Der Winterkrieg - ein Konflikt und seine Fehleinschätzungen

Sowjetische Fahrzeuge und gefallene Soldaten im Januar 1940 auf der Raate-Straße in Suomussalmi. Bild: Finnish Wartime Photograph Archive (SA-Kuva)/CC By-SA-4.0

Besonders die "Schlacht von Suomussalmi" im finnisch-sowjetischen Krieg 1939/1940 führte zu einem Imageschaden der Sowjetunion und einer internationalen Geringschätzung ihrer Schlagkraft

"Die Wälder zu beiden Seiten der Straße waren zu einem Land der Toten geworden. Vielleicht verschlimmerte die Schönheit des Morgens die schreckliche Verwüstung unter den Russen noch, als wir ankamen ... In den Wäldern waren die Leichen von Männern und Pferden, es gab zerstörte Panzer, Feldküchen, Autos, Karren, Karten, Bücher und Kleidung, die Toten gefroren wie versteinertes Holz, und ihre Haut war mahagonibraun."

Mit diesen eindringlichen Worten schilderte Virginia Cowles, Korrespondentin der London Sunday Daily das Schlachtfeld auf der Raatteen-Straße im Januar 1940 in Nordfinnland. Besonders diese Auseinandersetzung im finnisch-sowjetischen Krieg 1939/1940, "Schlacht von Suomussalmi" genannt, führte zu einem Imageschaden der Sowjetunion und einer internationalen Geringschätzung ihrer Schlagkraft.

Der sogenannte Winterkrieg begann am 30. November 1939 mit einem sowjetischen Bombardement Helsinkis und Angriffen auf der gesamten Westflanke des Landes. In Helsinki hatte man nur mit einem Vorstoß auf der Karelischen Landenge gerechnet - diese war vom Kreml in den Verhandlungen seit September vergeblich als wichtigste Gebietsabtretung eingefordert worden.

Sowjetische Truppen nahmen jedoch auch den Nordmeerhafen Peksamo ein und stießen bei der Stadt Suomussalmi im nördlichen Zentralfinnland über die Grenze. Von dort wollte die Rote Armee bis zum Ostseehafen Oulu zu gelangen, um Finnland von schwedischer Versorgung abzuschneiden.

In der ersten Woche lief es für die Sowjets im Südosten Finnlands und in Peksamo in etwa nach Plan, doch an der sogenannten Mannerheimlinie, eine Verteidigungsfront 135 Kilometer zwischen Ostsee und Ladogasee-See verlaufend, kam der Angriff zum Stocken. Die Abwehr der Angreifer sollte bis Mitte Februar 1940 gelingen, dann schaffte die massiv aufgestockte Roten Armee der Durchbruch. Dabei hatten seine Militärs Stalin versichert, dass an seinem Geburtstag, dem 21. Dezember, Finnland kapitulieren werde.

Am wenigsten glücklich war jedoch der Generalsekretär der KPdSU über die Geschehnisse um Suomussalmi. Dort wurde die Grenze anfangs von ein paar hundert schlecht bewaffneten finnischen Einheiten verteidigt, die sich vor einer sowjetischen Schützendivision langsam zurückzogen.

"Wir konnten die Finnen nicht sehen"

Um den Vormarsch der Sowjets nach Oulu zu stoppen, zog Oberbefehlshaber Carl G. E. Mannerheim eine Infanterie-Brigade von der Karelischen Landenge ab, die am 8. Dezember in der Gegend um Suomussalmi eintrafen. Insgesamt standen bei den Kampfhandlungen bei Suomussalmi um 11.000 Finnen der Roten Armee gegenüber, die insgesamt mit 36.000 Soldaten über die Grenze gerückt war. Am 17. Dezember wurden die Position der Finnen durch Artillerie verstärkt, auf Seiten der Sowjets waren Panzer und Bomber. Nur am 30. Dezember wurde die finnische Seite durch eigene Flugzeuge unterstützt.

Die Schützendivision befand sich bald in einer bedrängten Lage, am 14. Dezember überquerte eine Motorisierte Schützendivision die Grenze, die als Elite-Einheit galt, um der Division beizustehen. Doch diese musste sich aufgrund der finnischen Attacken eingraben, vermutlich auch da der sowjetische Kommandeur von überlegenen Einheiten der Finnen ausging.

Da sich die Sowjets in dem dicht bewaldeten Gebiet primär auf engen Straßen fortbewegen konnten, gelegentlich auch auf gefrorenen Seen, wurden sie für die finnischen Soldaten zur leichten Zielscheibe. Sie teilten die Kolonnen in Teile auf und griffen sie an. Vorteil der Finnen waren weiße Winterkleidung, Wärmezelte und eine gezielte Ausbildung für den Krieg im Schnee, dazu gehörte auch die Fortbewegung mit Skiern, wodurch sie eine höhere Mobilität erreichten, auch auf selbst gebauten Eisstraßen. Die betroffenen Soldaten der Roten Armee, vornehmlich Ukrainer, waren für die Temperaturen von 35 Grad Kälte nicht entsprechend gekleidet, oft von der Versorgung abgeschnitten und auf einen derartigen Kampf nicht vorbereitet. Dennoch sollen sie nach finnischen Angaben "verbissen" gekämpft haben. Eine Erlaubnis zum Rückzug wurde der Motorisierten Schützendivision erst am 8. Januar von Stalin gegeben, bei dem chaotischen Rückzug starben viele durch Kälte und finnische Patrouillen.

Im Kreml herrschte darauf die übliche Spionage-, Sabotage-, Verräter-, Diversanten- und Deserteur-Paranoia. Auch Feigheit wurde den Soldaten vorgeworfen. Einige der überlebenden Offiziere wurden später exekutiert, auch die Kriegsgefangenen, die Finnland nach dem Waffenstillstand an die Sowjets ausgeliefert hatte, sollten vom sowjetischen Geheimdienst NKDW im Sommer 1940 beseitigt worden sein.

"Wir konnten die Finnen nicht sehen", meinten die sowjetischen Kriegsgefangenen direkt nach der Schlacht gegenüber einem Journalisten. Der Satz findet sich in dem amerikanischen Magazin "Life" vom 12. Februar 1940, das gleich zwei Reporter vor Ort schickte.

Überhaupt war Finnland regelrecht überfüllt von Auslandskorrespondenten - seit September war Krieg in Europa, doch die Kampfhandlungen fanden nun primär in dem nordeuropäischen Land statt und die Journalisten trugen die Kunde von David gegen Goliath in die Welt.

Am 13. März 1940 unterschrieb der finnische Ministerpräsident Risto Ryti einen Friedensvertrag in Moskau und trat einige Gebiete ab - die Grenze bei Suomussalmi blieb jedoch bestehen.

Die Schlagkraft des Stalin-Reichs wurde daraufhin wie bereits erwähnt von Alliierten wie Deutschland als sehr gering eingestuft, und stärkte in Berlin den Entschluss zum deutschen Angriff, in der NS-Propaganda verbreitet wurde auch nach 1941 die Ideologie, die Sowjetvölker beständen aus "Untermenschen".

Bezeichnenderweise kamen in Finnland jedoch weder die später gefürchteten Katjuscha-Raketen noch die berüchtigten Panzer T-34 zum Einsatz, wohl aber in der Auseinandersetzung mit Japan in der Mongolei im August 1939, was vermutlich von der sonstigen Weltöffentlichkeit nicht bemerkt wurde. Stalin analysierte die Fehler ausgiebig mit seinen Militärs und zog Schlüsse aus dem ersten Krieg bei arktischen Bedingungen mit moderner Ausrüstung.

Im Jahre 1941 wirkte Finnland als Bündnispartner Deutschlands beim Angriff auf die Sowjetunion und wechselte im September 1944 die Seiten, vertrieb die Deutschen aus Lappland und konnte so erneut einer Okkupation durch die Sowjetunion entgehen. Allgemein einte der Winterkrieg das Land, das nach dem Bürgerkrieg 1918 zwischen den besiegten Roten und den siegreichen Weißen innerlich zerrissen war. Allerdings wurden auf Druck der Sowjetunion die Verantwortlichen für das Bündnis in einem Tribunal zu Haftstrafen verurteilt, darunter war auch der ehemalige Ministerpräsident Risto Ryti.

Zurückhaltung gegenüber dem großen Nachbarn war nun die Strategie, vergangene Feindseligkeiten wurden im Nachkriegsfinnland nicht laut besprochen. Staatspräsident Urho Kekkonen bezeichnete den Winterkrieg 1973 als "unnötig". Erst mit der anstehenden Wende im Ostblock gerieten die Schlachten und Veteranen mehr in die Öffentlichkeit und wurden geehrt, der Film "Talvisota" (Winterkrieg) galt damals als aufwändigste Produktion des Landes.

Im Jahre 2014, zum 75. Jahrestag, erschien der Konflikt an Aktualität zu gewinnen - Finnlands Schüler hatten ein großes Bedürfnis, mit ihren Geschichtslehrern über ihre Ängste zu sprechen, berichtet das finnische Staatfernsehen "YLE". Damals sah man dort angesichts der Krim-Annektion und Lufthoheitsverletzungen durch russische Flugzeuge in Finnland eine Parallele zum Kriegsbeginn im November 1939.

"Die Schlachten des Winterkrieges waren eine Heldengeschichte, die Finnland die Möglichkeit gab, eine andere Geschichte zu schreiben", sagte Finnlands konservativer Staatspräsident Sauli Niinistö in der letzten Woche.

Der Winterkrieg in Russland

Die Sowjetunion fokussierte ihren Blick auf die Zeit nach dem Angriff Deutschlands 1941, Kampfhandlungen davor waren als Thema tabuisiert. In den Neunziger Jahren öffnete man sich in Russland, aber auch in der Ukraine dem Thema und es wurden Mahnmale in Finnland errichtet, die an die Gefallenen erinnerten. Der damalige Präsident Boris Jelzin nannte 1994 den Angriff der Sowjetunion auf Finnland im Jahr 1939 ein "Verbrechen". Auf der anderen Seite wurden in Russland die Verhältnisse in den finnischen Kriegsgefangenenlagern in Karelien besprochen, wo 18.000 Rotarmisten gestorben sein sollen.

Durch Putin wurde in Russland die Sowjetunion rehabiltiert und damit auch ihr altes Denken aktiviert - in den aktuellen kurzen Zeitungsberichten zum Jubiläum wurde darauf verwiesen, dass Ende November 1939 finnische Soldaten auf sowjetische Grenzer das Feuer eröffnet und so den Konflikt provoziert hätten, auch wurde behauptet, dass es sich bei Finnland 1939 um einen faschistischen Staat handelte, in dem es eine Entsprechung der deutschen SS gegeben hatte.

Das Militärmuseum in Moskau twitterte gar, dass Finnland den Krieg angefangen hatte - der Winterkrieg scheint weiterhin etwas Unverdautes für das offizielle Russland zu sein.

Derzeit zeichnen sich in Finnland Bemühungen ab, dem russischen Nachbar den Winterkrieg zu vermitteln, so wurden Studenten aus St. Petersburg eingeladen, die Bunker der Mannerheimlinie zu besuchen, auch wurden Kämpfe nachgespielt. Die Verteidigungsanlagen sollen in Zukunft als Touristenziel beworben - und hoffentlich nicht mehr gebraucht werden. (Jens Mattern)