Die Datenautobahn: das ideale Quotenmedium

Endlich scheinen Autoren für die Zweitverwertung ihrer Printartikel in digitaler Form eine Honorierung erreichen zu können. Die mögliche Überwachung der Benutzer, die sich in WWW-Pages einloggen, macht es möglich. Doch der Erfolg könnte auch nach hinten losgehen.

Noch immer herrscht die Ideologie, daß im Freiraum des Internet alle Informationen nicht nur frei verfügbar sein sollen, sondern auch unentgeltlich verwertet werden können. Das ist zweifellos eine schöne Idee. Oft haben sich dies auch etwa Printmedien zu eigen gemacht, die die einmal honorierten Texte ihrer Autoren nun in ihre Online-Pages stellen. Das ist solange ein vernachlässigenswertes Probleme, solange im Internet damit keine Geschäfte gemacht werden. Das Internet wird jedoch, vornehmlich seit der Einführung des World Wide Web, allmählich in einen Marktplatz umgewandelt, in dem Gewinne erzielt werden können. Wenn Online-Publikationen Werbeplätze zur Verfügung stellen, die Einnahmen bringen, sieht die Sache schon anders aus, wenngleich die Autoren häufig Pauschalverträge unterschreiben müssen, durch die sie alle Rechte an jedweder Form der Zweitverwertung abtreten.

Schon länger bemühen sich deswegen vor allem freiberufliche Autoren, die trotz der schönen Internet-Ideologie von ihrer Arbeit leben müssen, ein Honorar für die Zweitverwendung der in Printmedien bereits veröffentlichten Beiträge zu erhalten. Auch die Verwertungsgesellschaften wie VG Wort wollen die Zweitverwertung in elektronischen Medien nicht länger in einem Freiraum belassen. Anstelle einer zeitlich unbegrenzten Einräumung der Nutzungsrechte, wie dies heute oft üblich ist, soll etwa eine zeitlich begrenzte und kündbare Übertragung treten.. Die IG Medien Nord fordert gar eine Erlösbeteiligung in Höhe von 50 %. Noch aber weiß man nicht, wie man etwaige Honorarforderungen überhaupt abrechnen soll.

Computernetze haben die bekannte, aber immer noch zu wenig beachtete Eigenschaft, daß beispielsweise jeder Zugriff auf eine Homepage im WWW und jedes Anklicken einer weiteren

Privatheit oder Anonymität sind im WWW unbekannt

Seite statistisch erfaßt werden kann. Privatheit oder Anonymität sind unbekannt. Auch wenn man mit einer Search Machine durch die Eingabe von Begriffen nach bekannten Sites sucht, werden die Eintragungen festgehalten. Loggt man sich auf Homepages ein, so trifft man, wie jeder Datenflaneur weiß, häufig auf eine Zählmaschine, auf der man sehen kann, wieviele andere bereits vorher da gewesen waren. Das ist insofern erfreulich, weil man dadurch wenigstens daran erinnert wird, wie es um die Anonymität steht, in der man sich ja, eingebunkert hinter seinem Computer, gerne wähnt. Doch man muß diese Erfassung gar nicht bemerken, mittels derer sich der Weg eines Benutzers durch das Angebot aufzeichnen läßt und man sogar sehen kann, von woher sich dieser eingewählt hat. Ganz nebenbei im Hinblick auf den Datenschutz eine äußerst bedenkliche Transparenz, über die noch viel zuwenig diskutiert wird, während derzeit lediglich die Zensur pornographischer Inhalte im Rampenlicht steht. Gegenüber den allgegenwärtigen Eingriffen in die Privatheit erscheint die Aufregung über Pornographie oder dem Gebrauch von "schmutzigen" Worten als pures Ablenkungsmanöver.

Mit einer solchen Erfassung jedenfalls kann nicht nur die Beliebtheit eines ganzen Angebots exakt gemessen werden, sondern auch die Quote jeden Teils einer Publikation. Ein ideales Instrument also der Marktforschung,

Benutzerscreening und Durchklickbarkeit

um sofort sehen zu können, was ankommt und was an den Bedürfnissen der großen Masse vorbeizielt. Das ist nicht nur für eine mögliche stromlinienförmige Verschlankung oder Durchklickbarkeit von Angeboten interessant, sondern natürlich auch für die Werbung. Focus Online beispielsweise, erst jüngst am Netz, garantiert für eine Werbung auf der Homepage monatlich 150.000 Zugriffe, auf dahinterliegenden Seiten entsprechend weniger. Sollten weniger Zugriffe als die garantierten erfolgen, dann gibt es einen Teil des gezahlten Geldes zurück - und vermutlich werden die vermeintlichen Gründe der mangelnden Nachfrage beseitigt, was Darstellungsweisen, Inhalte und Autoren angeht. Andere Online-Dienste rechnen die Gebühr für Werbung nach den Hits auf die jeweilige Seite an, auf der diese plaziert ist.

Noch aber ist keineswegs klar, wie man "objektiv" im Sinne der Vergleichbarkeit die Zugriffe messen kann, um der Werbung etwas zu bieten zu haben und die Attraktivität eines Angebots zu bestimmen. Nötig wäre also so etwas wie die Einschaltquoten im Fernsehen oder Radio oder die Auflagenhöhe in den Printmedien. Zählt man nur die Hits, so hat man dadurch nicht die Zahl der Nutzer erfaßt. Jetzt hat der Verband deutscher Zeitschriftenverleger ein einheitliches Meßsystem erarbeitet, das einerseits auf den "Visits" aufbaut, das ist die Anzahl der Besucher eines WWW-Angebots, und andererseits die "Page View" mißt, also wie oft eine Seite mit allen Texten, Bildern usw. angeklickt wurde. Bereits im Sommer soll es eingeführt werden. Von einer zentralen Instanz, dem IVW, sollen dann die Nutzungsstatistiken möglichst vieler Web-Anbieter erfaßt werden. Focus Online freut sich: "Klappt alles, wird Deutschland weltweit das erste Multimedia-Land mit neutraler Erfolgskontrolle sein." Na prima, wenigstens hier.

Just diese Möglichkeit des Benutzerscreenings wurde nun von der amerikanischen Zeitschrift "Harper's Magazine" auserwählt, um die Honorierung der Beiträge in den Computernetzen auszurechnen. Was zunächst als Erfolg der Autoren und ökonomisch als gerecht erscheinen mag, da jetzt immerhin erstmals und vielleicht mit Vorbildcharakter ein Honorar für die Zweitverwertung gezahlt wird, kann für einzelne die Aussortierung bedeuten und schließlich auch auf das Printmedium selbst zurückschlagen, bei dem Quoten hinsichtlich einzelner Beiträge oder Programmschienen wie dem Feuilleton, den Sport- oder Wirtschaftsseiten kaum erfaßbar sind.

In der Vereinbarung mit den Autoren, so stand es kürzlich in der FAZ zu lesen, legt "Harper's Magazine" nun für die Honorierung die Häufigkeit zugrunde, mit der auf einen Artikel in Online-Diensten zugegriffen wurde. Auf diese Weise könnten nicht nur unpopuläre, aber

Die schöne, neue Welt der Online-Medien - Vielfalt des Immergleichen?

deswegen nicht unwichtige Inhalte bald auch aus den Printmedien verschwinden, die bislang noch mangels genauer Quotierung ihren Platz fanden, sondern auch in deren Honorierung eine neue Wertung einziehen. Hat man bislang ein Zeilenhonorar erhalten, das im voraus bekannt ist, so könnten Autoren, die eine größere Zugriffshäufigkeit im Online-Medium erzielen, dann höhere Honorare fordern, während andere, sofern sie überhaupt noch die Chance zur Veröffentlichung erhalten, mit einer geringeren Entlohnung sich zufrieden geben müssen. Und die Inhalte, um die es bekanntlich bei den Medien primär gehen soll, werden noch weiter auf das, was geht und ankommt, eingedampft - die schöne, neue Welt der Online-Medien mit der Vielfalt des Immergleichen.

Doch noch gibt es selbstverständlich Gegenmittel. Schließlich ist jeder, auch wenn er dafür nicht entlohnt wird, in den Zeiten des WWW sein eigenes Medium und kann meist alles auf seiner eigenen Home Page veröffentlichen. Schlauer wäre es natürlich, die Erfassung zu umgehen, indem man beispielsweise ein kleines Programm schreibt, das sich von vielen unterschiedlichen Rechnern in den gewünschten Beitrag einloggt und so die Benutzerhäufigkeit immens steigert. Das jedenfalls sollte man den Autoren von Harper's Magazine empfehlen. (Florian Rötzer)