E-Mails von Darwin und Einstein

Ist menschliche Aktivität prognostizierbar?

Charles Darwin und Albert Einstein hätten E-Mails auch nicht anders geschrieben als heutige Zeitgenossen – das Kommunikationsverhalten des Menschen, fanden Forscher heraus, blieb seit Darwins Zeiten gleich.

Der Vorgang, einen Brief aufzusetzen, ihn zu formulieren, in einen Umschlag zu packen, ihn zu siegeln oder, ganz neumodisch, zu frankieren und schließlich dem Boten oder dem (erneut neumodisch) dem Briefkasten anzuvertrauen – wirklich vergleichbar ist er nicht mit seinem modernen Äquivalent: ein Mausklick hier, ein paar Zeilen getippt, ein weiterer Mausklick – fertig. Trotzdem, behaupten amerikanische Forscher, hat sich unser Kommunikationsverhalten kaum geändert, ob wir nun Briefe oder E-Mails versenden. Ihre Erkenntnisse formulieren die Wissenschaftler in einem Beitrag im Wissenschaftsmagazin Science.

Als Werkzeug haben sich die Forscher dabei der Renormierungsgruppen-Theorie bedient. Der Begriff stammt ursprünglich aus der theoretischen Physik. Sie ermöglicht es, für eine physikalisches System Aussagen über dessen (zunächst) Energieabhängigkeit zu machen. Allgemeiner formuliert untersucht man mit Renormierungsgruppen, wie ein System skaliert. So versucht man, Gemeinsamkeiten auf den ersten Blick völlig unterschiedlicher Systeme herauszufinden. Erfolgreiche Anwendungsfälle finden sich in der Physik genug: Flüssigkeiten etwa verhalten sich nahe ihres kritischen Punkts beim Flüssig-Gasförmig-Übergang ähnlich wie Magnete an ihrem paramagnetischen kritischen Punkt. Beide Stoffe gehören hier also zur selben Klasse.

Die Renormierungsgruppen-Theorie lässt sich aber auch auf soziale Systeme anwenden, die bekanntlich sehr wohl in der Nähe ihrer jeweiligen kritischen Punkte operieren können. Auch hier sollten sich dann an sich unterschiedliche Systeme in dieselbe universelle Klasse einordnen lassen – und genau das hat das Forscherteam um Dean Malmgren von der Northwestern University im US-Bundesstaat Illinois versucht. „In einer früheren Studie“, erklärt Malmgren die dahinter stehende Motivation, „hatten wir das E-Mail-Verhalten von 400 Angehörigen einer europäischen Universität untersucht und dabei ein gutes Modell extrahiert, das vorhersagen konnte, wann Menschen E-Mails schicken. Wir fragten uns daraufhin, ob für briefliche Korrespondenz dasselbe gilt.“

Tatsächlich erwies sich in diesem Fall die Renormierungsgruppen-Theorie als geeignetes mathematisches Werkzeug, um menschliche Aktivität zu beschreiben. Das heißt nicht, dass sich alle Menschen gleich verhalten. Die Gesamtheit menschlichen Verhaltens lässt sich aber statistisch oft von Potenzgesetzen beschreiben. Natürlich verfassten Einstein, Darwin und die anderen vierzehn in dieser Studie untersuchten historischen Persönlichkeiten ihre Briefe in unterschiedlichem Rhythmus. Wie und wann sie korrespondierten, erwies sich aber als sehr charakteristisch für diese Personen. Ebenso verhält es sich bei Menschen, die das Werkzeug der E-Mail nutzen.

Und was treibt diese Korrespondenz? Aus rein mechanistischer Sicht, meint Malmgren in einem Podcast-Interview für Science, sind es drei Faktoren. Zum einen: wir schlafen während bestimmter Tageszeiten, das bestimmt den ersten Aktivitäts-Kreislauf. Dann arbeiten wir an bestimmten Tagen der Woche mehr oder weniger, das erzeugt einen wöchentlichen Aktivitätszyklus. Und schließlich ist uns Menschen bei unseren Aktivitäten eine gewisse Wiederholungswahrscheinlichkeit eigen: Wenn wir gerade eine E-Mail geschrieben haben, ist es wahrscheinlich, dass eine zweite folgt. Das gilt für Briefe ebenso. Aber es gilt auch für andere Aktivitäten wie Einkaufen und Telefonieren.

Jedenfalls vermuten das die Forscher um Malmgren, die deshalb demnächst auf ähnliche Weise zum Beispiel das Klickverhalten von Websurfern oder das Informationsverhalten von Bibliotheks-Besuchern untersuchen wollen. „Unser Modell könnte aber auch nützlich dafür sein“, lobt Malmgren, „die Natur finanzieller Transaktionen besser zu verstehen, denn auch Börsianer verhalten sich ja menschlich. Dafür fehlen uns aber noch die nötigen Daten.“ (Matthias Gräbner)