Die Angst des Lesers vor der Nanotechnologie

Winzige Maschinen, die aus einem Labor entkommen, sich selbst reproduzieren und Menschen angreifen: das ist der Stoff, aus dem Albträume oder Bestseller gemacht sind

Noch bevor der neue Thriller von Michael Crichton (vgl. Der Autor, der die Fakten liebt) auf den Buchmarkt kam, brach den Forschern schon der kalte Angstschweiß aus. Bislang können sich viele Bundesbürger unter Nanotechnologie kaum etwas vorstellen. Wenn sie mit dem Begriff überhaupt etwas anfangen können, dann wissen sie, dass es um winzigste Maschinen geht, mit denen in Zukunft ganze Branchen wie die Medizin und die Computertechnik revolutioniert werden könnten.

Im Gegensatz zur Bio- und Gentechnologie hat dieser Forschungsbereich bisher noch kein Imageproblem. Die Vorsilbe Nano- löst keine Ängste aus. Das könnte sich nun ändern, denn Michael Crichton hat einen neuen Reißer geschrieben und zweifelsfrei ist Beute (Prey) ein Bestseller. In Englisch wurden als Erstauflage zwei Millionen Exemplare gedruckt. Kaum in Deutschland erschienen, ist er schon in die Bestenlisten eingezogen. Der deutsche Verlag hat einen ungeheuren Logistik- und Marketing-Aufwand betrieben, damit das Buch hier fast zeitgleich mit der amerikanischen Ausgabe auf den Markt kommt und bereits im Vorfeld war in Zeitungen und im Fernsehen jede Menge von "Beute" die Rede. Michael Crichton ist ein Mega-Literaturstar und sein Name bürgt für guten Umsatz. Die Gesamtauflage seiner Werke soll bei mehr als 100 Millionen Büchern liegen. Für "Beute" und sein nächstes Buch soll Crichton vorab 30 Millionen Dollar Honorar kassiert haben und die Filmrechte sind auch schon verkauft. Twentieth Century Fox wird den Stoff entwickeln und die mörderischen Nanoteilchen sollen 2004 die Kinobesucher in Angst und Schrecken versetzen.

Nanotechnologie ist ein Riesen-Hype, nicht nur Bill Clinton nannte sie eine Schlüsseltechnologie, es beruft sich auch jeder Forscher auf die fantastischen Zukunftsaussichten und die Gelder flossen und fließen in Strömen. In Deutschland ist sie Förderschwerpunkt des Bundesforschungsministeriums. Die Europäische Union investiert genauso in diese Zukunftstechnik wie die US-Regierung.

Nano heißt im Griechischen der Zwerg und die Einteilung Nanometer ist extrem winzig, sie entspricht einem Millionstel Millimeter. Nanobauteile sollen zukünftig eine wichtige Rolle in der Herstellung kleinster elektrischer Maschinen, von Computern und medizinischen Geräten spielen. Gerade erst verkündete der Verein Deutscher Ingenieure (VDI) gegenüber der Nachrichtenagentur dpa, dass die Nanotechnologie bereits in wenigen Jahren viele Lebensbereiche durchdringen werde. Da schwärmte kürzlich Gerd Bachmann vom Düsseldorfer VDI-Technologiezentrum:

Zwischen 2010 und 2015 soll es dann molekularelektronische Computer geben, die nicht mehr konventionell hergestellt werden, sondern aus einer Art Suppe nach dem Prinzip der Selbstorganisation wachsen. (...) Denkbar ist eine Art intelligentes Badezimmer, das etwa jedem Benutzer morgens eine detaillierte Atemluft-, Speichel- und Urinanalyse liefert.

Noch sind das alles Zukunftsvisionen, aber die Forscher feiern bisher ungebrochen ihre Träume. Neue Materialien sollen Schmutz abweisende Oberflächen oder perfekte Schutzanzüge für Aufenthalte im Weltraum bieten, Nanoröhrchen und -drähte den Bau von Kleinstmaschinen ermöglichen, sandkorngroße Computer Berechnungen durchführen, Mikroroboter selbstständig Reparaturen ausführen, Biochips werden die Medizin revolutionieren, Medikamente in Nanokapseln oder Miniaturlabore im Körper gezielt platziert und kleine Nanokameras werden durch die Blutgefässe strömen und Aufnahmen aus jedem noch so kleinen Gefäß in einem Organ liefern. Bachmann ist überzeugt: "Das große Potenzial liegt in der Verbindung mit Informationstechnik und Biologie."

Und jetzt kommt ein Bestseller-Autor namens Michael Crichton, aus dessen Feder sowohl die Fernsehserie "Emergency Room" wie die Romane "Coma", "Jurassic Park" und "Timeline" flossen und schreibt einen fiesen Reißer genau zu diesem Thema. Der Mann ist berühmt, gerade wurde sogar ein Dinosaurier nach ihm benannt (Vgl. Crichtonsaurus bohlini). Ein Garant für den Massenerfolg ist dieser so genannte "Vater der Techno-Thriller". Da spielt es keine große Rolle, dass vor ihm schon andere Schriftsteller spannende Science Fiction-Romane über Nanotechnologie geschrieben haben, wie Neal Stephenson mit Diamond Age, erst durch Crichtons Millionenauflage und die anstehende Verfilmung wird das Thema die breite Masse erreichen und vermutlich stark beunruhigen. Crichton ist ursprünglich Mediziner und er recherchiert seine wissenschaftlichen Themen ausführlich und sauber. Seine fiktiven Personen sind ihm weniger wichtig als die Spannungsbögen seiner wissenschaftlichen Alpträume. Er ist eine Cassandra der zeitgenössischen Wissenschaftswelt, gerne und ausführlich warnt er vor den Gefahren des technologischen Fortschritts. Das ist ihm ein Anliegen und dass ihn die Umsetzung zum Multimilliardär gemacht hat, muss ja nicht falsch sein.

Er schreibt im theoretischen Vorwort von "Beute":

Wir glauben zu wissen, was wir tun. Das haben wir schon immer geglaubt. (...) Wir sind eine von nur drei Spezies auf unserem Planeten, die von sich behaupten können, dass sie sich ihrer selbst bewusst sind, doch vielleicht wäre Selbsttäuschung für uns Menschen ein bezeichnenderes Charakteristikum. Irgendwann im einundzwanzigsten Jahrhundert wird unser von Selbsttäuschung bestimmter Leichtsinn mit unserer wachsenden technologischen Macht kollidieren. Zu dieser Kollision wird es sicher an der Nahtstelle zwischen Nanotechnologie, Biotechnologie und Computertechnologie kommen. Alle drei Bereiche vermögen, sich selbst reproduzierende Einheiten in die Umwelt zu entlassen. (...) Die Nanotechnologie ist die neueste dieser drei Technologien und in mancher Hinsicht ist sie auch die radikalste.

Die Geschichte des neuen Buches ist an sich eher schlicht. Nach dem Vorbild biologischer Viren oder durch Genversuche mutierter Kleinstlebewesen entkommt in "Beute" ein Schwarm von Nanopartikeln aus einem militärischen Forschungslabor. Jede einzelne dieser Mikromaschinen ist primitiv und nicht zu viel fähig, aber sie kommunizieren miteinander und sind dadurch gemeinsam lernfähig. Wie ein Bienen- oder Ameisenstaat sind so in der Lage, sich zu organisieren und sie beginnen alles Lebendige anzugreifen, wobei sie sich ständig nach dem Prinzip der Selbstorganisation (vgl. Nano-Lego) reproduzieren und durch Erfahrung ihr Verhalten verändern. Aber zum Glück gibt es einen Helden, der letztlich den Kampf aufnimmt, einen Programmierer, der seinen Job verloren hat und sich zuvor als Hausmann mit den Kindern, dem Haushalt und vor allem seiner zunehmend wesensveränderten Ehefrau auseinander setzt. Als Spezialist für Computerprogramme zum Schwarmverhalten, wörtlich zitiert "verteilte, parallele Anwendungen oder agentenbasierte Systeme", wird er hingezogen, als der Nano-Schwarm anfängt, die Wüste rund um das abgelegene Labor unsicher zu machen. Er hat das Räuber-Beute-Programm geschrieben, mit dem die Partikel gefüttert worden waren...

Mehr sei nicht verraten, außer dass es Crichton gelungen ist, ein sehr spannendes Buch zu schreiben, obwohl wieder alle Figuren zweidimensional bleiben.

Der Stoff, aus dem Albträume und Thriller bestehen. Garantiert wird "Beute" seiner Leserschaft Furcht einflössen und zu vielfältigen öffentlichen Diskussionen über die Gefahren der Nanotechnologie führen. Es ist bereits losgegangen, bevor das Buch überhaupt auf dem Markt war. Noch im November reagierte das Kompetenzzentrum Nanoanalytik (CCN) und ließ seinen Sprecher Prof. Dr. Wolfgang M. Heckl verkünden:

Das Erscheinen des neuen Romans und die geplante Kinoverfilmung von ‰Prey', zu deutsch Beute, des Bestsellerautors Michael Crichton, wo es um die aufkommenden Möglichkeiten von verteiltem Processing, Biogenetik und Nanotechnologie geht, wird ein steigendes öffentliches Interesse, aber auch Furcht vor Nanotechnologie erzeugen. Daher sieht sich das Kompetenzzentrum Nanoanalytik zu folgender Stellungnahme veranlasst: (...) Da Nanotechnologie auf die konstruktive Beherrschung von kleinsten funktionellen Einheiten zielt, die z.T. in biologischen Systemen ihr Vorbild finden, möchten wir zum Kernpunkt des neuen Romans unsere Sicht der Dinge darlegen. Aus der Kontrolle geratene sich selbst vermehrende Nanomaschinen, die durch ihren Ressourcenverbrauch oder auch anderweitig zu einer großen Gefahr für das Ökosystem und den Menschen werden, sind aus wissenschaftlicher Sicht auch mit größter Phantasie auf absehbare Zeit nicht möglich. Eine der atomaren Kettenreaktion ähnliche unkontrollierte Vermehrung solcher winzigen Nanoassembler scheitert an den objektiven physikalisch-chemisch-biologischen Voraussetzungen, das sie Grundsätze des Energiehaushalts und der Informationstheorie verletzt. Sie bleibt eine Fiktion von der der Roman lebt. Da Replikations- und Entwicklungsprozesse, die bislang allein der Natur vorbehalten waren durch die Annäherung von Bio,- und Nanotechnologie mit einer möglichen Aufweichung der Grenze von Künstlichem und Natürlichem in zunehmenden Maß in den Einflussbereich des Menschen gelangen, ist es auch nach dem Vorbild der Gendebatte in Zukunft nötig, die möglichen Auswirkungen der Nanotechnologie zu erforschen und mit der Öffentlichkeit zu debattieren. Gerade die im Bereich der Medizin existierenden Möglichkeiten sollten aber auch Grund zur Hoffnung auf neue dem Wohl der Menschheit dienenden Entwicklungen und Chancen sein, und die Forschungen im Bereich der Nanowissenschaften beflügeln.

Also kein Grund zur Panik, alles im Griff in der Nanotechnologie? Schwer zu sagen bei einem Bereich, der im Grunde bisher aus einzelnen Forschungserfolgen und ansonsten großen Visionen besteht. Trotzdem meinte Prof. Uwe Hartmann von der Universität des Saarlands in 3Sat, dass der Thriller sehr realistische Grundzüge habe und das Militär großes Interesse an potenziellen Mikrorobotern, mit denen sich der Feind angreifen oder ausspionieren ließe:

Nach der Dampfmaschine und dem Computerchip wird die Nanotechnologie zweifellos die dritte industrielle Revolution einleiten. (...) Es ist eigentlich ohne Abstriche fast alles möglich, was in dem Buch auch konkret geschildert ist. Vom Impfstoff über Autoreifen bis zum Computerchip wird die Nanotechnologie Produktionsmethoden revolutionieren und darüber hinaus zu Produkten führen, die wir uns heute noch gar nicht vorstellen können. (...) Es wird solche Möglichkeiten geben, es spricht kein Naturgesetz gegen die Autoreproduktion. Natürlich beherrschen wir diesen technischen Prozess noch nicht jetzt.

(Andrea Naica-Loebell)