Die Medien pflastern seinen Weg

Gunther von Hagens hat in Hannover nicht seziert, sondern diskutiert

Für einen geklonten Joseph Beuys könnte man ihn halten, wenn er nicht so seltsam starr auftreten würde. Aber da der Beruf ja die Erscheinung eines Menschen prägen soll, wundert es eigentlich kaum, dass Gunther von Hagens den Figuren immer ähnlicher wird, die er in seinen Körperwelten-Ausstellungen zeigt. Und obwohl der Schau-Anatom in der Öffentlichkeit so befremdlich starr wirkt, ist er ein Star: Für die Medien, die von seinen Auftritten immer irgendetwas Spektakuläres erhoffen. Und für die Leute, die seine Arbeit mit präparierten Leichen hassen oder lieben.

Gut 600 Zuschauer wollten ihn jetzt in Hannover bei einer Podiumsdiskussion im Sprengel-Museum sehen, und es wären noch mehr gekommen. Doch die Anzahl der Eintrittskarten war begrenzt, und wer eine Karte haben wollte, der musste sich schon Stunden vorher anstellen. Am Abend glich das Museum einem Medien-Lager: Alle großen TV-Sender hatten Kamerateams geschickt, die zahllosen Pressevertreter waren meist mit Laptops angerückt, um notfalls noch aktuell ­ man kann ja nie wissen? - einen Bericht in die Redaktion zu übertragen, und in jeder Ecke des Foyers standen TV-Geräte, auf denen die Veranstaltung zusätzlich gezeigt wurde.

Dass eine Podiumsdiskussion, die wie fast alle Veranstaltungen dieser Art eher träge und völlig unspektakulär verlief, soviel Aufmerksamkeit erzeugte, liegt allein an Gunther von Hagens, der sich den schön morbiden Ruf erarbeitet hat, Tabus zu durchbrechen. Sobald er irgendwo erscheint, protestieren gegen den vermeintlichen "Leichenschänder" beinahe schon reflexartig vorab Vertreter der Ärzte und der Kirchen. Zeitungen und TV-Sender berichten natürlich darüber und stellen ­ wie in Hannover geschehen ­ ihren Lesern wiederum Menschen vor, die davon träumen, von dem Herrn Professor später mal plastiniert zu werden. Und dann wird meist noch vorab eine spekulative Meldung lanciert.

So dachte in Hannover von Hagens Frau laut darüber nach, auf dem inzwischen recht verwaisten und zunehmend maroden Expo-Gelände zukünftig in einem eigenen Museum eine Dauerausstellung ihres Mannes zu zeigen. Und damit hat Hannover nun ein Problem und eine lustige Schlagzeile (Neue Presse: "Werden Leichen künftig das Expo-Gelände beleben?") mehr.

Wenn die Bälle so hübsch aufgeregt hin und her fliegen, dann rappelt es irgendwann im Karton und selbst ein beschaulicher Ort wie ein Museum wird für einen ganz kurzen Moment zum Zentrum unserer kleinen Medienwelt. Was auch der Hausherr Ulrich Krempel leicht verschnupft anmerkte, der sich zu Beginn der Diskussion soviel mediale Aufmerksamkeit lieber für seine Ausstellungen wünschte. Doch da kann er lange warten.

Auch auf eine Kontroverse mussten die Zuschauer überraschend lange warten. Zwar ging der dritte Mann auf dem Podium, Christoph Schlingensief, schnell auf Distanz zu dem Schau-Anatomen, warf dabei gar die Frage nach der Seele auf: "Wo wird bei Ihnen die Heiligkeit der Person gewahrt?", verweigerte danach allerdings die ihm von vielen wohl zugedachte Rolle als Provokateur. So musste schließlich sichtlich genervt Martin Roth, Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlung Dresden, in dem Diskutanten-Quartett den Buhmann für die zahlreichen von Hagens-Fans spielen.

Irgendeinen aufklärerischen Impetus konnte er bei von Hagens jedenfalls nicht entdecken. Dem Schau-Anatomen, meinte Roth, gehe es nur um Grenzüberschreitung, um Sensation, seine Ausstellungen seien reine Effekthascherei und zudem inhaltlich wie formal schlecht gemacht: "Manches sieht aus wie in einer Campingausstellung bei Karstadt." Und selbst den enormen Zuschauerzuspruch ließ er nicht gelten: "Wenn man morgen eine öffentliche Hinrichtung veranstaltet, wird das auch ein großer Erfolg."

All das nahm von Hagens fast ungerührt zur Kenntnis. Stattdessen betonte er immer wieder die gesundheitsfördernde und damit aufklärerische Funktion seiner "Körperwelten", weil viele Besucher nach der Konfrontation mit Raucherlunge und Trinkerleber schockiert das Rauchen und Saufen sein ließen. Und dass er mit echten Körpern arbeite, sei einfach notwendig, weil nichts so echt und original sei wie eben das Original selbst. Und zudem ließen sich nur so die nötige Aufmerksamkeit und damit die beabsichtigte Gesundheitsförderung erzielen.

So ging es schleppend hin und her, bis Schlingensief endlich wieder den Rebellen in sich entdeckte und von Hagens ziemlich unvermittelt einen Doktor Frankenstein nannte. Und kurz danach geriet der Schau-Anatom plötzlich doch noch ins Schwimmen, als er dem hartnäckig nachfragenden Schlingensief verraten sollte, was mit den bei der Plastination nicht benötigten Leichenresten eigentlich hinterher geschehe.

Diese einst menschlichen Teile werden - wie in der Anatomie angeblich üblich - alle in einer gemeinsamen Tonne gesammelt und einmal im Jahr verbrannt. Und die Asche schickt das Krematorium dann an von Hagens zurück. Was er damit anschließend macht, wollte er allerdings den Zuhörern nicht verraten. Und das war und blieb bis zum Schluss tatsächlich das einzige Rätsel eines Medienevents, der inhaltlich rein gar nichts produzierte außer einer lustigen Schlagzeile. (Ernst Corinth)