Die "Unterernährung der sozialistischen Phantasie"

Bild: Nathan Dumlao/Unsplash

Thesen zum Niedergang der Linken

Dieses Mal ist es gerade nochmal gut gegangen. Drei Direktmandate retteten der Partei Die Linke das parlamentarische Überleben. Der Autor ist gespannt, ob die Partei nun endlich ernst macht mit der Ankündigung von Dietmar Bartsch am Wahlabend, die Ursachen ihres Niedergangs schonungslos und konsequent aufzuarbeiten.

Wenn das nicht gelingt, heißt es längerfristig Abschied nehmen von der Linken. Die Krise der Linken dauert nun bereits Jahre an, ihre Aufarbeitung hinkt dem Zerfall hinterher und kann die Ursachen der Krise nicht benennen. So wird sich der Niedergang nicht aufhalten lassen. Auch mit mehr Einfluss von Sarah Wagenknecht wäre das kaum anders gelaufen.

Die Ursachen der Krise der Linken liegen woanders und tiefer, als sie vermutet. Es ist beileibe nicht nur die Mutation zur Lifestyle-Linken, die sie schwächt. Eine Rückkehr zu ihren klassischen sozio-ökonomischen Schwerpunkten und Themen, die Wagenknecht vorschlägt, würde das Elend der Linken nicht beheben. Die Linke leidet an einer Auszehrung der Utopie, an einem Mangel an Ideen, die es vermöchten, die Menschen hinter dem Ofen hervorzulocken und zu begeistern.

Der Autor hat schon vor etlichen Jahren einmal versucht, in einem kurzen Text für die Schweizer WOZ die strukturellen Defizite der Linken und mögliche Ursachen ihrer Schwäche zu benennen. Im Folgenden mein Text aus dem Jahr 2015.

Zeit der Monster

"Die alte Welt liegt im Sterben, die neue ist noch nicht geboren; es ist die Zeit der Monster", sagte Antonio Gramsci sinngemäß in seinen Briefen aus dem Kerker. Die Zeit der Monster bricht dann an, wenn eine herrschende Ordnung von Krisen geschüttelt und vom Zerfall bedroht ist, ohne dass neue gesellschaftliche Kräfte schon bereitstehen, die etwas qualitativ Neues an die Stelle des zerfallenden Alten setzen können.

Wenn es der Linken nicht gelingt, in den Krisen der Gegenwart eine libertär-sozialistische Alternative zu formulieren und zu praktizieren, die die Menschen fasziniert und bewegt, dann werden die frei flottierenden Energien und Unmutspotenziale von rechten Monstern angeeignet, oder es werden Formen einer gespenstischen Selbstzerstörung freigesetzt.

Ernst Bloch hat in seinem Buch "Erbschaft dieser Zeit" (1935) der Weimarer Linken, vor allem den Kommunisten, den Vorwurf einer "utopischen Unterernährung der sozialistischen Fantasie" gemacht. Die Linke habe allzu vieles dem Feind überlassen, dem der Missbrauch dieser Themen leicht gemacht wurde, "weil die echten Revolutionäre hier nicht Wache gestanden haben".

Die linke Propaganda sei vielfach kalt, schulmeisterlich und ökonomistisch gewesen. Während die Rechten in Bildern und Metaphern schwelgten, die in die Fantasie der Menschen griffen, langweilten die Linken die Menschen mit dem sturen Ableiern von ökonomistischen Parolen: "Nazis sprechen betrügend, aber zu Menschen, die Kommunisten völlig wahr, aber nur von Sachen. Die Kommunisten strapazieren oft gleichfalls Schlagworte, aber viele, aus denen der Alkohol längst heraus ist und nur Schema drinnen."

Die auf die Entlarvung ökonomischer Widersprüche fixierte Linke geriet in den Bann des "Kältestroms", der von der kapitalistischen Ökonomie ausgeht, und vernachlässigte den "Wärmestrom", der in die Fantasie greift und die Menschen berührt und antreibt.

Mit Reparaturen ist es nicht getan

Dass die Kritik ökonomischer Sachverhalte in der linken Theoriebildung und Analyse von jeher und bis auf den heutigen Tag eine derart große Rolle spielt, ist zunächst einmal dem real existierenden Ökonomismus der kapitalistischen Gesellschaft geschuldet.

Durch den großen Stellenwert der ökonomischen Aufklärung entsteht aber mitunter der Anschein, als sei das angestrebte Ziel einer anderen Gesellschaft in erster Linie eine Sache der Ökonomie oder gar der Triumph einer von ihren bürgerlichen Fesseln befreiten ökonomischen Vernunft. Dem ist aber keineswegs so.

Der kommunistische Materialismus sollte Bloch zufolge nicht die bloße Verdoppelung der totalen Ökonomie sein, "sondern gerade der Hebel, um die beherrschte Wirtschaft an die Peripherie zu stellen und den Menschen erstmals in die Mitte". Es geht darum, reale Humanität herzustellen, und diese geht weit hinaus über eine lediglich neu geordnete Wirtschaftsform, über alle bloß sozialtechnischen Maßnahmen. Es geht um nichts Geringeres als die Unterordnung der Wirtschaft unter die Bedürfnisse von zur Vernunft gekommenen Menschen.

Etwa zur gleichen Zeit, da Ernst Bloch seine Kritik am Ökonomismus der Linken formulierte, schrieb Max Horkheimer in seinem unter dem Pseudonym Heinrich Regius erschienenen Buch Dämmerung:

Die Begründung der Abschaffung des Kapitalismus durch die Notwendigkeit eines der Produktivität günstigeren Auswahlprinzips ist verkehrt, weil sie die Kategorien des herrschenden ökonomischen Systems als Norm nimmt. Sie glaubt, es sei mit Reparaturen getan. Nicht damit die Tüchtigen an die erste Stelle kommen, müssen wir die Gesellschaft verändern, sondern im Gegenteil, weil die Herrschaft dieser "Tüchtigen" ein Übel ist.

Max Horkheimer

Was wirklich zählt

Dass die Ökonomie unser Dasein beherrscht und bestimmt, ist für das kritische Denken kein weltanschauliches Bekenntnis, sondern die Diagnose eines aufzuhebenden Zustands. Das Problem ist, dass aus den aufgezeigten objektiven Widersprüchen kein subjektives Widersprechen mehr resultiert.

Das hat auch mit jener Unterernährung der sozialistischen Fantasie zu tun, vor der Bloch die Linke warnte. Mit purer ökonomischer Aufklärung lockt man niemanden hinter dem Ofen hervor. Man macht nicht die Revolution, weil die Akkumulation des Kapitals ins Stocken gerät und der Kapitalismus Krisen produziert, sondern weil man wie ein Mensch leben und glücklich sein will.

"Das, was wirklich zählt - ist das etwa nicht das Glück? Wofür macht man denn die Revolution, wenn nicht, um glücklich zu sein?", schrieb der italienische Filmemacher, Schriftsteller und Kommunist Pier Paolo Pasolini in seinen Freibeuterschriften. Es kommt darauf an, eine Verbindung von Abenteuer, Freiheit und revolutionärer Politik herzustellen. Eine linke Strategie, die nicht ein Gran Abenteuerlichkeit enthält, ist bloß Ordnung, Gewerkschaft, Sozialdemokratie, Bürokratie und Langeweile.

Analyse und theoretische Aufklärung weisen dem Veränderungswillen den Weg und vertreiben den Nebel, der über den Verhältnissen liegt. Aber der Wille zur Veränderung stammt aus anderen Quellen und hat seinen Ursprung in Persönlichkeitsschichten weit unterhalb des Kopfs.

Die Veränderung der Gesellschaft besitzt, wie Herbert Marcuse sagte, eine körperliche, triebmäßige Basis und wurzelt in Bedürfnissen, die verschieden, ja antagonistisch gegenüber jenen sind, die in ausbeuterischen Gesellschaften vorherrschen und ihren Zusammenhalt gewährleisten.

Die Basis der Veränderung sind Körper und Seelen, die Aggressivität, Brutalität und Hässlichkeit der etablierten Lebensweise nicht länger ertragen können. Ihr stummes Nein zu den Verhaltenszumutungen der forcierten Leistungskonkurrenz und der um sich greifenden Zerstörung gewachsener Lebensgelände bringen sie in verrätselten psychosomatischen Formen zum Ausdruck.

Diese Leidenserfahrungen und ihrer selbst noch nicht bewussten Formen der Revolte müsste Theorie beredt werden lassen. Die Veränderung könnte dann Wurzeln in den Menschen selbst schlagen, Aufklärung und Theorie hätten auf diesem Boden Ziele und Strategie des politischen Kampfes neu zu definieren.

Innere Schattenräume

Der eigentliche Skandal der bürgerlichen Gesellschaft ist nicht, dass sie periodisch Krisen produziert, die Entwicklung der Produktivkräfte hemmt oder Ressourcen verschleudert, sondern dass unter der Vorherrschaft von Ware und Geld das menschliche Leben erstirbt.

Das niedergedrückte und an der Entfaltung gehinderte Leben bildet Schattenräume, in denen Träume, Wünsche und Sehnsüchte entstehen, die die politische Linke mit ihrem traditionellen Fetischismus der Produktion nicht als irrational abtun und ignorieren darf, sondern aufgreifen muss. Es sind Wünsche nach Glück, Solidarität, aufrechtem Gang, menschlichen Zeitmaßen und Stille, Träume von Heimat, aufgehobener Entfremdung und einem Leben ohne stupide Plackerei.

Viele Menschen verspüren das Bedürfnis, den auf dem Wettbewerb beruhenden tagtäglichen Existenzkampf zu beenden. Warum steht auf dem Leben nach wie vor eine Strafe von achtstündiger Arbeit pro Tag, wo doch die objektiven Möglichkeiten, das Leben von der Diktatur der Arbeit als Vollzeitbeschäftigung zu befreien, längst vorhanden sind? Warum also das Leben weiter damit vergeuden, es sich zu verdienen?

Götz Eisenberg ist Sozialwissenschaftler und Publizist. Eisenberg arbeitet seit Jahren an einer "Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus", deren dritter Band unter dem Titel "Zwischen Anarchismus und Populismus" 2018 im Verlag Wolfgang Polkowski in Gießen erschienen ist. Auf der Homepage der GEW Ansbach erscheint fortlaufend Eisenbergs Durchhalteprosa.

(Götz Eisenberg)