Der Lehrling des Zauberers

Auch wenn sich die Technik weiter verselbständigt, bleiben wir verantwortlich.

In Walt Disneys "Fantasia" gibt es eine beeindruckende Stelle. Mickey Mouse, der den Lehrling des Zauberers spielt, ist mit dem Putzen der Werkstatt beschäftigt. Er stellt sich vor, daß er sich die Arbeit ein wenig leichter machen könnte, wenn er einen Zauberspruch aus dem Buch seines Meisters liest und so den Besen dazu veranlaßt, einen Eimer zu nehmen und selbstständig zu putzen. Mickey lenkt dann den Besen fröhlich, indem er Zeichen mit seiner Hand macht.

Dann entgleitet der Besen aber seiner Herrschaft. Mickey kann ihn nicht mehr zum Halten bringen. In Panik nimmt er eine Axt und zerschlägt den Besen in Hunderte von winzigen Teilen. Aber jedes Teil wird durch eine für den Lehrling unverständliche Kraft wieder in einen winzigen Besen verwandelt. Die Phantomarmee beginnt ihn zu jagen. Die ganze Werkstatt versinkt im Chaos und wird gerade von Flammen und Wasserfluten zerstört, als der Meister aufwacht, um die Krise zu lösen.

Viele Menschen glauben, daß unser Verhältnis zur Technologie genauso passiv sei wie Mickeys zum magischen Besen. Wir haben das in Bewegung versetzt, weil wir hoffen, dadurch unsere Arbeiten etwas einfacher zu machen, werden sie sagen. Aber jetzt hat die Technologie ihr eigenes Leben. Sie ist uns wie der Besen Mickeys aus der Herrschaft entglitten. Die Technologie wird sich mit oder ohne unsere Hilfe weiter entwickeln.

Abgesehen von einem göttlichen Eingriff auf Befehl der vier Reiter der Apokalypse ist die über die Welt spülende Veränderungsflut nicht aufzuhalten. Wir können ihr nur aus dem Weg gehen oder, was am besten ist, an der Fahrt Gefallen finden.

Auf der anderen Seite des Spektrums gibt es diejenigen, die glauben, die Technologie werde von den Menschen absolut beherrscht. Jede neue Entwicklung und deren Übernahme durch unsere Kultur stellen eine Entscheidung dar. Kein technologischer Fortschritt schreibt für unsere Zukunft irgendetwas vor, weil wir stets die Freiheit haben, dieses Mittel zu gebrauchen oder es nicht zu gebrauchen.

Erfindungen wie das Auto und die Autobahn scheinen dieser Ansicht zu widersprechen. Wir haben Autos aus einem Gefühl der Freiheit und der Bequemlichkeit heraus gekauft. Dadurch konnten sich die Vorstädte entwickeln, die dann die Städte veröden ließen, die Rassentrennung verstärkten, die Luftverschmutzung bewirkten, eine mächtige Ölindustrie schufen, zum Krieg wegen Kuweit führten und so weiter.

Obwohl die Technologie unsere Zukunft nicht absolut bestimmen mag, besitzt sie doch sicher die häßliche Angewohnheit, sie in die eine oder andere Richtung zu stoßen. Das heißt nicht, daß wir einräumen müßten, ein fremder und unabhängiger Geist besitze die Technologie, wie dies bei Mickeys magischen Besen geschah. Wenn wir unseren Maschinen ein Leben und einen eigenen Willen verleihen, nehmen wir der Menschheit jede Möglichkeit, sie zu steuern. Wir lassen passiv so etwas wie den "Marktkräften" oder der "Evolution" die Verantwortung für das Schicksal der Menschen übernehmen. Wir weigern uns, unseren eigenen Anteil bei der Aufnahme neuer Technologien, der Ausbeutung bestimmter Ressourcen und der Gestaltung der globalen Ökonomie zu erkennen.

Den Ausdruck des Geistes und der Natur in unserer Technologie sehen zu können, ist eine tolle Sache. Für mich wuselt das Internet von Leben, ist voller Gedanken und bestätigt einige sehr grundsätzliche Naturgesetze. Aber diese wunderbare Belebung kommt von uns. Wir sind das Leben, das durch die Adern der Datensphäre strömt.

Zumindest sind wir aktive Teilnehmer, die das Recht besitzen, wann immer wir wollen, in die Technologie einzugreifen. Jeder technologische Sprung ist aus einer klaren Entscheidungsphase hervorgegangen, in der man die Protokolle festgelegt, die Interfaces gestaltet, die Standards angenommen und die Software vermarktet hat.

Wer von uns relativ neu in der Welt der Computer ist, also jeder, der nach den 70er Jahren dazugekommen ist, mag den Eindruck haben, als hätten sich die Laptops nach irgendwelchen vorherbestimmten Naturgesetzen selbst ausgesät. Aber das stimmt nicht.

Doch selbst wenn die PCs sich auf unseren Schreibtischen wie Pilze vermehrt hätten, wäre das kein Grund, an ihrer Evolution nicht teilzunehmen. Menschen sind auch ein Teil der Natur. Genauso wie wir die Landwirtschaft entwickelt haben, um die Vegetation zu fördern, die für das menschliche Leben nützlich ist, können wir die Technologie in Richtungen lenken, die menschliche Werte begünstigen.

Wie automatisiert unsere Technologie auch werden wird, so sind unsere Computer, Satelliten und Telekommunikationsnetze keine lebendigen Kräfte mit einem eigenen Willen. Wir haben sie zumindest mit einem teilweisen Verständnis ihrer Funktionen gebaut.

Wenn wir die Auswirkungen unserer Erfindungen auf uns nicht gänzlich vorhersehen können, so ist das kein Grund, um leugnen zu können, daß wir noch immer in der Pflicht stehen, sie jetzt nach unseren Möglichkeiten zu verändern. So hätte es Augustinus fordern können, wenn er die moderne Technologie gekannt hätte: "Verzweifle nicht: Wir sind keineswegs nur Lehrlinge. Aber glaube nicht, daß es auch keinen Zauberer gibt, der uns zu retten vermag."

Aus dem Englischen übersetzt von Florian Rötzer (Douglas Rushkoff)