Der Morgen danach

Nüchterne Gedanken über Israel und Palästina zu Zeiten eines künftigen Friedens

Man stelle sich vor: Israel unterzeichnet mit den Palästinensern und all seinen Nachbarn einen Friedensvertrag, die Normalisierung der Verhältnisse wird gegenseitig garantiert, der Konflikt ist beendet. Ist dann alles anders?

Dieses Szenario wurde einem Buch vorangestellt, das kürzlich in Israel erschienen ist - "The Morning After: the Era of Peace - Not Utopia". Die Verfasser, alles neue Namen, junge Wissenschaftler aus verschiedenen Disziplinen, zwischen 30 und 40 Jahre alt, darunter viele Doktoranten, zeichnen ein eher pessimistisches Bild, eins, das zumindest nicht die hochgesteckten Erwartungen erfüllt, die man sich in manchen Teilen der israelischen Gemeinschaft von einem friedlichen Zusammenleben zwischen Israelis und Palästinensern verspricht.

Es würde zunächst und für längere Zeit ein kalter Friede sein, so das Fazit des Buches. Die Versöhnung zwischen den beiden Konfliktparteien würde dauern und die reichen "Friedensdividenden", die vor allem auf Seiten der Linken in Aussicht gestellt würden, würden wahrscheinlich ziemlich begrenzt sein.

Der kalte Friede, so ein Doktorant der "Defense Studies", sei die Voraussetzung für einen warmen. Bis dahin wird Israel seine militärische Macht, seine militärischen Möglichkeiten zur Abschreckung, beibehalten müssen - nicht nur aus Misstrauen, sondern weil es in der Region weiterhin Instabilität und Gewalt geben werde. Die israelische Armee müsse sich jedoch neu formieren, was u.U. noch größere Löcher ins nationale Budget reißen könnte, während man gleichzeitig erwarten würde, dass nun endlich Mittel frei würden für andere Felder wie etwa Gesundheit, Bildung und Beschäftigungspolitik.

Die Frustration unter denen, die sich von einem Frieden genau diese "Dividenden" versprächen, wäre groß. Harte innenpolitische Konflikte sehr wahrscheinlich, selbst wenn sich die wirtschaftliche Situation verbessern würde, weil die Kosten der Besatzung wegfallen würden. Zwar würde sich der relative Anteil der Verteidigungsausgaben verringern, trotzdem würde der Umbau der Armee absolut gesehen nach wie vor eine große Geldsumme verschlingen: bei weniger Akzeptanz durch die Bevölkerung für solche Ausgaben in Friedenszeiten. Darüberhinaus würde die Öffentlichkeit sehr viel weniger Verständnis für den Militärdienst aufbringen, was zu einer Veränderung des Militärdienstes führen könnte und - in jedem Fall - zu einer schärferen öffentlichen Wahrnehmung der Armee.

Etwas optimistischer beurteilt Dr Hashai, ein Doktor der Wirtschaftswissenschaften, die ökonomische Lage nach dem Friedenschluss: schon die Tatsache, dass der Konflikt beendet sei, würde das wirtschaftliche Klima verbessern und die Konjunktur ankurbeln. Gelder von ausländischen Investoren würden wieder ins Land strömen. Es werde neue Möglichkeiten der wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit arabischen Nachbarländern geben, ein Potential, das mehrere Milliarden Dollars umfassen könnte.

Allerdings hängt es von der Qualität des Friedens ab, ob solche Prognosen einer prosperierenden Zukunft Wirklichkeit werden. Ein Faktor, der diesen Prozess große Schwierigkeiten bereiten könnte, ist die wirtschaftliche Überlegenheit Israels. Das könnte dazu führen, dass israelische Großfirmen Fabrikationsanlagen in arabischen Nachbarländern aufstellen, was dort als wirtschaftlicher Imperialismus empfunden würde, im besten Falle neue Arbeitsplätze schaffen würde, Arbeitsplätze allerdings, die den schwächeren Sektoren der israelischen Wirtschaft fehlen würde.

Starke soziale Spannungen wären das Ergebnis nicht nur dieses Aspektes. Ein prosperierendes Israel, das wirtschaftlich eng mit seinen arabischen Nachbarländern zusammenarbeitet, würde viele Gastarbeiter beschäftigen, was es zu einem multinationalem Land machen würde. Die düsterste Prognose geht von mehr als 400 000 Gastarbeitern bei 300 000 israelischen Arbeitslosen aus. Das Land könnte dann von ethnischen Konflikten heimgesucht werden, die zu Formierung von rassistischen Gruppen führen könnten. Das Image von Israel als demokratischer Staat stünde vor einer "großen Herausforderung", so Harshai.

Ein Friedensabkommen würde noch lange keine historische Versöhnung zwischen Palästinensern und Israelis bedeuten, schreibt ein Jurist, Ilan Saban, zugleich Aktivist einer Menschenrechtsorganisation. Die Unzufriedenheit mit dem Abkommen, sei es in radikalen panarabischen Gruppierungen oder in religiösen rechten israelischen, werde weiterhin für interne Spaltungen und terroristische Aktivitäten sorgen. Ein stabiler Friede sei auf Jahre hinaus nicht gesichert. Große Spannungen werden auch im Verhältnis der Israelis mit ihren arabischen Staatsbürgern erwartet. Die israelischen Araber würden sich auf keinen Fall mehr mit ihrem Status als inferiore Minderheit zufrieden geben. (Thomas Pany)