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Deutschland-Besuch: Selenskyj sollte sich zu Massaker von Odessa erklÀren

Ukrainischer PrÀsident soll nach Berlin und Aachen kommen. Ein Massaker an Zivilisten wird dann wohl keine Rolle spielen. Werden Opfer geopolitischen Interessen geopfert?

Wenn der ukrainische PrĂ€sident Wolodymyr Selenskyj Mitte Mai in Berlin empfangen wird, dĂŒrfte er von politischen Vertretern kaum mit der Frage konfrontiert werden, wann endlich die HintergrĂŒnde der Ereignisse aufgeklĂ€rt werden, die am 2. Mai 2014 zum Tod von 42 Menschen im Gewerkschaftshaus von Odessa [1] fĂŒhrten. Die meisten Opfer verbrannten bei lebendigem Leib [2].

Zuvor bereits hatte es Straßenschlachten zwischen prorussischen und prowestlichen Ukrainer:innen gegeben. Auch damals gab es Tote auf beiden Seiten. Die damaligen Auseinandersetzungen standen in direktem Zusammenhang mit dem Umbruch nach den Maidan-Ereignissen 2014.

Das ist wohl auch der Grund, warum das Massaker von Odessa nicht nur in der Politik so wenig bewegt und der ukrainische PrĂ€sident sich nicht fĂŒr den mangelnden AufklĂ€rungswillen rechtfertigen muss. Auch der grĂ¶ĂŸte Teil der Linken in Deutschland hinterfragt dieses Schweigen nicht hinreichend.

Der Odessa-Platz und die SolidaritÀt

Zum neunten Jahrestag des Massakers gab es am Abend des 2. Mai eine Kundgebung von rund 100 Menschen am Stadtrand von Berlin-Karlshorst. Der Ort war nicht zufÀllig gewÀhlt. Der bisherige Marktplatz von Karlshorst wurde im letzten Jahr in Odessa-Platz umbenannt [3], aus SolidaritÀt mit der Ukraine gegen den russischen Angriff.

Bei der Einweihung machten Demonstranten allerdings darauf aufmerksam, dass man dann doch wohl auch die Toten des 2. Mai 2014 in Odessa nicht einfach verschweigen dĂŒrfe.

Der Streit um die SolidaritĂ€t am Odessa-Platz hat lĂ€ngst auch die Linkspartei erfasst. Der damalige Lichtenberger BĂŒrgermeister, der den Platz einweihte, ohne auf das unaufgeklĂ€rte Massaker vom 2. Mai 2014 einzugehen, war ebenso Mitglied der Linkspartei wie einige der Kritiker, die dieses Schweigen bemĂ€ngelte.

Auf der Kundgebung am 2. Mai war neben Fahnen der DKP auch ein Banner der Linkspartei zu sehen. Auf der Kundgebung hielt ein Vertreter eines BĂŒndnisses mit dem Namen "Heizung, Brot und Frieden" [4] einen entsprechenden Redebeitrag: Er skizzierte noch einmal den Ablauf der blutigen Ereignisse vor neun Jahren in Odessa und hob die Beteiligung der faschistischen Swoboda-Partei und des rechten Sektors bei diesen Angriffen hervor.

TatsĂ€chlich waren diese Ultranationalisten nicht nur zu einem Fußballspiel in die Stadt gekommen. Sie hatten von Anfang vor, die den in ihren eigenen Augen prorussischen Anti-Maidan-Aktivisten eine Lektion zu erteilen, die sie nicht vergessen sollten. Das war erfolgreich.

Wie der Publizist Ulrich Heyden [5] in einem Dokumentarfilm aufzeigte, wurden die Überlebenden und Angehörigen der Opfer eingeschĂŒchtert. Viele verstecken sich spĂ€ter oder mussten die Stadt verlassen.

FĂŒr einen universalistischen Antifaschismus

Ein blutiger rechter Angriff mit eindeutiger Beteiligung von Ultranationalisten und Faschisten, ein Staatsapparat, der sie gewĂ€hren lĂ€sst und kein Interesse an einer Aufarbeitung zeigt. MĂŒsste dass nicht Antifaschisten mobilisieren? Diese Frage stellt auch der Redner von "Heizung, Brot und Frieden".

Er verweist darauf, dass wenige Tage nach den Ereignissen vom 2. Mai 2014 ĂŒber Tausend Antifaschisten in Berlin auf die Straße gegangen sind und eine Aufarbeitung einforderten. Damals berichteten auch noch viele Medien in Deutschland ĂŒber die Beteiligung der Faschisten an den Angriff und sahen durch sie die ukrainische Demokratie gefĂ€hrdet.

Davon ist neun Jahre spÀter nichts mehr zu hören und zu sehen. Was ist der Grund. "Die Opfer vom Gewerkschaftshaus in Odessa wurden geopolitischen ErwÀgungen geopfert", vermutet der Redner. Weil es heute in dem Russland angegriffenen Land keine Rechten geben darf, werden deren Opfer gar nicht erwÀhnt

Dem stellte er das Konzept eines universalistischen Antifaschismus gegenĂŒber, das Opfer rechter und staatlicher Gewalt ĂŒberall benennt und Aufarbeitung fordert, sei es in der Ukraine, in Deutschland, den USA und auch in Russland.

Nun kann man bezweifeln, ob alle der Teilnehmer der Kundgebung tatsÀchlich die Faschisten und Nationalisten in Russland mit der gleichen Energie bekÀmpfen wurden, mit der sie die ukrainischen Rechten ablehnen. Doch das Konzept des universalistischen Antifaschismus ist völlig berechtigt.

Es geht nicht darum, dass man mit den politischen Ansichten der Opfer konform gehen muss, es geht auch nicht darum, dass sie vielleicht von Russland oder anderen LĂ€ndern fĂŒr ihre Propaganda instrumentalisiert werden könnten. Eine Linke, die keinen Staat machen will, beugt sich auch keinen Staatsinteressen und handelt unabhĂ€ngig davon. Deshalb ist es positiv zu bewerten, dass das Datum des Massakers nicht ganz unbemerkt verstrichen ist.

Gegen den Mythos der einheitlichen ukrainischen Nation

Die Bewertung der Ereignisse am 2. Mai 2014in Odessa stehen in engen Zusammenhang mit der Bewertung der Maidan-Ereignisse 2014. Darin sehen die einen, einen möglichst noch von Außen gesteuerten Putsch, die anderen den Anbruch der westlichen Demokratie. Beide Bewertungen treffen nicht den Kern der Sache.

In der Ukraine gab es eine berechtigte Kritik an einer korrupten Regierung. Das nutzten prodeutsche Nationalisten fĂŒr den Sturz einer nach bĂŒrgerlich-demokratischen Kriterien gewĂ€hlten Regierung und bekamen dabei UnterstĂŒtzung von Politikern verschiedener LĂ€nder des globalen Westens, vor allem Deutschlands. Dagegen bildete sich die Anti-Maidan-Bewegung [6], die sich schĂŒtzend vor DenkmĂ€ler stellte, die von der neuen rechten Regierung gestĂŒrzt werden sollten.

Diese Bewegung bekam UnterstĂŒtzung von Russland, aber sie war genauso wenig nur von Russland gesteuert, wie die Maidan-Bewegung nicht einfach ein Produkt des globalen Westens war. 2014 standen sich zwei ukrainische Bevölkerungsgruppen gegenĂŒber.

Der 2. Mai 2014 machte deutlich, dass dabei auch mit faschistischen Methoden die gegnerische Seite bekĂ€mpft wurde. Die Opfer waren ukrainische StaatsbĂŒrger. Ein Grund fĂŒr das Schweigen ĂŒber den 2. Mai 2014 liegt auch darin, dass sie den Mythos der einheitlich prowestlichen ukrainischen Nation widerlegen.

Selbst ein Text des Jura-Portals Legal Tribune Online [7], der eine AufklĂ€rung des Massakers fordert, spricht immer nur von prorussischen Demonstranten in Odessa. Dabei ist festzuhalten, es waren ukrainische StaatsbĂŒrger, die mit dem Maidan-Umschwung nicht ĂŒbereinstimmten.

Eine AufklÀrung ihres Todes steht noch aus und sollte auch beim Besuch von Selenskyj eingefordert werden.


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https://www.heise.de/-8986309

Links in diesem Artikel:
[1] https://www.lto.de/recht/hintergruende/h/2014-odessa-42-tote-buergerkreig-brand-ukraine-russland-un-europarat-ermittlungen-emrk/
[2] https://www.spiegel.de/politik/ausland/ukraine-europarat-kritisiert-ermittlungen-zu-strassenschlachten-a-1060987.html
[3] https://www.berliner-zeitung.de/politik-gesellschaft/akt-der-solidaritaet-berlin-hat-jetzt-einen-odessa-platz-li.258340
[4] https://heizung-brot-und-frieden.de
[5] https://ulrich-heyden.de/article/dokumentarfilm-lauffeuer
[6] https://www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/Ausland/Salamaniuk_Verworrene_Wege_der_Linken.pdf
[7] https://www.lto.de/recht/hintergruende/h/2014-odessa-42-tote-buergerkreig-brand-ukraine-russland-un-europarat-ermittlungen-emrk/