Die Ausstellung Gen-Welten

Balanceakt zwischen Profanität und Professionalität

Fünf Museen in Bonn, Dresden, München, Mannheim und Vervey/Schweiz organisierten ein Projekt zum Thema Genetik und Gentechnik.

Anfang März wurde es in fünf eigenen Sonderausstellungen eröffnet - gemeinsames Motto: Gen-Welten. Jeder der Kooperationspartner versuchte dabei sein eigenes Profil zur Geltung zu bringen. Die Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland in Bonn geht mit einem kulturgeschichtlichen Ansatz an das Thema heran, das Deutsche Hygiene Museum in Dresden, konzentriert sich auf den Menschen, das Landesmuseum für Technik und Arbeit in Mannheim auf die Technik das "Museum Mensch und Natur“ in München auf den naturkundlichen Aspekt und das Alimentarium in Vevey, Schweiz, auf die Ernährungsaspekte. Zu sehen sind die Ausstellungen noch bis Januar 1999.

Gentechnik - eine Glaubensfrage?

Gen- und Biotechnologien gehören zu den umstrittensten Bereichen der deutschen Forschung und Wirtschaft. Kein Wunder: Immer wieder schrecken Horrornachrichten die Bürger auf: Ungekennzeichnetes, von Monsanto in normales Soja beigemischtes Gensoja, nichtmatschende Gentomaten, Gen-Schokoriegel, Klonschaf Dolly und die Möglichkeit, Menschen zu klonen, der geklonte Frosch ohne Kopf und nicht zuletzt die Visionen des unerschrockenen Richard Seed.

Eine Studie der Akademie für Technikfolgenabschätzung in Baden-Württemberg, die rund 420 BerufsschülerInnen und GymnasiastInnen befragte, kam kürzlich zu dem Ergebnis, daß nicht das Wissen über die Einstellungen junger Menschen zur Gentechnik entscheidet, sondern ihre moralischen Werte. Generell werden medizinische Anwendungen und solche, die der Umwelt nutzen, befürwortet. Anwendungen in Ernähung, Landwirtschaft und zur Züchtung von Nutztieren werden jedoch abgelehnt.

Andere Untersuchungen der Akademie ergaben, daß sich die Einstellung der Jugendlichen dabei kaum von der Haltung Erwachsener unterscheidet. Immerhin räumten 70 Prozent der Jugendlichen ein, über die neue Technik nur sehr schlecht Bescheid zu wissen, aber genau so viele zeigten sich als „sehr“ oder „ziemlich interessiert“. Interessant ist auch, wie die Jugendlichen Experten einstufen. Als glaubwürdig gelten Naturwissenschaftler, Ökologen, Biologie- und Chemielehrer sowie Ärzte. Mittleres Ansehen genießen Verbraucher und Umweltschützer, während Politiker, Industrie-, Religionsvertreter und Journalisten ein schlechtes Image haben.

Das Ausstellungskonzept: Moralisierung vermeiden

Die Studie macht deutlich, daß sich die Ausstellungsmacher der „Genwelten“ ein fast nicht zu erreichendes Ziel gesteckt haben: Ihre Absicht ist nämlich nichts weniger als eine Bestandsaufnahme der genetische Forschungen und gentechnischen Entwicklung vorzunehmen. Es will einem „breiten Publikum“ einen „Einblick in die Welt der Laboratorien und Produktionsstätten vermitteln“ und „das Bewußtsein dafür schärfen, wie Genetik und Gentechnik jenseits der Sensationsmeldungen unseren Alltag prägen werden“.

Gleichzeitig will es jedoch nur das „Handwerkszeug“ für eine weitergehende Auseinandersetzung mit dem Thema bereitstellen - eine moralische Bewertung soll vermieden werden. Denn: „Die Besucherinnen und Besucher sollen in die Lage versetzt werden, sich ihr eigenes Urteil zu bilden“. Wie um den Stier an den Hörnern zu packen, wurde in Bonn ein ausstellungsbegleitender Kongreß zu dem Thema „Ethik und Heuchelei“ organisiert. Dort wollte man sich „aus dem Dualismus von Wahrheit und Lüge, Ethik und Heuchelei befreien“ und einen neuen Kommunikationsstil erproben: „die Klarheit einer vertreten Position mit der Fähigkeit zur selbstreflexiven Einsicht in die Grenzen des eigenen Argumentierens und die Wahrnehmung der Qualitäten anderer Argumente verbinden“.

Sinnliche Wissenschaft

Generell stand man bei dem Projekt vor dem Problem, Phänomene sichtbar und erfahrbar machen zu müssen, die dem bloßen menschlichen Auge nicht zugänglich sind, sondern nur durch aufwendige Techniken visualisiert oder durch indirekte Darstellung vermittelt werden können. Ausgewählte wissenschaftliche Arbeiten, eigens für die Ausstellung entworfene Installationen und kurze erklärende Texte veranschaulichen den Stand der heutigen Forschung. Für die Bilder der Wissenschaft wurden von dem britischen Ausstellungsdesigner Neal Potter dreidimensionale Objekte entworfen, die die Information erlebbar machen. Künstlerische Arbeiten zeigen, wie der „Nichtwissenschaftler" mit dem Thema Genetik umgeht. Dialoge von „Lindenstraßen"-Schauspielern nehmen zu verschiedenen Themen mögliche Argumente aus der augenblicklichen Diskussion auf.

Die Umsetzung überzeugt jedoch nicht immer. So funktioniert ein Nachbau des Ursuppenexperiments von Stanley Miller nicht wirklich - er ist nur eine Attrappe. Auch gibt es keinerlei Interaktionsmöglichkeiten - bis auf ein Labor, das von Schulklassen gemietet werden kann. Besucher des Deutschen Museums in München wären in Bonn enttäuscht: nicht einmal einen Knopf gibt es zum Drücken.

Die erste Ausstellungsstation, ein Stammbaum der Arten, läßt bereits das Dilemma der Bonner Ausstellung offenkundig werden: Einerseits will die Kunsthalle auch die künstlerischen Aspekte zeigen, andererseits aber nüchterne Information bieten. So liefert der Lebensstammbaum im Eingangsraum nur einen „Eindruck“, oder er ist - wie es der Ausstellungsführer auf Nachfrage irritierter Besucher formulierte - nur „ein künstlerisches Arrangement ohne Anspruch auf Wissenschaftlichkeit“. Mehr als die Erkenntnis, daß in der Fülle der Arten, die sich entwickelten, der Mensch nur einen winzigen Bruchteil ausmacht, vermittelt er nicht. Erst auf seiner Rückwand wird eine wissenschaftlich korrekte und didaktisch gut präsentierte Lebenstafel gezeigt, die detailliert zeigt, in welchen Zeiträumen sich das Leben vom Einzeller bis zum Menschen entwickelt hat.

Auch bei der Replik des DNA-Doppelhelix-Modells von Francis Crick und James Watson aus dem Jahre 1953 wird lediglich beschrieben, auf welche Arbeiten die beiden Wissenschaftler sich stützen konnten. Wie spannend jedoch der Wettlauf zwischen den Wissenschaftlern aus Oxford mit ihren Kollegen aus Cambridge wirklich war und wie knapp er ausging - davon erfährt der Besucher nichts, selbst wenn er eine Führung mitmacht. Doch genau diese Anekdoten und Geschichten aus dem Wissenschaftsbetrieb vermitteln das Abenteuer der Forschung wirklich - nicht nackte Zahlen, Fakten oder schön gestylte Weltkugeln. Immerhin gibt es die „DNA-Story“, einen computergenerierten, dreidimensionaler Film, der dem Zuschauer eine Reise in den Zellkern ermöglicht, „um aus nächster Nähe die Vorgänge des Ablesens und Übersetzens unseres Erbmoleküls zu erleben“. Doch das ist für Zuschauer der zahlreichen TV-Wissenschaftsmagazine wirklich nichts Neues.

Die spannendste Geschichte der letzten Jahre wurde schlicht vergessen: Das Jahrhunderträtsel um die Herkunft des Waisen Kaspar Hauser. Es wird lediglich in der Führung erwähnt - dabei hätten sich die Ausstellungsmacher leicht Hausers Unterhose besorgen können, die im benachbarten „Deutschen Museum Bonn" ausgestellt ist. Die Geschichte zeigt neben den gentechnischen Identifizierungsmöglichkeiten von Verwandtschaftsverhältnissen auch, warum nur die weibliche Linie verfolgt werden konnte: Mitochondriale DNA bleibt identisch und wird durch Kreuzung nicht verändert.

Balanceakt zwischen Profanität und Professionalität

Für manche Besucher etwas verwirrend: Die künstlerischen Exponate sind teilweise separat ausgestellt, teilweise befinden sie sich, wie eine Laborinstallation, mitten in der Ausstellung. So gibt es auch einige „präparierte Schweineköpfe mit Elektronikkomponenten“ der Künstlerin Gloria Friedmann als „Mobilorama“ zu betrachten. Die Arbeit will „sich auf ihre Weise mit dem Thema 'Genetik' und den in diesem Zusammenhang wichtigen Fragen auseinandersetzen“, so die Ausstellungsmacher. Außerdem soll sie wie die anderen ausgestellten Kunstwerke „Anstoß für eine ethische und gesellschaftspolitische Diskussion“ geben. Die Besucher zeigten sich jedoch weniger von den Schweinsköpfen, denn von den inhaltlichen Implikationen des entsprechenden Ausstellungsteils „Züchtung, Ressourcen und Biotechnologie“ beeindruckt.

Transgene Tiere werden für ein schnelleres Wachstum (Fische), für Medikamente (Kühe) oder Transplantationsorgane (Schwein) von der Genindustrie gezüchtet. Transgene Pflanzen wie Mais oder Soja ermöglichen Saatgutherstellern eine profitträchtige Allianz mit Pestizitherstellern. Genau das gehört in der Öffentlichkeit zu den umstrittensten Gentechnik-Themen. Die Ausstellung zieht sich jedoch gerade hier auf eine eher unkritische Darstellung zurück - es liegt an den einzelnen Führern, ob sie die damit verbundenen Risiken nicht nur einfach aufzählen, sondern auch erklären.

Die Ausstellung belegt trotz konzeptioneller Schwächen die grosse Vielfalt der heutigen Gentechnik. In den einzelnen Themenbereichen wird teilweise zu wenig, teilweise zu umfassend oder in nur schwer verständlichen wissenschaftlichen Fachtermini informiert. Für Schulklassen, die eben einen Crashkurs „Gentechnik" hinter sich haben, eine gute Möglichkeit, ihr Wissen zu vertiefen. Der durchschnittlich interessierte Besucher könnte jedoch überfordert sein, Fachbesucher wiederum werden in den einzelnen Gebieten wichtige kritische Hinweise vermissen. So wird beispielsweise nichts über die ökonomischen Expansionspläne europäischer und US-amerikanischer Pharmazeutikunternehmen verraten, die südamerikanische Urwälder nun auf ihre Genressourcen hin ausbeuten.

Siehe auch in Telepolis:
Saatgutkonzerne auf dem Weg zum Genmonopol
Eine biologische Waffe für den "zivilen" Einsatz
Patentierung von Mensch-Tier-Chimären
Die wachsende Gefahr eines biologischen und chemischen Krieges und
das Special über Klonen. (Christiane Schulzki-Haddouti)