Die Säugetiere und der Fortschritt des Geistes - die Entstehung expliziter Meme

Die Geschichte des globalen Gehirns - Teil VI

Gegenwärtig ist in der Evolutionspsychologie der Glaube verbreitet, daß der moderne Geist sich im Pleistozän, dem Jäger- und Sammlerzeitalter des Menschen entwickelt habe. Aber wir haben den Großteil dessen, was wir sind, also unsere subjektiven Emotionen, unsere Weise, Dinge zu tun, und die Art, wie wir sie vermitteln und zusammenfassen, mit weitaus primitiveren Verwandten gemeinsam. Meme sind ein Mittel für den nächsten Sprung in der Vernetzung. Und Meme entstehen in zwei Linien: implizit gehören sie zum tierischen Gehirn und explizit hängen sie von neuronalen Erweiterungen des Menschen ab, die für die syntaktische Sprache verantwortlich sind.

Sara Rogenhofer

Biologie, Evolution und das globale Gehirn - I
Bakterienkolonien und kollektives Gehirn - II
Vernetzung im "finsteren Mittelalter" der Paläontologie - III
Das embryonale Mem - IV
Von sozialen Synapsen zu sozialen Nervensträngen: Komplexe, adaptive Systeme im Jurassic-Zeitalter - V
Die Säugetiere und der Fortschritt des Geistes - VI
Werkzeuge der Wahrnehmung - Die Konstruktion der Wirklichkeit VII
Die Wirklichkeit ist eine gemeinsame Halluzination VIII

Implizite Meme, die von Hummern, Vögeln, Kraken und Tintenfischen weitergegeben werden, sind in einem sehr alten Teil des Gehirns beheimatet. Dennoch beherrschen sie unser Leben und steuern alles - angefangen von unserer Fahrweise bis hin zu unseren automatisch erfolgenden Begrüßungen, Streitigkeiten und Versöhnungen und unseren stillschweigend vollzogenen kulturellen Eigenheiten, Frustrationen und Freuden. Selbst die Sprache ist nicht so sehr unser Monopol, wie wir zu denken geneigt sind. Und auch der eigentliche Herrscher unseres menschlichen Gehirns, die Großhirnrinde, die Heimstatt des zusammenfassenden Erzählers, den wir unser Bewußtsein nennen, ist nicht nur ganz den Menschen eigen.

Bevor wir zu einem Verständnis von uns selbst kommen können, müssen wir aber an unserer Aufgabe festhalten und weiterhin die Vergangenheit zerlegen. Wir sind neu, aber nicht auf so plötzliche Weise, wie wir dies denken mögen.

Die Säugetiergesellschaften

Säugetiere entstanden vor 210 Millionen Jahren. Wirbeltier-Paläontologen haben ihre Augen vor dem Aufstieg der Gesellschaftlichkeit der Säugetiere verschlossen. Und sie haben eine gute Entschuldigung dafür. Die fossilen Aufzeichnungen reichen nicht aus, um einen soziologischen Preis zu gewinnen. Ursäugetiere wurden niemals intakt und so dicht gedrängt wie Trilobiten gefunden. Eine triumphale Ausgrabung bringt gerade einen oder zwei isolierte Knochen, vielleicht ein einzelnes Schienbein oder einen Zahn ans Tageslicht. Die Gestalt des Lebewesens sich auszumalen, das diese armseligen Überbleibsel hinterlassen hat, geht fast über die Möglichkeiten der besten expliziten menschlichen Gehirne. Nur Jose Bonaparte aus Argentinien scheint ein halbes Dutzend früher Säugetiere in einem wirklich alten Bau zusammengedrängt gefunden zu haben. Und selbst dieses Juwel hat seine Kollegen nicht aus dem Trott ihrer Routine gebracht.

1982 scherte John F. Eisenberg mutig aus der paläontologischen Horde aus und faßte seine Theorien über die Kooperation der Säugetiere in einem Artikel zusammen, den er für "Oxford Companion to Animal Behavior" schrieb. Obwohl Eisenberg seitdem die Suche nach den Ursprüngen der sozialen Vernetzung aufgegeben hat, formulierte er wichtige Hypothesen, die in den letzten Jahren von anderen Wissenschaftlern aufgegriffen wurden. Dazu gehört die Behauptung, daß die Geselligkeit von vielzelligen Eukaryoten spätestens mit dem Beginn der Sexualität erfolgt sein muß, also etwa 800000 Jahre vor dem Auftritt der Säugetiere. Nach Eisenberg zwingt die Sexualität die Tiere gegensätzlichen Geschlechts zur Zusammenkunft. Ohne Begegnung keine Paarung.

Eisenberg stellte eine weitere Behauptung auf. Um zu gewährleisten, daß die einzelgängerischen Tiere nicht ihr Stelldichein um einen Monat verpassen, mußten die Lebewesen kommunizieren und sich synchronisieren. Werbendes Herumstolzieren und Kämpfe verbanden die Individuen mit einem allgemeinen Zeitgeber, der der Uhr ähnelt, die Computerkomponenten so dirigiert, daß sie gemeinsam ihren Walzer tanzen können. Leuchtende gepanzerte Schädel und andere Zeichen von Paarungsturnieren treten bei Dinosauriern in Massen auf. Der Brontotheres, ein Behemoth mit den Hörnern und dem Körper eines Nashorns, setzte diese Tradition der Jurassic-Zeit fort. Aber das waren keine Saurier, sondern Säugetiere. Ihre Panzer zeigten deutlich, daß sie nach einem sozialen Metronom tickten.

Die sexuelle Begegnung führte zu einer weiteren überindividuellen Verbindung, die die Generationen verknüpfte. Nach Eisenberg können Eltern und ihre Jungen "Stimuli austauschen, die ihre Handlungen koordinieren." Bei den Säugetieren wurde der Kontakt zwischen den Müttern und ihren Kindern durch eine einzigartige Form der Nahrungstransfers gefestigt. Die Matriarchen befördern die Nährlösung, die wir als Milch kennen, durch eine spezialisierte Drüse in die Münder ihrer Kinder. Das koppelte eine Generationenfolge an die nächste, wie ein Stecker mit einer Dose verbunden ist. "Säugen stellt", um den Genetiker und Evolutionsbiologen Timothy Perper zu zitieren, "einen verkörperten gesellschaftlichen Zusammenhang dar."

Die Tendenz der Milcherfinder zu einem langem Leben und zu einer verlängerten Kindheit dehnte die Zeit des Zusammenseins von Jungen und Alten aus und förderte einen weiteren Anpassungsvorteil: die Speicherung neuer Daten, die das unreife Lebewesen vom elterlichen Gedächtnis benötigt. Überdies sollten sich die Kommunikationssysteme der Säugetiere als unübertroffen flexibel zeigen. Mit mühsam in der Vergangenheit erworbenen Lehren und neu eingeprägten Tricks, die sich auf die Gruppe verteilten und über die Kluft jeder Generation hinweg übermittelt wurden, konnte eine Familie oder ein weit größere Horde schnell ihren Lebensstil gestalten und sich in einer zuvor unmöglichen Nische der Umwelt einrichten.

Im ausgehenden Zeitalter der Dinosaurier ähnelten insektenfressende Säugetiere, die ihr Leben noch immer im Schatten der wandelnden Giganten fristeten, bereits modernen Spitzmäusen und Igeln. Dann vertrieb vor 65 Millionen Jahren eine Umweltkatastrophe die Dinosaurier aus ihrer Heimat und ließ die letzten Überlebenden in öden und unvertrauten Umgebungen verhungern, da sie sich der neuen Situation nicht anpassen konnten. Doch bei sozial vernetzten Tieren mit größeren Gehirnen sind Katastrophen kreative Chancen. Die Säugetiere mußten sich nicht mehr in Körpern verstecken, die kleiner als ein Dinohappen waren, und in Spalten verkriechen, die für eine Dinoklaue zu eng waren, sondern sie standen jetzt vor der Herausforderung, das ganze Spektrum ihrer Flexibilität frei zu entfalten (vgl. Kathleen Hunt: Transitional Verteberate Fossils). Die fünf Prinzipien der komplexen adaptiven Systeme trugen zum Überleben dieser Lebewesen bei, die Nagetieren ähnelten.

Konformitätsverstärker

Säugetiere wie Wale oder Fledermäuse, die vor etwa 55 Millionen Jahren auftraten, besitzen massenweise Konformitätsverstärker, also Homogenisierungsmechanismen, die eine gemeinsame Sprache und die Ausrichtung des Verhaltens zwischen Individuen ermöglichen. Die Informationsübertragung bei Säugetieren, gleich ob durch Geruch, Ton oder visuelle Codes, erfolgt sehr schnell. Ratten vermeiden solange fremdartige Nahrung, bis sie diese auf der Schnauze einer Mitbewohnerin riecht. Abgesichert durch das Überleben des Vorschmeckers stürzen sie sich dann auf den zuvor verdächtigen Happen. Diese sklavische Ängstlichkeit kann ihr Leben retten.

Auch Eichhörnchen teilen Information mit, indem sie ihren Schwanz als Signalgeber benutzen, um Schwierigkeiten zu kommunizieren und sich mit ihren Kollegen zu vereinen. Ein Wackeln mit dieser pelzüberzogenen Flagge kann bedeuten, daß eine Schlange da ist, was die anderen zur Flucht verleitet. Eine Gruppe von Eichhörnchen kann eine Schlange wirksamer aufspüren und isolieren als ein einzelnes Eichhörnchen. Das Wackeln mit dem Schwanz bei Hunden scheint ein mit einer Feier verbundenes Werbesignal zu sein. Es ist eines von vielen Körpersignalen. Ein wilder Hund kann kein Zebra erlegen, wohl aber ein Rudel, das zusammen arbeitet. Das gestreifte und verängstigte Opfer wird nicht nur von Hunderten Zähnen und Klauen besiegt, sondern auch durch die Arbeit eines kollektiven Gehirns, durch die von Sekunden zu Sekunde erfolgenden taktischen Bewegungen, die das jagende Rudel genau aufeinander abstimmen.

Der Zwang, den Spuren eines anderen zu folgen, ein vollkommener Konformitätsverstärker, beschleunigt auch die Informationsverbreitung unter den Primaten. Wenn ein Pavian einen warnenden Ruf ausstößt, regt er andere in seiner Nähe an, ihn zu wiederholen. Auf diese Weise verbreitet sich eine Neuigkeit schnell über das Revier der Paviane.

Der Primatologe K. Ronald Hall stellte bei Affen fest, wie ein Stück Abfall, das jedes Tier verabscheut, plötzlich allgemein begehrt wird. Wenn eines der Tiere ein unerwartetes Interesse an dem verabscheuten Ding zeigt, werden sich ihm dessen Freunde wahrscheinlich anschließen und auch neugierig werden. Das ist ein weiterer Fall des alten Konformitätsverstärkers der Nachahmung.

Der Drang, der Herde zu folgen, läßt selbst bei Pavianen ein Herdenphänomen kenntlich werden. Da die Primatologin Shirley Strum wußte, wie sehr die Paviane dem Fleisch verfallen sind, versuchte sie Freundschaft mit einer Gruppe zu schließen, die sie die "Pumphouse Gang" nannte, indem sie ihr einen Kadaver brachte. Zunächst schreckten die Paviane vor dem Fleisch zurück, das auf diese seltsame Weise zu ihnen gekommen war. Dann probierte ein wagemutiger Affe ein Stück des Futters. Nachdem die anderen einen der ihren das seltsame Geschenk essen sahen, kamen auch sie, um ihren Anteil zu ergattern.

Vernetzte Intelligenz

Wie bei den Bakterien und Bienen gibt es sichere Hinweise darauf, daß die Gehirnkapazität eines einzelnen Säugetiers oft weniger wichtig ist als eine vernetzte Intelligenz. Hall. weist darauf hin, daß Schimpansen alleine intelligenter als Paviane sind und sogar ihre eigenen Werkzeuge herstellen. Doch Paviane waren erfolgreicher als die mit großen Gehirnen ausgestatteten Menschenaffen. Sie haben sich über viel größere Gebiete verbreitet und eine größere Zahl unterschiedlicher Nischen besiedelt. Einsame Paviane mögen ziemlich dumm sein, aber ihre Gruppenkreativität ist so groß, daß sie sich auf einem Kontinent wie Kakerlaken verbreiten konnten, auf dem die meisten exotischen Lebewesen bereits ausgelöscht wurden.

Ihr Geheimnis ist, den möglichen Schatz in jeder von den Menschen verursachten Veränderung zu entdecken. In der trockenen Dornensteppe trinken die Paviane aus den Wassertrögen der Rinder und halten Temperaturextreme aus, die von 80 Grad am Tag bis zum Frost in der Nacht reichen. Sie leben an den Flußufern des Sambesi und in den südlichen Waldsavannen. Sie sind "die am meisten verbreiteten nicht-menschlichen Primaten" in Afrika. Warum? Trotz ihrer dürftigen Ausstattung als schlaue Einzelgänger, besitzen Paviane etwas, was den Schimpansen fehlt: eine weit überlegene soziale Organisation . Eine durchschnittliche Gruppe von Schimpansen besteht nur aus etwa 40 Individuen, die Paviane hingegen leben in Gruppen, die drei bis sechs Mal so groß sind.

Warum stellt ein größeres Bedürfnis nach einem freundschaftlichen Umgang ein Vorteil gegenüber den Schimpansen dar? Umherstreifende Jäger können normalerweise nur ein Mitglied einer Gruppe fassen. Je größer also der Verbund ist, desto geringere Chancen hat jeder einzelne, zum Tagesgericht zu werden. Diese einfache Tatsache ist ein Grund, warum viele Tiere ansehnliche Gruppen bilden. Aber wenn sich die daraus entstehenden Gemeinschaften einmal geformt haben, spielen sie eine Rolle, die wir bereits in früheren Kapiteln untersucht haben: sie werden zu Brutstätten des Informationsaustausches.

Frühe Säugetiere sind mit einem weiteren Element des Quintetts komplexer adaptiver Systeme ausgestattet: mit Diversitätsgeneratoren. Das soziale Lernen bei den Pavianen wird von der Neugier, einem antreibenden Motor für Verhaltensänderungen, unterstützt. Manche Paviane werden fast mit allem spielen, was ihnen über den Weg kommt. Paviane werfen, wie Hall beschreibt, mit Steinen, reißen an Telefonkabeln, gehen neugierig durch Türen und Fenster von leeren Hütten und Autos, befummeln nahezu alles, was sie sehen, spielen damit herum, stoßen es um oder reißen es auf. Diese ruhelose Überprüfung von Interessantem läßt einen Pavian neue Möglichkeiten entdecken, das Beste in fast jeder Umgebung zu finden.

Konformität und Diversität wirken zur Verbesserung des größeren Ganzen zusammen. Wie die Kundschafter bei den Bakterien oder Honigbienen schwärmen die Paviane während des Tages in kleinen Gruppen aus. Die wagemutigen Entdecker unter ihnen durchforsten die Umgebung. Bakterien teilen die entdeckten Neuigkeiten über eine große Entfernungen überwindende chemische Kommunikation mit. Paviane hingegen, die weitaus mobiler sind, versammeln sich während der Nacht zu Schlafgemeinschaften, die einige hundert Individuen umfassen können. Diese nächtlichen Versammlungen veranlassen die Datenverarbeitung. Am Morgen treffen sich die Männchen der Gruppe, tauschen ihre "Ideen" über die Richtung aus, in der die reichhaltigsten möglichen Nahrungsquellen gefunden werden können, bringen Visionen im Geist ihrer Versammlungskollegen von den Wegen und möglichen Belohnungen hervor, zu denen diese Pfade führen können, und fällen dann eine Gruppenentscheidung, wohin sie als erstes gehen.

"In Notsituationen, beispielsweise wenn ein Fluß über seine Ufer tritt und den günstigsten Wanderweg abschneidet, kann dieses Zusammenführen der Information", wie Dr. Christoph Boehm , Direktor des Jane Goodall Research Center der University of Southern California sagt, "zu einer entscheidenden Energieeinsparung für die ganze Horde führen." Und er führt weiter an anderer Stelle aus: "Da solche Entscheidungen in Notfällen von Männchen beeinflußt zu werden scheinen, die ein großes Wissen über ihre Umwelt besitzen, und weil das Wissen eines jeden einzelnen unterschiedlich ist, kann man sich leicht vorstellen, daß verschiedene Horden zum Besseren oder Schlechteren unterschiedliche taktische Entscheidungen unter vergleichbaren bedrohlichen Bedingungen über die Richtung des einzuschlagenden Weges treffen."

Kulturelle Trennung, ein weiterer Diversitätsgenerator, arbeitet mit dem Nachahmungslernen Hand in Hand, um das Wissen der Horde zu erweitern. Als die "Pumphouse Gang" Gefahr lief, als Plage von den Bewohnern einer neuen Kaserne zusammengeschossen zu werden, die es nicht liebten, daß die Paviane in ihre Wohnungen eindrangen, alles umherwarfen und nach Eßbarem durchsuchten, suchte sie ihr Heil an einem weit entferntem Ort. Die zwangsvertriebenen Paviane hatten keine Vorstellung von den Lebensmitteln in der neuen Umgebung und vom besten Weg, an sie heranzukommen. Aber sie beobachteten die hier ansässigen Gruppen und folgten ihnen, um von ihnen zu lernen. Junge Männchen aus dieser Umgebung, die nach einer neuen Heimat Ausschau hielten, wurden von der exotischen Horde von Fremden angezogen. Ein "Bewerber" für die Aufnahme in die "Pumphouse Gang" grub in der Nähe eines Wasserlochs nach Salz, was die Neuankömmlinge noch niemals zuvor gesehen hatten. Als die Einwanderer das Beispiel des Eingeborenen nachahmten, fügten sie ihrem Repertoire eine weitere Fähigkeit hinzu.

Paviangruppen stellen nach Hall "die entscheidende Struktur für jeden Lernprozeß des einzelnen dar ... Die Gruppe ist die grundlegende Einheit für Lernprozesse." Paviane sind, kurz gesagt, erfolgreicher als die klügeren Schimpansen, weil ihre Gruppen die besseren Lernmaschinen sind.

Kollektives Gedächtnis und Meme

Säugetiere vernetzen nicht nur Informationserrungenschaften über beachtliche Entfernungen hinweg, sie retten auch das Gelernte in die Zukunft hinein und durchdringen so Raum und Zeit. Elefanten beispielsweise übergeben Meme von einer Generation zur nächsten. Im Jahre 1919 wollten die Farmer von Zitrusfrüchten eine Herde von 140 Elefanten loswerden, die ihrer Ernte großen Schaden zugefügt hatte. Sie holten einen Jäger, der die Elefanten auf grausame Weise einen nach dem anderen erschoß, während die übrigen Familienmitglieder dem Sterbeprozeß zuschauten. Nach einem Jahr waren nur noch zwischen 16 oder 20 Elefanten übrig, aber sie hatten ihr Leben der Anwesenheit des Jägers angepaßt. Auf ganz unübliche Weise für Elefanten wurden sie nachtaktiv, versteckten sich bis zur Dämmerung im Busch und gingen in völliger Dunkelheit auf Futtersuche. Die Anpassung funktionierte. Der Jäger gab irgendwann auf. 1930 wurde ihnen schließlich ein Schutzgebiet eingeräumt. Es gab keine Gewehrschüsse und keine Angriffe von mörderischen Menschen mehr. Aber noch 45 Jahre später behielten die Elefanten ihre zurückgezogene nächtliche Lebensweise bei. Die Veteranen des Jahres 1919 starben aus, doch die Gruppe hielt an dem Muster fest, das einst für eine Gefahr entwickelt wurde, die es längst nicht mehr gab. Diese Verhaltensmuster übersprangen die Grenze zwischen den Generationen und zwischen dem Geist der einzelnen. Implizite Meme hatten eine gemeinsame Wahrnehmung auf dieselbe Weise geformt, wie die Gene die sich windenden Canyons des Gehirns bilden.

Bessere Gehirne waren natürlich eine Voraussetzung für das generationenübergreifende Gedächtnis der Elefanten. Eine weitere aber war die Verbindung zwischen Mutterschaft und Matriarchat. Elefanten besitzen wie die Menschen, die erst 20 Millionen Jahre später auftauchten, eine Großhirnrinde von beachtlicher Größe. Das ist nicht so ungewöhnlich, wie es erscheinen mag. Der Anthropologe Robin Dunbar konnte zeigen, daß die Großhirnrinde eines jeden Gruppenmitglieds desto größer ist, je größer der soziale Verband ist. Das trifft sogar innerhalb einer Art zu. Fledermäuse entstanden als eine der ersten Säugetierarten. Ihr Stammbaum reicht so weit zurück, daß manche Wissenschaftler sie als "lebendige Fossilien" bezeichnen.

Wie Elefanten leben diese fliegenden Säugetiere lange. Eine markierte Fledermaus in New England wurde 31 Jahre alt. Die meisten Weibchen ziehen nur einen Nachkommen auf - und sie machen dies über eine lange Zeitspanne hinweg. Einige wenige Fledermausarten leben einzeln. Die Großhirnrinde dieser fliegenden Eremiten ist sehr klein. Andere leben in Kolonien von maximal 20 Millionen Individuen. Die Vampirfledermaus haust in Gruppen von etwa 200 Individuen, aber jede Mutter kann ihr eigenes Kind finden, wenn sie von ihrem langen Flug nachts zurückkehrt, auch wenn ihr Sohn oder ihre Tochter wie ein vermißtes Kleinkind auf einem überfüllten Strand in der Menge untergetaucht ist. Bevor sie sich mit ihren Leckereien niederläßt, wird sie überdies erst einmal nach dem erwachsenen "Babysitter" Ausschau halten, der auf die Kinder aufpaßte, während sie unterwegs war, und ihr als Lohn etwas von dem Hochgewürgten geben. Wenn ein nicht verwandter Nachbar, um dem noch die Krone aufzusetzen, bei seiner Suche nach Blut Pech hatte, wird eine heimkehrende Mutter für den Bedürftigen etwas aus ihrem Mageninhalt hervorwürgen. In einer anderen Nacht wird die Fledermaus, der Hilfe geleistet wurde, als sie kein Glück hatte, durch die verwirrende Menge fliegen, um ihrer Wohltäterin den Dienst zurückzuzahlen, indem sie dieser ihre frische Nahrung anbietet, falls auch diese an Hunger leidet. Eine Großhirnrinde von einer bestimmten Größe ermöglicht es, Gönner zu identifizieren und Gefälligkeiten wie in einem Warentausch zu begleichen.

Auch Elefantengruppen sind eng miteinander vernetzt. Im Zentrum jeder Gruppe steht ein altes Weibchen, das durch seine Strenge und Klugheit ausgezeichnet ist. Seine Großhirnrinde ist riesig und enthält die Lehren, die es vor 40 Jahren aufgenommen hat und die sie durch die Generationenfolge den Neugeborenen vermittelt.

Auch die Sprache ist, um unseren Chauvinismus noch ein wenig mehr anzukratzen, nicht nur uns eigen. Robert Seyfarth und Dorothy Cheney haben gezeigt, daß Affen, auch wenn sie keinen stetigen Strom von Substantiven, Verben und Sätzen von sich geben, symbolische Laute ausstoßen, die dieselbe Funktion wie Worte besitzen. Am Bekanntesten sind die Meerkatzen, deren Schnattern und Murmeln auf unterschiedliche Weise vor Raubvögeln, die am Himmel kreisen, vor tödlichen Schlangen, die am Boden nahen, und vor Leoparden warnen, die sich in Augenhöhe anpirschen. Jedes Wort muß verschieden sein, da die Reaktion, durch die man einer Raubkatze entgehen kann, indem man einen Baum hinaufklettert, ein todsicherer Weg ist, zur Beute eines Adlers zu werden. Noch bemerkenswerter ist, daß die Meerkatzen für jede ihrer Bedrohungen über mehr als einen einzigen Ausdruck verfügen. Jeder Schrei hat Synonyme, also unterschiedliche Laute mit derselben Bedeutung. Lange bevor wir über die Erde gingen, wurde mithin noch ein Bestandteil der menschlichen Einzigartigkeit vorweggenommen.

Mit den drei Diversitätsgeneratoren - mit der Neugier, der kulturellen Trennung und dem Ausprobieren neuer Verhaltensformen (wie bei dem Elefanten, der zuerst nachtaktiv wurde) - schufen die ersten Säugetiere implizite "Verhaltensmeme", indem sie Listen ausprobierten, die von einem Gehirn zum anderen weitergegeben werden konnten. Diese Meme, die ihren Weg durch eine Gruppe wortlos machten, wurden durch Konformitätsverstärker begünstigt, die das Verhalten einer Masse formen. Mindestens zwei dieser Elemente eines komplexen adaptiven Systems waren schon lange vor dem Auftritt des ersten Homo sapiens am Werk. Wir werden bald sehen, wie auch die drei weiteren Zacken des adaptiven Pentagramms an der richtigen Stelle einrasten. Wie bei den Bakterien führten die Vernetzung und das kollektive Gehirn ihre Leistungen vor 60 Millionen Jahren im Zeitalter der Säugetiere aus.

Aus dem Englischen übersetzt von Florian Rötzer (Howard Bloom)