Drei Ärzte mit der Stripperin

Sauerbruch - Das war mein Leben

Subversive Arztfilme der 1950er

Subversive Arztfilme? In Adenauers 50ern? Gibt es das? Durchaus. Das Dritte Reich ging unter und die deutschen Filmschaffenden machten weiter wie bisher - nach einer kurzen Unterbrechung, denn einige mussten erst noch "entnazifiziert" werden. Ausnahmen von der Regel gab es auch. Zum Beispiel drei Arztfilme, deren Schöpfer nicht so tun wollten, als ob nichts gewesen wäre. Sie wurden ignoriert oder skandalisiert, in die Kategorie "Schund und Schmutz" eingeordnet, als sei die Beschäftigung mit der braunen Vergangenheit etwas Unanständiges.

Um zu verstehen, worin das Subversive besteht, muss man erst mal wissen, was die Norm ist. Der Mann, der die Bedürfnisse seiner Landsleute in der Nachkriegszeit am besten kannte, hieß Harald Braun. Bei der Ufa hatte er sich als Regieassistent und Drehbuchautor zum Regisseur hochgearbeitet. 1947 gründete er seine eigene Produktionsfirma, die Neue Deutsche Filmgesellschaft. Der erste Film, den er im Dritten Reich inszeniert hatte, trägt den Titel Zwischen Himmel und Erde (1940/41). Da zieht einer in den Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 und kommt als besserer Mensch wieder heim, weil der Krieg den Charakter bildet. Jetzt drehte Braun Zwischen Gestern und Morgen. Willy Birgel kehrt 1947 in ein Hotel im zerbombten München zurück, erinnert sich mit anderen Gästen an schlimme Dinge, die da passiert sind und kann beweisen, dass er nichts dafür konnte (die anderen sind auch nicht schuld). Joe Hembus:

Die Helden des Nazi-Films präsentieren sich in ihren neuen Rollen als Verfolgte des Nazi-Regimes; ein peinlicher Fall von Selbst-Entnazifizierung und ein erschreckendes Beispiel für die durch Opportunismus bewirkte Kontinuität deutschen Filmschaffens.

Nachdem er in das Drehbuch zu Das verlorene Gesicht (1948, Regie: Kurt Hoffmann) ein paar interessante Arztrollen eingebaut hatte, lief Braun zu großer Form auf. Nachtwache (1949) wurde einer der Kassenschlager des Nachkriegskinos. Hans Nielsen, im Euthanasie-Melo Ich klage an (1941) noch der Assistent des nordischen Helden Dr. Heyt, hat auf evangelischer Pfarrer umgeschult und wird Seelsorger des Hospitals zum Heiligen Geist. Dort freundet sich Pfarrer Heger mit Kaplan von Imhoff (Dieter Borsche) an. "Beide Geistliche", weiß der Werbetext, "kennen ihren gemeinsamen Weg als eine Art ‚Nachtwache’, die sie für die von dem Dunkel der Zeit überschattete Menschheit halten." Bei dieser Nachtwache wird unablässig geredet, aber nichts gesagt. Brauns Film, meint Joe Hembus, der die Dinge immer sehr schön auf den Punkt bringt, "begegnete der seelischen Heimatlosigkeit [...] mit dem Balsam einer Beichte, die Vergebung von allem auch ohne Sündenbekenntnis und Buße gewährt".

Erhebet Eure Herzen

Fast wäre der Film zum Treffen der Euthanasie-Veteranen geworden, denn ursprünglich wollte Wolfgang Liebeneiner eine der Hauptrollen in Ich klage an mit René Deltgen besetzen. In Nachtwache gibt Deltgen den ehemaligen Jagdflieger Stefan Gorgas, der jetzt als Schauspieler arbeitet und ein Zyniker geworden ist (je zynischer die Filme selber sind, desto wichtiger ist zur Ablenkung eine zynische Figur, der man eine Lektion erteilen kann). Seine Gattin, Dr. Cornelie Badenhausen (Luise Ullrich), die durch den Krieg im Allgemeinen und den Verlust ihrer kleinen Tochter im Besonderen den Glauben an Gott verloren hat, dachte eigentlich, dass er gefallen ist. Sie wirkt als Ärztin am Hospital.

Auch Pfarrer Heger hat eine Tochter. Ihr zeigt Gorgas auf dem Jahrmarkt, wie toll er die Schiffsschaukel schwingen kann. Das Kind stürzt aus der Schaukel, trotz Operation ist das Mädchen nicht mehr zu retten. Gorgas verliert seinen Zynismus und will vom Kirchturm springen, auf dem Pfarrer Heger gerade über Gott und die Welt meditiert. Der Pfarrer redet ihm das aus und wird später von Cornelie beim Klavierspielen entdeckt. Das hatte Tradition. Beim Klavier- oder Orgelspiel fand der deutsche Mensch noch immer Kraft in schwerer Zeit - sei es an der Front wie in Wunschkonzert (1940), sei es beim "Gnadentod" für Frau Dr. Heyt wie in Ich klage an. Nachdem statt einer Tochter nun deren zwei gestorben sind, ist Dr. Cornelie Badenhausen mit Gott versöhnt. Sie geht zur Heiligen Messe in Pfarrer Hegers Kirche, dann ist die schreckliche Geschichte endlich aus.

Luise Ullrich hatte ihre erste Hauptrolle in Liebelei (1932/33) gespielt, einer wunderbaren Schnitzler-Verfilmung von Max Ophüls. Und jetzt das. Beim Lesen ihres Erinnerungsbuchs Komm auf die Schaukel, Luise hat man den Eindruck, dass man sie gern kennengelernt hätte. Es hebt sich sehr angenehm von den doch eher verlogenen, mit selektiven Gedächtnislücken geschlagenen Memoiren anderer Stars ihrer Generation ab. Als ihr Harald Braun das Drehbuch zu Nachtwache schickte, schwante ihr nichts Gutes:

Die Lektüre fiel mir schwer. Das Thema schien mir problemüberladen, triefend von Sentimentalität und angepropft mit konstruierter Dramatik. […] Viele Personen des Buches hatten durch den Krieg und durch das erlebte Elend den Glauben an Gott verloren. Am Schluss sang ein Kinderchor: "Erhebet Eure Herzen, erhebet sie zum Herrn", und alle wurden bekehrt. Wenn sie mir die Rolle nicht geben, dachte ich, dann ist es auch kein Unglück.

Da kann man ihr nur beipflichten. Filmhistorisch bedeutsam ist das Melo trotzdem. Nachtwache ist das Bindeglied zwischen den vielen Arztfilmen des Dritten Reichs und denen der Adenauer-Zeit. Stilbildend war Dieter Borsche, nach seinem Auftritt als Krankenhauskaplan von Imhoff mit dem Milieu bereits vertraut. Mit Dr. Holl holte das deutsche Kino zum Befreiungsschlag aus. Borsche gelingt, woran Dr. Heyt in Ich klage an scheitern musste, weil da für die Euthanasie geworben wurde: er entwickelt ein Serum, das seiner geliebten, leider aber auch todkranken Frau (Maria Schell) das Leben rettet. Als Pflegerin mit dabei ist Heidemarie Hatheyer, vormals Hanna Heyt und als solche von ihrem Gatten aus Liebe vergiftet, damit sie nicht mehr leiden muss.

Das nicht ungeschickte Drehbuch schrieb Thea von Harbou, die Ex-Frau von Fritz Lang und eine Verehrerin des Führers. Wer nach den tausend braunen Jahren nicht mehr genau wusste, was ein Patient vom Onkel Doktor zu erwarten hatte, wurde durch Dr. Holl belehrt, dass die Mediziner ihre ganze Kraft der Heilung von Kranken widmeten, nicht deren Vernichtung. Die Ärzte waren jetzt wieder die edlen Menschen, als die man sie gern sehen wollte. Als Untertitel auf dem Plakat stand "Die Geschichte einer großen Liebe". So wurde das Publikum geködert. Die große Liebe (1942) ist der bis 1945 am meisten gesehene Film des Dritten Reichs und der längste Coitus interruptus der Filmgeschichte. Zarah Leander leistet da immer Triebverzicht, weil ihr Liebster bei der Luftwaffe ist und gegen die Feinde kämpfen muss.

Das für Führer, Vaterland oder die gute Sache ganz allgemein erbrachte Opfer war eines der zentralen Elemente der NS-Ideologie und des von ihr geprägten Kinos. Nachdem dieser Schwachsinn Millionen von Menschenleben gefordert hatte, war allerdings auch das Opfer nicht mehr das, was es mal gewesen war. Wer sich dennoch nicht davon trennen wollte, verlegte es von der Haupt- in die Nebenhandlung. Darum ist die von Heidemarie Hatheyer gespielte Helga Römer nicht nur eine Pflegerin, sondern außerdem noch die Verlobte von Dr. Holl. Mit ihrem Einverständnis heiratet der gute Doktor die todkranke, ihn liebende Angelika, "um ihr ein letztes Glück auf Erden zu geben" (Werbetext). Aber dann liebt er Angelika zurück und kann sie heilen. Das ist schlecht für Helga. Sie leistet wie gehabt Verzicht, "um in beruflicher Hingabe die Erfüllung ihres Lebens zu finden", kommentiert die Illustrierte Film-Bühne. Ist das nicht schön? Helga will lieber ihr Medizinstudium beenden und selbst Ärztin werden, statt Dr. Holl zu heiraten. So versteckt man im Kleid der Frauenemanzipation die alte Ideologie. Regisseur des Films war Rolf Hansen. Er hatte zuvor schon Die große Liebe inszeniert.

Lehrbuch der Biologie

Weil die Industrie erst wieder in Gang kommen musste und zu wenig produzierte, brachte man 1951, im Premierenjahr von Dr. Holl, 174 als "harmlose Unterhaltung" eingestufte Filme aus der NS-Zeit zurück in den Verleih. Dazu reproduzierte die Illustrierte Film-Bühne die alten, ideologisch eingefärbten Inhaltsangaben aus dem Film-Kurier (das sind diese Texte, denen die Murnau-Stiftung bis heute die Informationen zu den ihr anvertrauten Filmen entnimmt, wie ein Besuch der Website zeigt). Die durch das Verbot von Propagandafilmen (oder was man dafür hielt) entstandenen Lücken im Programm füllten Filme wie Dr. Holl, die gereinigte Versionen der alten Geschichten erzählten (in diesem Fall: Heilung statt Euthanasie). Die Stars von gestern waren auch die Stars von heute oder zumindest noch in Nebenrollen zu sehen. So gingen das Nazi- und das Nachkriegskino eine Symbiose ein, die für eine gruselige Kontinuität sorgte und suggerierte, dass früher auch nicht alles schlecht gewesen war.

Der Film Ich klage an, den im Dritten Reich Millionen von Kinogehern gesehen hatten, scheint so viel Wirkung hinterlassen zu haben, dass Dr. Holl nicht ausreichte, um die Vergangenheit umzuschreiben. Mit Das letzte Rezept (1951/52) mischte Rolf Hansen die Elemente von Liebeneiners Melo noch einmal kräftig durch. Dabei kam eine Geschichte heraus, bei der - ganz wichtig - nicht vergiftet, sondern der Tod durch Gift abgewendet wird. Nachdem Heidemarie Hatheyer in Dr. Holl eine von zwei Frauen war, die den Doktor lieben und am Schluss, als drittes Rad am Wagen, im Medizinstudium Erfüllung sucht, kehren wir hier zur Ausgangsposition von Ich klage an zurück. Anna Falkner (Hatheyer) wird von zwei Männern geliebt. In Ich klage an sind es zwei Ärzte. Diesmal hat Hatheyer in Salzburg die Hofapotheke geerbt und ist mit Hans Falkner (O. W. Fischer) verheiratet, der ihr zuliebe während des Medizinstudiums auf Pharmazie umgesattelt hat. Sonst wird sie noch vom Polizei- und Aushilfs-Theaterarzt Dr. Steininger (René Deltgen) geliebt.

Bei den Salzburger Festspielen tritt die berühmte Tänzerin Bozena Boroszi (Sybil Werden) auf. Die schöne Frau Boroszi ist Morphinistin und hat noch ein weiteres Problem, weil ihr Dealer von der Polizei festgenommen wurde. Nachdem sie wegen einer durch die Sucht hervorgerufenen Herzschwäche auf der Bühne zusammengebrochen ist, sagt sie Dr. Steininger, dass sie sich nach Gift sehnt, damit das Leid ein Ende hat. Wäre das ein NS-Propagandafilm wie Ich klage an, wäre die Tänzerin unheilbar krank und der Doktor würde sie "erlösen". Das ist jetzt aber ein Vergangenheitsbeschönigungsfilm der 1950er, in dem so getan wird, als hätte es das nie gegeben. Also sagt Dr. Steininger etwas über das Berufsethos des Arztes und rät zu einer Entziehungskur. Frau Boroszi macht stattdessen dem leichtsinnigen Apotheker Hans Falkner schöne Augen und entwendet in einem günstigen Moment zehn Ampullen Morphium aus dem Giftschrank.

Dr. Steininger hat überhaupt wenig Glück mit seinen Ratschlägen. Medizinalrat Dr. Falkner, der Vater des Apothekers, will partout nicht in den Ruhestand, obwohl er schon ziemlich tattrig ist. Der Altherrendarsteller Carl Wery, der hier aus künstlerischen Gründen ohne sein Toupet auftritt, muss zur Strafe ein Gespräch mit Dr. Steininger im Gesundheitsamt über sich ergehen lassen. Der Medizinalrat, meint Steininger, müsse seine Praxis aufgeben, das stehe "in jedem Lehrbuch der Biologie. Da steht, dass die Natur sich zwangsläufig regeneriert." "Aha", erwidert Dr. Falkner. "Die alten Zellen werden abgesondert, und die frischen, lebenskräftigen …" "Jawohl", unterbricht Dr. Steininger, weil damit das Wesentliche gesagt ist. Es geht hier aber nicht darum, dass wir alle irgendwann sterben müssen, sondern um die Übertragung der Biologie auf gesellschaftliche Zusammenhänge. Wenn man an die Nazi-Idee vom "gesunden Volkskörper" denkt, und an die damit gerechtfertigten Verbrechen, kann einem da schon etwas mulmig werden.

Die süchtige Tänzerin versucht, Anna und Hans Falkner zu zwingen, sie mit Morphium zu beliefern. Sie droht, andernfalls durch eine Falschaussage ihre bürgerliche Existenz zu vernichten. Nach einem weiteren Zusammenbruch von Frau Boroszi verordnet der Medizinalrat das auch als Herzmittel verwendete Strychnin, schreibt aber versehentlich eine tödliche Dosis auf das Rezept. Die Apothekerin verbringt einige schwere Stunden, in denen sie erfolgreich der Versuchung widersteht. Statt das Rezept so anzurühren wie angegeben und die Erpresserin dadurch aus dem Weg zu räumen, korrigiert sie die Dosis, damit aus dem Gift ein Heilmittel wird. Dann wendet sich alles zum Guten. Regie und Drehbuch vergessen, dass dieser Film auch mal eine Kriminalhandlung hatte, der Medizinalrat a. D. macht vor Glück das Fenster auf, und bei den Festspielen wird ein in Kulturkitsch überführtes Zitat von Marie von Ebner-Eschenbach rezitiert, die sich dagegen nicht mehr wehren konnte: "Eine schwere Zeit ist wie ein dunkles Tor, gehst du hindurch, kommst du gestärkt hervor." Und wenn einem so viel Gutes widerfährt, dann ist das einen Asbach Uralt wert.

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