Eine neue Biologie?

Eine Kritik am neodarwinistischen Dogma

Die darwinistische Evolutionstheorie in Verbindung mit der Molekulargenetik hat sich für lange Zeit als beherrschendes Paradigma durchgesetzt. Ihr Kredo war, daß Neues sich auf der Grundlage von Mutationen im Informationsträger der Gene oder anderer Einheiten durch Auslese bildet und nicht Angepaßtes ausstirbt. Konkurrenz, Vererbung, Egoismus und Überleben im zufälligen Kontext äußerer Einflüsse waren die maßgeblichen Faktoren, wobei die Gene mehr oder weniger alles determinierten, was biologisch möglich war. Richard Dawkins hat mit seinem Buch "Das egoistische Gen" und mit dessen Titel das herrschenden Dogma formuliert, in dem die Organismen nur die Überlebensmaschinen der Gene darstellen. Allmählich aber rücken immer mehr Forscher von ihm ab, denn ganz offensichtlich ist es ein einseitiges Bild, das etwa mit der Betonung auf Egoismus die kooperativen Beziehungen von Organismen ignoriert, oder mit der Ausrichtung auf die Genetik die Bedeutung des einzelnen Organismus verkennt. Noch schwerwiegender allerdings ist, daß die Gene als vermeintlich ausschließliche Faktoren der Entwicklung für eine Erklärung der Evolution und der Morphogenese der Organismen nicht ausreichend sind.

In seinem Buch versucht Brian Goodwin mit den aus der Komplexitätsforschung gewonnenen Erkenntnissen die Theorie der Evolution zu erweitern. Angriffspunkt ist vor allem die Kritik am Glauben, daß sich ein Organismus vollständig aus seinen Genen "berechnen" lasse. In einigen Fällen wurde bereits nachgewiesen, daß sich Mutation auch durch die Veränderung einer Zellstruktur und nicht eines Gens ergeben kann. Gene stellen für Goodwin lediglich eine selektive und stabilisierende Struktur dar, die sich mit einem Impfkristall in einer wässrigen Lösung vergleichen läßt. Ohne eine bestimmte Lösung geschieht gar nichts, ansonsten entstehen je nach Impfkristall und Lösung, also durch deren Zusammenwirken, bestimmte "Gestalten". Auch Gene können sich ohne den spezifischen Kontext einer Zelle oder eines Organismus nicht replizieren. Sie sind während der Morphogenese auch nicht die einzigen kausalen Kräfte, denn sie werden je nach Entwicklungsstufe und Lage in anderen Kombinationen an- und ausgeschaltet. Gene als Replikatoren haben zumindest eine symbiotische Beziehung zur Zelle und zum Gesamtorganismus, so daß sich die dogmatische Trennung zwischen Gen und Zelle oder zwischen Genotyp und Phänotyp nicht aufrechterhalten läßt. Überdies wirkt sich während der Morphogenese, aber auch beim erwachsenen Organismus die Umwelt auf das Lebewesen aus, das wiederum auf die Umwelt einwirkt.

Als neues Paradigma stellt Goodwin die "dynamische Organisation" als übergreifende Einheit vor, die aus der Interaktion von vielen Bestandteilen hervorgeht und bestimmte Muster innerhalb eines Möglichkeitsraumes erzeugt. Goodwin mag mit seiner Kritik am molekulargenetischen Darwinismus wieder in das andere Extrem umschlagen, wenn er sagt, daß es bei der räumlichen Musterbildung nicht auf die Natur der beteiligten Komponenten, sondern lediglich auf ihre Wechselwirkung in Zeit und Raum ankomme: "Das Leben kann ohne DNS entstehen; es bedarf lediglich eines umfangreichen Netzwerks sich wechselseitig fördernder Elemente. Dies ist Kooperation, gegenseitige Unterstützung und Bereicherung." Aber schon der Blick auf lebensgeschichtlich frühe Bakterienkulturen läßt für viele Forscher den Egoismus allmählich hinter notwendigen Kooperationsfomen zurücktreten. Immer eindringlicher stellt sich denn auch heraus, daß alle Organismen kooperative Verbände sind. Auch wenn sich Kooperation beispielsweise mehrerer, zunächst autonomer Mikroorganismen in einer Zelle weiterhin durch Egoismus erklären läßt, hat dessen zentrale Stellung im Darwinismus dennoch Risse erhalten.

Dynamische Organisation ist daher auch nicht auf die Biologie beschränkt, sondern findet sich überall von der Physik bis hin zur Soziologie oder Psychologie. Entscheidend freilich ist, daß durch diese Erklärung die Evolution oder die Morphogenese nicht länger eine zufällige Auswahl darstellen, sondern einen genau umschreibbaren Möglichkeitsraum austasten, in dem sich bestimmte Muster durch symmetriebrechende Kaskaden in der Morphogenese aus an sich einfachen Organisationsprinzipien stabilisieren, die dann durch Selektion variiert werden können. Der Lebenszyklus verbindet, so Goodwin, Gene, Umwelteinflüsse und morphogenetisches Feld zu einem Prozeß, der sich immer wieder neu generiert.

Interessant wird das natürlich vor allem für die Bewertung von gentechnologisch veränderten Organismen: "Die in Nutzpflanzen eingebrachten herbizid- und pestizidresistenten Gene werden wahrscheinlich nicht in diesen Arten verbleiben und durch Viren, Bakterien und Pilze auf andere Species übertragen, so daß 'Unkrautarten' ihrerseits Toleranzen entwickeln." Goodwin plädiert für ein nachhaltiges und ausgewogenes System, das aufgrund der vielen wechselwirkenden Komponenten viel robuster als irgendwelch gentechnisch hochgerüsteten Monokulturen sei.

Ob aus dieser Perspektive, die dem Organismus neben den Genen wieder eine Bedeutung verschafft, tatsächlich, wie Goodwin glaubt, eine "qualitative Wissenschaft" als Ergänzung zur quantitativen entsteht, darf man freilich bezweifeln. Qualitativ wird unter dem schwammigen Label der Ganzheitlichkeit gestellt und dann natürlich gleich mit besserer Harmonie verbunden. Die "neue Biologie", die sich von der Genfixierung verabschiedet, sieht Organismen als "intentionale Handlungssubjekte", deren Wert in ihrem bloßen Dasein bestehen und nicht als Maschinen angesehen werden sollen. Im Stil einer Sonntagsrede verbinden wir uns im Zuge der "neuen Biologie" mit unserem "teilnehmenden Bewußtsein" mit den anderen Lebenwesen - "durch Mitgefühl, wechselseitige Anerkennung und Achtung." Da will der Biologe, dem Kampf der Gene um Leben und Tod müde, ein Paradies herbeizaubern, das den neuen Erkenntnissen der morphogenetischen Entwicklungen und der berechtigten Kritik am neodarwinistischen Dogma nicht zu entlocken ist.

In einem Gespräch über seine Biologie, wird auch nicht deutlicher, was diese sein soll, nur daß sie intuitiver, ganzheitlicher und subjektiver sein soll, dabei aber nicht weniger genau. Das große Vorbild ist Goethe.

Brian Goodwin: Der Leopard, der seine Flecken verliert. Evolution und Komplexität. Piper Verlag. München-Zürich 1997. 375 Seiten (Florian Rötzer)