Die härteste Kampflinie um Aufklärung und Emanzipation

Interview mit Sabine Kebir über Fortschritt und Rückschritt im Islam

Der folgende Beitrag ist vor 2021 erschienen. Unsere Redaktion hat seither ein neues Leitbild und redaktionelle Standards. Weitere Informationen finden Sie hier.

Die Kulturwissenschaftlerin, Politologin und Philosphien Sabine Kebir hat einige Jahre in Algerien in einer islamisch geprägten Gesellschaft gelebt und hat sich in den Büchern Maria und Jesus im Islam, Zwei Sultane und Algerien zwischen Traum und Alptraum mit dem Islam auseinadergesetzt.

Frau Kebir, gibt es grundlegende Unterschiede und grundlegende Gemeinsamkeiten in den islamischen Kulturen oder sind diese so divergent, dass man diese jeweils einzeln oder verschiedentlich zusammengefasst analysieren müsste? Macht es also ihrer Ansicht nach überhaupt Sinn von dem Islam zu sprechen?

Sabine Kebir: Islamische Kulturen oder Länder sind nicht weniger unterschiedlich als Kulturen und Länder mit christlichem Hintergrund. Was könnte ein Indonesier über Deutschland erzählen, wenn er nur in Portugal oder in Argentinien gewesen ist? Natürlich gibt es Gemeinsamkeiten christlicher Kultur, die sind aber wiederum so abstrakt, - wie z. B. das Gebot der Nächstenliebe - dass sie konkret wenig aussagen, ob ein christliches Land es gerade befolgt oder schändlich verletzt. Auf genau dieser abstrakten Ebene gibt es natürlich auch viele Gemeinsamkeiten der islamischen Kultur. Ob sie aber konkret gelten und zum Tragen kommen, ist ebenso unsicher.

"Der Islam in den ersten Jahrhunderten seiner Existenz aufklärerische Impulse verbreitet"

Um konkrete Analysen im Einzelfall kommt man also nicht herum, es sei denn, man hätte ein Interesse, eine gesamte Kultur zu idealisieren oder zu verteufeln, wie das gegenwärtig mit "dem Islam" gern gemacht wird.

Ist der Islam eine rein rückschrittliche Religion, oder lassen sich darin auch emanzipatorische Elemente ausmachen?

Sabine Kebir: Wie gesagt gibt es den "Islam ansich" nicht. Seine heiligen Bücher und Schriften sind wie die der Juden und Christen vieldeutig. Emanzipation bedeutet, dass sich Menschen aus persönlicher Abhängigkeit von anderen Menschen befreien und in sozialer und sexueller Selbstbestimmung leben können. Das war in fast allen Kulturen, die wir heute kennen, meist nur einem kleinen Teil der besitzenden Männer möglich. Frauen waren auf Gedeih und Verderb von ihren männlichen Vormündern abhingen. Aber auch der Großteil der Männer war/ist davon abhängig, was ein Besitzender bereit ist, ihm zu geben. Die verschiedenen Kulturen haben dafür Regeln aufgestellt, die meist eher schlecht als recht in die Praxis umgesetzt werden. Schon Hegel formulierte klar: die Teilhabe am gesellschaftlichen Reichtum sollte nicht durch Charity-Regeln, sondern durch allgemeinverbindliche Gesetze geregelt werden. Die Menschen sollten nicht darauf bauen müssen, dass Vermögende ihnen geben. Sondern der demokratisch formierte und kontrollierte Staat gibt, der zuvor Steuern eingezogen hat und von den Individuen natürlich auch eine Gegenleistung fordert in Form von Arbeit. Der Islam hat in seiner Geschichte, besonders in den ersten Jahrhunderten seiner Existenz, aufklärerische und emanzipatorische Impulse verbreitet, die allerdings bald mit konservativen Tendenzen konkurrieren mussten und diesen unterlagen.

Widersprüchliche Hadithe

Bezüglich ihrer Frage möchte ich hier auf die Auseinandersetzung der marokkanischen Soziologin Fatema Mernissi mit den in den ersten zwei Jahrhunderten des Islam gesammelten Zeugnissen über Aussagen des Propheten eingehen, den sogenannten Hadithen. Einige Hadithe werden noch heute zur theologischen Rechtfertigung zur Unterdrückung der weiblichen Sexualität benutzt. Mernissi erinnerte sich, wie sie im Religionsunterricht auf dem Gymnasium von einem Hadith erschreckt wurde, wonach "der Hund, der Esel und die Frau das Gebet unterbrechen, wenn sie vor dem Gläubigen vorbeigehen, denn sie stellen sich zwischen ihn und die Quibla [Gebetsrichtung -S. K.]." Sie fragte sich: "Warum soll der Prophet ein Hadith gesagt haben, das mir wehtut?" In ihrem Hauptwerk ŽDer politische Harem` bietet Mernissi eine historisch-kritische Sicht auf die Gesamtheit der Hadithe über Frauen. Sie hebt hervor, dass die aus dem 8. und 9. Jahrhundert stammenden Sammlungen gerade zu Frauenthemen gegensätzliche Hadithe enthalten, in der Praxis bis heute aber vor allem die frauenfeidlichen Hadithe bekannt gemacht werden. Dabei hatten die Sammler versucht, Glaubwürdigkeit herzustellen indem sie für und wider der Quellen prüften und durch die Präsentierung gegensätzlicher Hadithe den Zweifel zum Prinzip erhoben.1

Gegenhadithe der Prophetengatinnen

Als Urheber des Hadith, der Frauen und Tiere gleichermaßen als Störfaktoren des männlichen Gebets ansieht, gilt Abu Hureira, ein zum Islam übergetretener und deshalb befreiter Sklave, der in Mohameds Haushalt arbeitete und oft in Konflikt mit dessen Gattinnen geriet. Als Aischa von dem Hadith erfuhr, soll sie gesagt haben: "Ihr vergleicht uns nun mit Eseln und Hunden. Allmächtiger Gott, ich habe den Propheten gesehen, wie er sein Gebet verrichtete, und ich lag auf dem Bett zwischen ihm und der Quibla. Um ihn nicht abzulenken, versuchte ich, mich nicht zu bewegen..." Auf Abu Hureira gehen auch viele Hadithe zurück, in denen Geschlechtsverkehr und Menstruation als eine von der Frau ausgehende Quelle der Beschmutzung der Männer gelten, die ebenfalls das Gebet ungültig machen. Manche Moscheen verweigern Frauen immer den Zutritt, weil nicht auszuschließen ist, dass sie gerade menstruieren. Auch dazu fand Mernissi Gegenhadithe der Prophetengattinnen. Um Maimuna sagte: "Zuweilen rezitierte der Prophet den Koran, wobei er den Kopf auf das Knie von einer von uns Frauen gelegt hatte, die ihre Regel hatte. Es geschah auch, dass eine von uns seinen Gebetsteppich in die Moschee trug und ihn ausbreitete, während sie ihre Regel hatte."2

"Kampf um Gleichbereichtigung"

Die Überlieferung der Hadithe war stets mit dem Streit um ihre Authentizität verbunden. Angesichts des hohen Alters der Sammlungen selbst erübrigt er sich aber, denn es ist klar, dass schon die islamische Urgemeinde um diese Fragen stritt. Erst spätere Theologie und auch der moderne Islamismus haben versucht, die Wahrheit der Offenbarung allein bei Abu Hureira zu orteten. Der heutige Kampf um Gleichberechtigung kann den Streit wieder aufnehmen. Wenn wir uns vom Gebiet der Theologie in die Praxis bewegen, ist zu sagen, dass die islamische Kultur von heute wohl am stärksten von allen Gegenwartskulturen um ihre eigene Emanzipation ringt. Um das zu erkennen, dürfen wir sie uns nicht monolithisch vorstellen und etwa den Islamismus leugnen oder banalisieren. Kunst und Literatur der islamischen Welt bezeugen es: Die härteste Kampflinie um Aufklärung und Emanzipation liegt nicht zwischen Islam und Westen, sondern innerhalb der islamischen Welt selber.

Wie hält es der Islam mit dem Thema soziale Gerechtigkeit?

Sabine Kebir: Soziale Gerechtigkeit wird im Islam ähnlich schwach definiert wie in der christlichen Theologie: durch tätige Nächstenliebe, die formal etwas strenger ist, an den großen sozialen Unterschieden aber ebenfalls nichts ändert. Immerhin zahlen die reichen Erdölstaaten vom Golf weltweit Sozialhilfe an arme Muslime, soweit diese bereit sind, die islamischen Lebensregeln zu befolgen.

"Kein Krypto-Sozialismus"

Eine der Bedingungen ist die Verschleierung der Frauen, aber auch der regelmäßige Moscheenbesuch u.s.w..

Ist es möglich, dass gerade die aus menschenrechtlicher Sicht rückständigen Kräfte im Islam sozialpaternalistische Züge zeigen, die den Armen das Leben erleichtern, während die gesellschaftlichen Gruppen, die für Säkularisierung, Demokratie und kulturelle Freiheit kämpfen nach westlichem Vorbild eher neoliberal geprägt sind?

Sabine Kebir: Nein, gerade die konservativen, islamistischen Kräfte sind am meisten neoliberal geprägt, d. h. sie vertreten einen strikten Eigentumsbegriff und sind radikal antistaatlich gesinnt (sie wollen keine Gesetze, welche die Eigentumsrechte einschränken). Wie aus meiner Antwort zu ihrer vorherigen Frage schon hervorgeht, fördern diese Kräfte weder sozialistische Emanzipation durch Arbeit für alle noch einen modernen Sozialstaat westlichen Typs. Die Entwicklung eigener Produktion, die es zunächst in Ägypten unter Nasser, dann auch in anderen islamischen Ländern in Anfängen gegeben hatte, wurde um 1970 abgebrochen, was wesentlich mit der Niederlage im 6-Tagekrieg zusammenhing. Sie führte zum entscheidenden Prestigeverlust der laizistischen Kräfte. Ägypten beendete seine eigenen Industrialisierungsvorhaben und öffnete sich westlichen Warenimporten sowie den islamistischen Missionen vom Golf. Wenn junge, unerfahrene Islamisten sich heute Gerechtigkeit im Rahmen des Islamismus erhoffen, dann ist das nur die Hoffnung auf Wohlfahrt, die von den eigenen Feudalkräften freiwillig gewährt wird.

"Religion wird verschieden gelebt"

Eine andere Hoffnung gibt es für viele nicht. Das sollte uns aber nicht dazu bringen, hier irgendwelchen Krypto-Sozialismus zu vermuten.

Wie wichtig sind Klassenunterschiede bei der Befolgung religiöser Grundsätze? Ist es möglich dass die Ober- und Mittelschicht in islamischen Gesellschaften einen eher säkularisierten Lebensstil pflegen, während die verarmten Massen die asketischen Ideale und Riten des Islam mit Leidenschaft vertreten und befolgen? Nutzen z.B. in Saudia-Arabien reaktionäre Mächte die religiöse Grundprägung der Armen aus, um palästinensische Selbstmordattentäter für ihre Ziele zu rekrutieren?

Sabine Kebir: Natürlich wird die Religion in den verschiedenen Klassen verschieden gelebt und gegebenenfalls auch instrumentalisiert. Ich möchte aber auch hier vor Verallgemeinerungen warnen, es gibt keine transnationale Klassenlogik in der arabischen Welt. Die saudische und die algerische Oberklasse sind so verschieden wie die deutsche und meinetwegen die von Chile. Auch Selbstmordattentäter werden von den verschiedensten Gruppen erzeugt, auch von Geheimdiensten verschiedener Couleur. Es ist eins der trübsten Kapitel der neueren Geschichte, über das sehr wenig konkretes Wissen da ist. Ich möchte hier nur darauf hinweisen, dass das Phänomen nicht so neu ist, wie gern behauptet wird. Es hat schon immer in der Geschichte eine Rolle gespielt, dass junge Männer, manchmal auch Frauen, bewusst auf ein Opfer hin erzogen wurden. Dass das Phänomen so zunimmt, hat aber auch mit der Entwicklung der militärischen und polizeilichen Hochtechnologie zu tun, gegen die es immer weniger effektive Kampfmittel gibt. Daher erkläre ich mir den zunehmenden Einsatz menschlicher Bomben. Er kann nur zurückgehen, wenn auch die angeblich legale Gewalt der großen Armeen und Polizeistrukturen zurückgefahren wird und Konflikte wieder mehr durch Verhandlungen und Kompromisse gelöst werden.

Welches Verhältnis hat der politische Islam zu sozialistischen und kommunistischen Bewegungen im eigenen Land?

Da sich Kommunismus und Sozialismus selbst als Ideologie einer allzu eng definierten Industriearbeiterschaft sahen, fehlte ihnen in der islamischen Welt einfach die soziologische Basis. Die Kommunistischen Parteien, die es gab, waren meist etwas künstliche Gebilde, die sich leider auch allzu mechanisch an Moskau ausrichteten. Dennoch ist das harte, grausame Vorgehen islamischer Regierungen gegen Kommunisten und Sozialisten nicht zu rechtfertigen und entsprang oft dem Wunsch nach mehr Anerkennung im Westen.

Wie sieht Ihrer Einschätzung nach das Verhältnis der deutschen Linken zum Islam aus?

Sabine Kebir: Die deutsche Linke weiß zu wenig, was mit ihrer allgemein schwachen Kompetenz in Kultur und Wissenschaft zusammenhängt. Hinsichtlich des Konflikts mit dem Islam sind gleichermaßen theologisches, historisches wie auch soziologisches Wissen vonnöten. Wenn man es nicht hat, borgt man es sich von irgendwoher, in Islamfragen wohl am liebsten von den Grünen. Sehr kompetent sind die aber aus meiner Sicht auch nicht.

Zweifellos gibt es in Deutschland Rassisten, welche die islamischen Gemeinschaften politisch unterdrückt und sozial geächtet sehen wollen, anderseits aber auch berechtigte Kritik an der kulturellen Praxis dieser Gemeinschaften. Sehen Sie einen Weg, diese ideologische Gradwanderung erfolgreich zu meistern?

Sabine Kebir: Es gibt sowohl bei deutschen Rassisten als auch bei islamistischen Gruppen ein Interesse daran, Bildung, Emanzipation und normale Teilnahme am hiesigen Arbeitsleben der hier lebenden jungen Muslime zu hintertreiben. Kontraproduktiv ist auch die allgemeine Tendenz, dass die Bildungs- und Berufschancen vom Geldbeutel der Eltern abhängen. Das zu ändern ist die große Baustelle.

Werden Ihrer Meinung nach in der Islamkritik gesellschaftliche und soziale Faktoren ausgeblendet, welche die Grundlage dieser Religion bilden und deshalb vor der religiösen Ideologie zu kritisieren wären?

Sabine Kebir: Indem die Muslime als prinzipiell hinterwäldlerisch und unfähig hingestellt werden, wird nur verdeckt, dass weder unsere Ausbildungssysteme noch der Arbeitsmarkt in einer Weise strukturiert sind, als dass diese Menschen sich darin wiederfinden könnten. Der faktische Ausschluss vom Arbeitsmarkt bewirkt dann auch tatsächlich, dass einige Muslime dem Schreckensbild, das von ihnen gezeichnet wird, ähnlich werden. Da aber Muslime, die zufällig in hochqualifizierte Beruf gelangt sind, dort dasselbe leisten wie jedermann, dürfen wir Ursache und Wirkung nicht verwechseln.