diese Ergebnisse sind insofern paradox, als sich die Eltern durch ihr eigenes Verhalten eine Nutzung des Modelllernens versperren, mit dem sie ihren Kindern Wahrheitsliebe besonders effektiv beibringen könnten. Es sei denn, auf einer weniger bewussten Ebene wäre ihr Erziehungsziel gar nicht die Wahrheitsliebe, sondern etwas Komplexeres.

Macchiavelli, Nietzsche und John Ford

Die Frage nach der Gerechtfertigtheit von Lügen zieht sich nämlich durch die abendländische Geistesgeschichte, ohne dass der Widerspruch bisher in sonderlich fruchtbarer Weise aufgelöst worden wäre: Auf der einen Seite stehen Aristoteles, Augustinus und Kant (der postulierte, dass man selbst einen anscheinlichen Mörder beim Ausspähen seines Opfers nicht die Unwahrheit sagen dürfe), auf der anderen Macchiavelli, Nietzsche, John Ford und die Neocons mit einem (manchmal durchaus interessant hergeleiteten) Lob der Lüge. (Peter Mühlbauer)