Die Roten Khmer und der Westen

Seite 2: Die Vorgeschichte Pol Pots und der Roten Khmer

Saloth Sar, der später unter dem Namen Pol Pot international auftrat, wurde 1925 oder 1928 in Prek Sbauv einem kleinen Fischerdorf am Sen, einem Zufluss des Tonle Sap im Nordosten Kambodschas geboren.

Der Tonle Sap zählt zum Flussregime des Mekong und ist über die Region hinaus dadurch bekannt, dass sich dort, je nach Wasserführung des Mekong, die Fließrichtung ändert.

Die Familie Saloth zählte zur vergleichsweise begüterten dörflichen Mittelschicht und verfügte über gute Kontakte zum Königshaus in Phnom Pen. Sars Bruder Saloth Chhay war als Journalist am Königshof bekannt und zwei seiner Schwestern sollen dort verkehrt haben. Ob als Tänzerinnen am Hof oder als Konkubinen ist nicht eindeutig belegt.

Mit sechs Jahren kam Saloth Sar in die Hauptstadt zu einem seiner Brüder, der im königlichen Palast beschäftigt war. Seine schulische Bildung begann im benachbarten buddhistischen Kloster. Nacheinander besuchte er in der Folge mehrere französisch-sprachige Schulen und ein katholisches Gymnasium.

Im Jahre 1946 soll er dem anti-französischen Widerstand der verbotenen Indochinese Communist Party beigetreten sein, die 1930 von Ho Chi Minh in Kowloon in der britischen Kronkolonie Hongkong gegründet worden war. Ab 1947 durfte Saloth Sar auf das elitäre Gymnasium ″Lycée Sisowath″, das auch Kinder des Königshauses besuchten. Er war aber auch dort wohl nicht sehr erfolgreich. Von keiner Schule ist ein Abschluss bekannt.

Dennoch erhielt er im Jahre 1949 ein Stipendium der Regierung, um in Paris Radiotechnik zu studieren. Auch hier wiederum ohne Abschluss begeisterte er sich offensichtlich für marxistische und sozialistische Literatur und fand Kontakt zu anderen kambodschanischen Studenten wie Ieng Sary, Khieu Samphan, Khieu Ponnary und Song Sen, die als Pariser Studentengruppe später die Führung der Khmer Rouge übernahmen.

In seiner Pariser Zeit war Saloth Sar wohl auch Mitglied der französischen KP (KPF) und engagierte sich dafür, den Verband der Khmer-Studenten zu einer links-nationalistischen Organisation zu entwickeln, welche die Regierung unter Sihanouk herausforderte.

Wende in Ost-Berlin

Inspiriert wurden die Studenten offensichtlich von den politischen Diskussionen im Paris der unmittelbaren Nachkriegszeit. Sie orientierten sich zusehends an den Ideen des Marxismus-Leninismus und Saloth Sar sowie Ieng Sary schlossen sich schon bald der Kommunistischen Partei Frankreichs an. Von beiden wird berichtet, dass sie 1951 an einem Jugendfestival in Ost-Berlin teilnahmen und dass dies sich als Wendepunkt ihrer ideologischen Entwicklung herauskristallisierte.

In Berlin trafen sie offensichtlich andere Kambodschaner, die gemeinsam mit dem Viet Minh kämpften. Den Besuchern aus Paris schien diese Situation zu unterwürfig gegenüber den Vietnamesen und so kamen sie zur Überzeugung, dass die Revolution in Kambodscha nur mit einer streng disziplinierten Parteiorganisation und der Bereitschaft zum militärischen Kampf gelingen konnte.

Zu den aus der Pariser Zeit aus Hand von Saloth Sar überlieferten Texten zählt die in der Studentenzeitschrift Khmer Nisut veröffentlichte Abhandlung "Monarchie oder Demokratie", in welcher er ausführt, dass die Monarchie nur eine widerwärtige Pustel sei, die vom Blut und Schweiß der ländlichen Bevölkerung lebe. Nur die Nationalversammlung und demokratische Rechte könne dem kambodschanischen Volk etwas Luft zum Atmen verschaffen.

Für Saloth Sar, der weniger durch wissenschaftliche Leistungen, als durch sein politisches Engagement in Erscheinung trat, endete die Studentenzeit in Paris im Jahre 1953, als sein Stipendium beendet wurde.

Pol Pot auf dem Ho-Chi-Minh-Pfad

Er ging zurück nach Kambodscha und arbeitete für die Kampuchean People's Revolutionary Party (KPRP). Seinen Lebensunterhalt verdiente er in dieser Zeit als Lehrer für Geschichte und Geografie an einer Privatschule.

Er soll bei seinen Schülern beliebt gewesen sein. Es fällt auf, dass Saloth Sar, der in diesen Jahren den Namen Pol Pot angenommen haben muss, bei Menschen, die direkt mit ihm zu tun hatten, meist als freundlich und gesellig beschrieben wird. Im Jahre 1960 waren wohl alle Mitglieder der Pariser Studentengruppe nach Kambodscha zurückgekehrt und sie übernahmen die Führung der KPRP und gaben ihr den Namen ″Arbeiterpartei von Kampuchea″.

Pol Pot, der zuvor schon Mitglied des Zentralkomitees war, wurde 1963 zum Generalsekretär der Arbeiterpartei gewählt, nachdem sein Vorgänger auf mysteriöse Weise verschwunden war. Im Sommer des Jahres verließ die meisten Mitglieder des Zentralkomitees die Hauptstadt und gründeten im Nordosten des Landes, an der Grenze zu Vietnam, das ″Büro 100″.

Von dort aus reiste Pol Pot 1965 auf dem Ho-Chi-Minh-Pfad nach Hanoi zu Verhandlungen mit den Nordvietnamesen, die ihn drängten, seine nationale Agenda zurückzustellen, bis die USA Vietnam verlassen hätten.

Wesentlich freundlicher wurde er im Folgejahr in China empfangen. Dort hatte kurz zuvor die Kulturrevolution begonnen und die Idee der dauernden Revolution schien auch Pol Pot zu inspirieren, der sich in der Folge von Vietnam löste und mehr nach China hin orientierte.

Khmer Rouge

Äußeres Zeichen dieser Veränderung war der erneute Namenswechsel der Partei, die sich nun "Kampuchean Communist Party" (KCP) nannte. In der Öffentlichkeit wurde sie als Khmer Rouge bekannt.

Ein weiteres Element, das Pol Pot und seine Politik offensichtlich prägte, war die Zeit, die er 1967 auf der Rückreise aus Nordvietnam bei einem Bergstamm im Nordosten Kambodschas verbrachte. Er war beeindruckt von ihrer einfachen Lebensweise, die für ihn die Verkörperung der kommunistischen Ideale darstellte.

Die politische Opposition in Kambodscha während des Vietnamkriegs

Im Laufe der 1960er-Jahre wuchs die politische Opposition in der Mittelklasse und aus dem Kreis der linken Gruppen wie der Kommunistischen Partei unter Führung der Pariser Studenten Son Sen, Ieng Sary und Saloth Sar. Dieser fand während seiner Pariser Zeit offensichtlich Gefallen an der französischen Literatur und an den Büchern von Karl Marx.

Ieng Sary (1930 – 2013) hatte wie Saloth Sar das Elite-Gymnasium Lycée Sisowath in Phnom Penh besucht, bevor er sein Studium am Institut d'Etudes Politiques in Paris begann. Khieu Samphan (geboren 1931) studierte Wirtschaft und Politologie in Paris und schrieb 1959 seine Dissertation mit dem Titel ″Kambodschas Wirtschaft und seine industrielle Entwicklung″.

Er wurde an der Pariser Universität ebenso erfolgreich promoviert wie Hou Yuon (1930 – 1975), der Wirtschaft und Jura studierte und eine Dissertation unter dem Titel ″Die kambodschanische Landbevölkerung und ihre Aussichten für eine Modernisierung″ schrieb. Son Sen (1930 – 1997) studierte Erziehungswissenschaften und Literatur. Hu Nim (1932 – 1977) studierte Jura und schloss sein Studium im Jahre1965 erfolgreich in Phnom Penh ab.

Bestgebildet: Die in Paris geprägte kambodschanischen Oppositionellen

Die Mitglieder der Pariser Gruppe zählten zur damaligen kambodschanischen Elite, die mit Stipendien der Regierung in Paris studieren konnten. Rückblickend gesehen zählte die Gruppe der Pariser Studenten zur wohl bestgebildeten Führungsgruppe asiatischer kommunistischer Parteien der damaligen Zeit.

Im Jahre 1952 sandten Saloth Sar, Hou Yuon, Ieng Sary und andere einen offenen Brief an Prinz Sihanouk und bezeichneten ihn als ″Würger der jungen Demokratie″. Als Konsequenz dieser Entwicklung schlossen die französischen Behörden die KSA im folgenden Jahr.

Als Antwort auf das Verbot durch die französischen Behörden beteiligten sich Hou Yuon und Khieu Samphan 1956 an der Gründung der marxistisch ausgerichteten Kambodschanischen Studenten Union.

In den 1950er-Jahren wurden in Paris ganz offensichtlich die Grundlagen für die spätere Entwicklung in Kambodscha gelegt.

Zu den wichtigsten Grundlagen der späteren Politik der Roten Khmer zählten offensichtlich die erwähnten Dissertationen von Hou Yuon und Khieu Samphan. In seiner Dissertation hatte Hou Yon die Vorstellung, dass Verstädterung und Industrialisierung Voraussetzungen für die Entwicklung eines Landes seien, infrage gestellt und den Bauern auf dem Land größere Bedeutung beigemessen.

Khieu Samphan betonte, dass die Wirtschaft Kambodschas sich selbstständig und unabhängig von den Industriestaaten entwickeln müsse. Er sah die Rückständigkeit der Dritten Welt in der wirtschaftlichen Dominanz der Industriestaaten begründet. Interessanterweise gab es in den Industriestaaten noch bis in die 1970er-Jahre die Vorstellung, dass die Länder Südostasien grundsätzlich nicht entwicklungsfähig seien.

1974 war der Einflussbereich Lon Nols weitestgehend auf Städte wie Phnom Penh reduziert. Am 17. April 1975, fünf Tage nach dem Abzug der US-Amerikaner fiel der Dominostein und die kambodschanische Hauptstadt ergab sich den anrückenden Gruppen der Khmer Rouge.