Der kleine Fritz

Proben aufs Exempel zum 300. Geburtstag eines Ungeliebten, der sich selbst nie finden durfte und zum unverdrossenen Angriffskrieger wurde - zugleich eine antipreußische Polemik

Wohin führt Preußens Gloria? "Krieg" lautet die richtige Antwort auf diese Frage. Der Alliierte Kontrollrat wusste sie noch, als er die territoriale Geschichte Preußens am 25. Februar 1947 enden ließ und diesem Staatsgebilde bescheinigte, es sei "seit jeher Träger des Militarismus und der Reaktion in Deutschland gewesen". "Preußen" ist leider nicht nur ein Territorium der Vergangenheit, sondern auch ein bleibendes Programm. Nach der deutschen Wiedervereinigung lief der propreußische Revisionismus zeitweilig zu Höchstformen auf: stramme Bundeswehrsoldaten an ausgegrabenen Hohenzollernsärgen, Preußenlob und Tugendgeschwafel von prominenten Staatsvertretern, Voten für die preußische Traditionspflege im deutschen Militär, kostenlose DVD-Scheiben eines auflagenstarken Magazins (mit klugen Kommentaren über ein modernes bzw. "gerechteres" Preußenbild), hochwissenschaftliche Analysen zur preußischen Militärstrategie …

Dass dieser Tage ein auf Arte und ARD ausgestrahlter Film von Jan Peter und Yuri Winterberg vor allem den kleinen Fritz beleuchtet, lässt aber etwas hoffen. Gegen Ende dieser löblichen Produktion tanzt der gealterte Fritz - ein verbitterter Menschenfeind, sich selbst, seine todbringenden Ruhmestaten und das Leben hassend - mit einem seiner schönen Lebensabschnittssekretäre Menuett.

Friedrich (links) mit seiner Lieblingsschwester Wilhelmine - Gemälde von Antoine Pesne

Falls die Filmemacher es erlauben, möchte ich sie küssen für die Entscheidung, die Rolle des Friedrich von Anna und Katharina Thalbach spielen zu lassen. Nach einer Ausstrahlung dieser Produktion hat mich mein Schwesterherz gebeten, in einem geplanten Text zum 24. Januar nicht nur den Antipreußen heraushängen zu lassen. Ein ganz klein bisschen Mitleid oder schwule Solidarität müsste doch vielleicht drin sein?

Der Soldatenkönig, ein wahrhaft gottesfürchtiger Vater

Der im besagten Film und auch sonst zum 300. Geburtsjubiläum immer wieder vermittelte Familienhintergrund soll hier nur kurz gestreift werden. Der Vater des kleinen Fritz, der Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. (Regierung 1713-1740), führt im Hause Hohenzollern das Reich des reinen Männerbundes - unter Ausschluss der Frauen - ein. Er liebt das Derbe, nicht die feine französische Art. Sein Abgott, dem alle anderen Staatsbelange untergeordnet werden, ist das Militär (Gleichschritt und depersonalisierende Militärabrichtung zu Tötungszwecken sind preußische Erfindungen).

Doch zum Leidwesen des Soldatenkönigs kann sein Sprössling - dieser "effeminierte Kerl" - dem erwarteten Männlichkeitsprofil, zu dem auch eine gestrenge Gottvaterfrömmigkeit gehört, in keiner Weise entsprechen. Demütigung, Prügel und andere sadistische Schikanen bewirken nur, dass der Sohnemann 1730 einen Fluchtversuch unternimmt. Dafür büßen muss sein liebevoller Vertrauter Hans Hermann von Katte, dem man vor dem Kerkerfenster des jungen Fritz den Kopf abschlägt. Ohne die Interventionen von außen wäre der Vater mit dem eigenen Sohn ebenso verfahren. Schlimmer kann sich wohl kein Autor einen Familienthriller ausdenken. Einen Hauspsychiater gab es bei den Hohenzollern leider nicht.

Andere Seiten der Menschenverachtung am Hofe von Friedrich Wilhelm I. sind weniger bekannt. Der Gelehrte Jacob Paul von Gundling (1673-1731), für die Hohenzollern als Erzieher, Höfling und im Vorsitz der Akademie der Wissenschaften tätig, gerät nach Regierungsantritt des Soldatenkönigs 1713 in einen wirklich schlechten Film.1 Der König lässt ihn unter zwangsweiser Einnahme hochprozentiger Getränke "Geistervorlesungen" halten. Man zwingt ihn, mit ausgesuchten Kostümen den Gecken abzugeben. Nach Einflößung von Abführmitteln wird er in einen Raum eingesperrt, damit er sich einkotet. Zu anderen Gelegenheiten versetzt die Regie des Hofes ihn mit Hilfe von Feuerwerkskörpern, jungen Bären oder einem abgekarteten Schein-Duell in Todesängste.

Dieser wirtschaftlich abhängige Geistesarbeiter, am Hof erniedrigt, täglich lächerlich gemacht und alsbald in den Alkoholismus getrieben, stirbt 1731. Seine Leiche wird als Clown verkleidet und zur öffentlichen Schaulust in ein sargförmiges Weinfass gesteckt, das man auch schon zu Lebzeiten in Gundlings Schlafkammer gestellt hatte. Die äußere Spott-Tafel am Fass enthält die Zeile "Halb Schwein, halb Mensch, ein Wunder-Ding". Auch die Beerdigungszeremonie in Potsdam gestaltet sich als karnevaleskes Spektakel bzw. posthume Verhöhnung, woran die protestantische Geistlichkeit allerdings nicht mitwirken will.

Soviel zur gottesfürchtigen Tugendhaftigkeit am Hof des Soldatenkönigs, von der man bis ins 20. Jahrhundert hinein so vielen Schülergenerationen Großartiges eingetrichtert hat. Unter Rutenzucht mussten ja die Untertanen jahrhundertelang das Familienhistorienalbum der Hohenzollern - samt all seinen Fälschungen und Mythen - noch im Schlaf auswendig aufsagen können. Dergleichen war - zumal nach 1848/49, als die preußische Soldateska sich in städtischen Massakern an Demokraten nach Art von "My Lai" ausgetobt hatte - die wichtigste Bildungssäule des Staates fürs einfache Volk.

Ein Spiegel ohne Selbst

Vater und Mutter von Friedrich II. sind Kühlschränke, die den Sohn jeweils zum Gegenstand eigener Verwirklichung machen wollen - wie sie es selbst als Kinder in blaublütigen Haushalten vermutlich auch erfahren haben. In der eingangs gewürdigten Filmproduktion kann man ein biographisches Schlüsselzitat des jungen Fritz hören: "Ich fühle mich wie ein Spiegel, der nicht er selbst sein darf, sondern nur reflektiert, was ihn umgibt."

Dieses Zitat ist bezeichnender für das homosexuelle Geschick von Friedrich II. als die Hinweise auf einen zärtlichen Umgang mit dem Jugendfreund Hans Hermann von Katte, die schönen Männerbildnisse in Schlossgefilden, die frivolen Theaterinszenierungen mit unzweideutigen Anspielungen, die beischlaffreie Eheführung mit einer zum "Gegenstand" gemachten Gattin oder die angeblichen Schäferviertelstündchen mit ausgelosten Favoriten, bei denen es nach Auskunft des spottenden Voltaires nie "zum Äußersten" kommt und bei denen sich offenbar niemand Sorgen macht über die Bedürfnisse der unfreiwillig "eingeladenen" jungen männlichen Untertanen.2

Nie bei sich selber anzukommen, die eigene Brust ob der verbotenen Gefühlsregionen in ihr gleich ganz auf Eis zu legen und deshalb auch mit anderen Menschen nicht in eine warmherzige, vertrauensvolle Beziehung eintreten zu können, als Reflex unerfüllbarer Erwartungen selber undurchdringbar zu werden und durch andere wie durch Glas hindurchzuschauen … genau so verliefen bei uns noch bis in die 1990er Jahre hinein sehr viele Biographien von homosexuell begabten Menschen (bis 1985 auch meine eigene). Zu befürchten ist, dass der Spuk heute immer noch kein Ende gefunden hat.

Vielleicht gab es für Fritz eine kurze Zeitspanne der Angstfreiheit und des Erwachens, doch spätestens mit dem Mord an Hans Hermann von Katte hat der Vater den flüchtigen freien Lebensatem für immer erstickt. Nunmehr folgt die Unterordnung. Aber wie lange kann man die Anpassung spielen, ohne dass sie in Fleisch und Blut übergeht? Friedrich Nietzsche schreibt in seinen Bruchstücken zu den Dionysos-Dithyramben (1882-1888): "Damit begann ich: / ich verlernte das Mitgefühl mit MIR!" Dies ist eine sehr passende Überschrift für all jene Opfer des Schwulenhasses wie des schwulen Selbsthasses, die am Ende in Gesellschaft, Kirche (Die große "Mutter Kirche" und ihre Söhne) oder Staat selbst als Täter in Erscheinung treten - vorzugsweise in männerbündischen Kontexten.

Es gehört zur Tragik unserer menschlichen Geschichte, dass in ihr die Unglücklichen immer wieder Gelegenheit finden, auch andere unglücklich machen. Wo Ungeliebte sich gar anschicken, als "erste Diener des Staates" in Erscheinung zu treten, sollte man Angst bekommen, dass Prozesse einer Zivilisation des Ungeliebtseins in Gang gesetzt werden. Preußische Tugenden bringen preußische Selbst-Losigkeit und Nicht-Existenz hervor. Empathie, also Mitgefühl mit sich selbst und anderen, und Liebe zur Freiheit eines phantasievollen Lebens tauchen im Tugendkatalog der Hohenzollern nicht auf. Man hat ein Spiegel zu sein, der nur reflektiert und selbst gar nicht da ist.

Der jung gestorbene Weltkrieger Walter Flex (1887-1917) hat es gut erfasst: "Wer je auf Preußens Fahne schwört, / hat nichts mehr, was ihm selbst gehört."

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