Die Wolke nach dem Brand in der Chemiefabrik

Symbolbild (Ausschnitt): Pixabay License

Das Unternehmen Lubrizol stellt mitten in Rouen "gefährliche Stoffe" her. Vergangene Woche kam es zu einem gigantischen Feuer. Bei der die Frage, wie gefährlich die Folgen sind, wiegeln die Behörden ab

Das Feuer in der Fabrik Lubrizol, das am vergangenen Donnerstag in der nordfranzösischen Stadt Rouen (Normandie) ausgebrochen ist, war sehr groß. Die Schäden sind beachtlich und die Rauchschwaden waren spektakulär. Die Fabrik wird - wie über 1.000 andere in Frankreich - nach der sogenannten EU-Seveso-Richtlinie als eine der Produktionsstätten eingestuft, "bei denen die Gefahr eines schweren Unfalls mit gefährlichen Stoffen besteht". Derzeit herrscht Verwirrung darüber, wie der aktuelle Unfall und seine Folgen einzuschätzen sind.

"Wir werden zum Narren gehalten"

Wie sehr sich die Debatte auf die Folgen des Feuers konzentriert, ist allein daran schon daran abzulesen, dass die Frage nach dem Auslöser des Brandes völlig im Hintergrund bleibt. Sie wird in den meisten Medienberichten gar nicht gestellt. Im Vordergrund steht die Frage nach den Auswirkungen und ein erhebliches Misstrauen gegenüber offiziellen Beschwichtigungen: "Der Eindruck, dass die Regierung, die Schwere dieser Wolke herunterspielt und uns zum Narren hält", wie es eine Mutter formuliert, die ihre Kinder aus Sicherheitsgründen nach Paris gebracht hat.

Mit dem heutigen Montag wird der Schulbetrieb wieder aufgenommen. 237 Schulen in der Umgebung Rouens waren geschlossen worden, 55.000 Schüler blieben zuhause. Am Wochenende wurde alles vom Ruß gesäubert, berichtet Le Monde, die Regierung und die Verwaltung hätten intensiv kommuniziert, um die Bevölkerung zu beruhigen.

Umweltverbände halten sowohl die Reinigungsarbeiten wie die Informationsarbeit der Regierung für unzureichend. Wer in die sozialen Medien zum Thema "Lubrizol" schaut, bekommt, was zu erwarten ist: eine Serie von Bildern, die der Erzählung widersprechen, wonach der Vorfall nicht so gravierend war, sondern katastrophal: das riesige Feuer (echt), tote Vögel (fake), tote Fische (möglicherweise auch fake), schwarzer Dreck auf Fingern, Taschentüchern, Wassersammelbehältern, Flüssen und Kürbissen.

Auch das beinahe schon klassische Bild der giftigen Verschmutzung, die in die Haushalte dringt, fehlt nicht: das dunkle Wasser aus dem Wasserhahn, wie es u.a. bei La Plume libre, einer alternativen Nachrichtenquelle, gezeigt wird. Nun reicht der Mix der Bilder unter #Lubrizol bis ins komische Fach, mit Vergnügen an der satirisch-apokalyptischen Übertreibung, und niemand außer der Filmemacherin oder dem Filmemacher weiß, wie die Aufnahmen des Schmutzwassers tatsächlich zustande kamen.

"Ohne Risiko"

Offensichtlich ist der optische Kontrast zur Behauptung der Präfektur, wonach das Wasser aus dem Hahn "ohne Risiko" konsumiert werden kann. Auch die Grenzwerte für schädliche Partikel in der Luft würden nicht überschritten. Die Luft ist "so gut wie üblich", so die Aussage der behördlichen Aufsicht nach 78 Messungen an 26 unterschiedlichen Orten. Es würden sich keine erhöhte toxischen Werte zeigen.

Doch selbst die Zeitung Le Monde, die nun nicht gerade bekannt ist dafür, dass sie einer Gegenöffentlichkeit großes Gewicht einräumt, berichtet von der Sorge darüber, dass die Rauchwolken Asbest verbreitet haben, da die Dächer der Fabrik brannten. Auch die zuständige Staatsanwaltschaft lässt erkennen, dass man den Vorfall nun ernster nimmt: Die Ermittlungen, die zuvor aufgrund von "unbeabsichtigten Schäden durch eine Explosion oder ein Feuer" eingeleitet wurden, wurde um die Anklage "Gefährdung anderer" erweitert. Die Organisation Générations futures soll eine Klage eingereicht haben.

Ernte wird einbehalten

Dazu kommt, dass nun Landwirte in der Umgebung von Rouen - in 112 Kommunen des Départements Seine-Maritime - angewiesen wurden, bestimmte Produkte wie Milch, Korn, Eier aus der Freilandhaltung und Honig, die in einem entsprechenden Zeitraum produziert wurden, nicht weiterzugeben. Ein Bauer wird vom Figaro damit zitiert, dass alles Gras dunkel war. Der frühere Landwirtschafts- und jetzige Wirtschafts- und Finanzministerminister Bruno Le Maire stellt Entschädigungen in Aussicht. Die Landwirtschaft spielt in der Normandie eine große Rolle.

Das von der Rußwolke und den Anweisungen zur Einbehaltung der Ernte betroffene Gebiet ist recht groß, wie diese Karte hier zeigt. Das nährt bei manchem die Vermutung, dass doch nicht alles so harmlos verlaufen ist, wie nahegelegt wird. Oder ist es im Gegenteil ein Zeichen dafür, dass die Regierung doch umsichtig vorgeht?

Greenpeace, die Umweltorganisation France nature environnement und Gewerkschaften verlangen mehr Transparenz, einzelne Abgeordnete plädieren für einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss. Die zentrale Frage lautet: Was hat eigentlich in der Fabrik Lubrizol gebrannt?

Die Produktion

Die Firmenseite gibt darüber keine Auskunft. Die Regierung soll nun eine genaue Darstellung liefern. Lubrizol stellt Schmiermittel, Kraftstoffzusätze für Benzin und Diesel und industrielle Anstriche her. Vorgebracht wird die Angst, dass Benzol verbreitet wurde. Le Monde berichtet von schwefel-, stickstoff- und phosphorhaltigen Kohlenwasserstoffen, Kaliumhydrid und Phosphorpentasulfid als Grundmaterialen der Produktion.

Zum Kontext der Beunruhigung wäre noch nachzutragen, dass die französischen Nachrichten im April 1986, als es im Kernkraftwerk Tschernoby zu einer Katastrophe kam, felsenfest behaupteten, dass die Wolke zwar andere Länder betroffen habe, aber wundersamerweise Frankreich nicht. Das wurde dann später revidiert. Wobei das Ausmaß der Schäden nicht klar ist.

Auch beim Chemieunfall, der sich 2013 in der Chemiefabrik Lubrizol ereignete, der ebenfalls zu großer Beunruhigung führte, sind die Folgeschäden nicht klar.

Nicht zu übersehen ist, dass die Fabrik in unmittelbarer Nähe zu Wohngebieten und nicht außerhalb der Stadt, sondern im weiteren Zentrum liegt. Ein Foto der Rauchwolke über einer benachbarten Bebauungsfläche, wo ein "Öko-Viertel, ruhig und lebendig" entstehen soll, kursiert als Kommentar zum Unfall durch die sozialen Medien. (Thomas Pany)

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