"Der Krieg hat die Partei restlos in eine Sackgasse getrieben"
Karl Liebknecht im Dezember 1918, hinter ihm der Sozialdemokrat Otto Wels. Bild: Bundesarchiv, Bild 183-H25212 / CC-BY-SA 3.0
Beobachtungen einer Russin in Berlin. Auszüge aus dem Tagebuch von Alexandra Kollontai aus dem Sommer 1914 (Teil 3)
15. August.
Wie ich mir gedacht habe, kommt und kommt keine Hilfe von der deutschen Partei. Der Vorwärts brachte am 6. und 7. eine Notiz, dass die schändliche Hetze gegen Ausländer aufhören müsse, dass unter ihnen Genossen, besonders russische, seien. Das ist alles, was im Vorwärts zu finden war.
Wir – Buchholz, Tschchenkeli und ich – entschließen uns, zu dritt zu Haase zu fahren, um uns in drei Punkten mit ihm einig zu werden. Erstens: Besteht Hoffnung, dass die Russen aus Deutschland herausgelassen werden? Wenn nicht, was kann die Partei tun, um den Genossen zu ermöglichen, nach Russland zu gelangen? Zweitens: Was unternimmt die Partei, um die russischen Sozialisten vor Pogromen zu bewahren? Drittens – abermals das Geldproblem.
Haase war diesmal richtig im Zuge, als er uns empfing. Er war guter Dinge und sagte wiederum mit verschmitzt-selbstzufriedenem Lächeln: "Oh, jetzt rechnet man mit uns! Jetzt kommen Sie ohne uns nicht aus!"
Teil 1: "Gestern noch schien der Krieg ein Alptraum, heute fühle ich seine Wirklichkeit"
Teil 2: "Was nun kommt, haben die Mauern des Reichstages noch nicht erlebt!"
"Doch im Vorwärts hat bis jetzt noch keine Notiz über die Repressalien gegen die russischen Sozialdemokraten gestanden", gemahne ich Haase.
"Was soll man da machen! Die Militärzensur! Die Redaktion wartet auf eine günstige Gelegenheit."
Auf Tschchenkelis Frage nach der Möglichkeit, nach Russland auszureisen, gab Haase eine unerfreuliche Antwort. Man werde wohl kaum Männer im wehrfähigen Alter vor Kriegsende hinauslassen. Doch was hätten die Russen eigentlich zu befürchten? Schließlich seien die Deutschen doch keine Barbaren.
Tschchenkeli versuchte, Haase klarzumachen, warum es ihn eigentlich so sehr nach Russland zieht. Haase war auf einmal ganz Ohr.
"Glauben Sie, dass die Sozialisten den Augenblick nutzen und in Russland einen Protest gegen den Krieg auslösen könnten? Halten Sie Aufstände für möglich?"
Mir behagte dieses plötzliche Interesse nicht, mit dem er uns derartige Fragen stellte. Vielleicht nimmt er an, dass die russischen Sozialisten vorhaben, den Kaiser zu unterstützen?
Tschchenkeli erklärte, wie er sich die Arbeit in Russland vorstelle – Sammlung der gesellschaftlichen Kräfte um die Aufgaben des Krieges und Ausnutzung des Patriotismus für den Kampf gegen die Selbstherrschaft.
Haase hörte Tschchenkeli zu und wurde merklich kühler. Am Ende entbrannte ein Streit über Belgien und Frankreich. Haase suchte zu beweisen, dass die Ursachen des Krieges in der widernatürlichen Allianz des republikanischen Frankreichs mit dem monarchistisch-autokratischen Russland liege und Frankreich nun die Früchte seiner grundfalschen Politik ernte.
Als ich versuchte, Haase an die französischen Arbeiter zu erinnern, machte er ein betrübtes Gesicht, wehklagte über die Schwäche der Internationale und erwähnte, dass die französischen Sozialisten für die Kriegskredite gestimmt haben. Die Wand zwischen uns wächst immer mehr in die Höhe …
Wir berichteten Haase, dass die russischen Genossen in unerträglicher Nervenanspannung leben und jederzeit Pogrome erwarten. Da kam wieder Leben in Haase.
"Ja, ja, das wissen wir. Glauben Sie nur nicht, der Vorstand hätte die russischen Genossen vergessen. Obwohl wir mit Arbeit überhäuft sind, haben wir gestern diese Frage erörtert. Und der Vorstand hat beschlossen, im Parteigebäude in der Lindenstraße in zwei leeren Büroräumen Betten aufstellen zu lassen und diese Räume bereitzuhalten. Im Falle eines Pogroms können die russischen Genossen dort sichere Zuflucht finden. Das Haus der Sozialdemokratischen Partei zu demolieren werden die besessenen Patrioten niemals wagen. Die Behörden wollen uns auch keine Unannehmlichkeiten bereiten, folglich werden Sie dort in Sicherheit sein. Der Vorstand hat schon die Mittel für den Kauf von vierzig Betten sowie von Waschbecken bewilligt. Wie Sie sehen, vergessen wir unsere internationalistische Pflicht nicht."
Tschchenkeli und Buchholz waren mit diesem Beschluss vollauf zufrieden, doch mir schien er utopisch zu sein. Wenn tatsächlich Pogrome begännen, wie sollten die Genossen dann die vorgesehene Zufluchtsstätte erreichen? Und war es zudem so wichtig, einen Unterschlupf zu finden? Meiner Meinung nach ging es um etwas ganz anderes: Wir hatten einen offenen Protest der deutschen Partei gegen Pogrome erwartet. Tschchenkeli fand, dass man das jetzt nicht verlangen könne und dass ich "in höheren Regionen schwebe".
17. August.
Liebknecht ist furchtbar niedergeschlagen. Die Zeitung hat ein Bild von Karl gebracht, wobei man allerdings zu dem echten Foto eine Uniform dazu montiert hat. In einer Notiz dazu heißt es, Liebknecht habe sich als Freiwilliger an die Front gemeldet. Welche Niederträchtigkeit! Und vor allem, man kann es nicht dementieren.
Liebknecht rechnet damit, dass er eingezogen wird. "Sollte das geschehen, werde ich mich zu den Sanitätern melden", sagt er.
Er hat einen geradezu körperlichen Widerwillen dagegen, die Rolle eines Kämpfers gegen seine Genossen, französische oder russische Proletarier, spielen zu sollen.
Die deutsche Partei aber gleitet immer tiefer in den Chauvinismus ab. Gibt es die Partei eigentlich noch? Es gibt ein "einiges Deutschland" …
Dunkle Gerüchte darüber, was in Belgien geschieht, dringen zu uns durch. Die Zeitungen sind eine einzige Prahlerei, ein Sieg nach dem anderen.
"Erinnern Sie unsere Zeitungen nicht auch an Zirkusplakate? Kein Tag ohne neuen Sieg, und nicht einfach ein Sieg, sondern ein ,überwältigender, grandioser', beispielloser Sieg. Haargenau wie auf einem Zirkusplakat für eine Galavorstellung", bemerkt Liebknecht bitter.
Nur mit ihm ist mir noch leicht zumute. Steht doch auch bei den Unsrigen (in der Kolonie) der "Patriotismus" auf der Tagesordnung, und zwar mit jedem Tag deutlicher und heftiger.
Sozialdemokratie in Sackgasse und "nicht mehr schöpferisch"
23. August.
In den ersten Tagen quälte mich das Bewusstsein, dass die deutsche Partei zerschlagen ist, dass ihr Ansehen nach einem solchen Verhalten für immer ruiniert sein wird.
Jetzt sehe ich das anders. Mir scheint, dass es so eigentlich besser ist – historisch gesehen. Die Sozialdemokratie war in eine Sackgasse geraten, sie ist nicht mehr schöpferisch gewesen. Alle ihre Aktionen waren schablonenhafte Wiederholungen. Sie war in festgefahrenen Formen erstarrt, ihr fehlte der "lebendige Geist", es gab keine Weiterentwicklung mehr. Die Macht der Tradition, der Routine hatte begonnen.
Mich hat die ganze Zeit über verblüfft, dass in der Partei keine neuen großen Führerpersönlichkeiten in Erscheinung treten. Das ist ein Zeichen von Stillstand. Die Zeit des Schöpfertums, des Suchens bringt stets markante Persönlichkeiten hervor.
Vor zwanzig, dreißig Jahren machte die Sozialdemokratische Partei ihre eigene Politik, und wie viel große Führer gingen damals aus ihr hervor! In den letzten Jahren hingegen niemand. Eine schöpferische Persönlichkeit tritt dann in Erscheinung, wenn es ein Betätigungsfeld für schöpferisches Wirken, wenn es Raum für den "Geist" gibt. In diesem so bürokratisch gewordenen Milieu jedoch fürchtet man sich inzwischen sogar vor unverbrauchten Gedanken. Gott behüte, nur keine "Kritik". Was der Vorstand beschlossen hat, ist geheiligt.
Es war nur natürlich, dass die Massen, nicht mehr gewohnt, selbständig zu denken, abzuwägen und sich ein Urteil zu bilden, nach Ausbruch des Krieges treu und brav auf die "Parole" warteten! Sie belagerten die Ortsvereine – was war zu tun? In den Ortsvereinen wartete man indessen ebenfalls – darauf, was der Vorstand sagen würde. Der Vorstand selbst aber hatte den Kopf verloren. Auch er war "Überraschungen" nicht gewöhnt.
Ich erinnere mich an die Abende im Café Josty, in Gesellschaft von Heine, Frank und Stampfer – des vielversprechenden "Nachwuchses". In Wirklichkeit waren sie unglaublich fad und gesetzesfürchtig, folgten sie in allem dem Vorstand. Ohne diesen Gehorsam, ohne diese "Rechtschaffenheit" konnte man in der Partei keine Karriere mehr machen.
Liebknecht wurde umgangen. Und Rosa? Vor ihr hat der Vorstand ein bisschen Angst gehabt und sie deshalb, wo immer es nur ging, ferngehalten. Jene "Vertreter des Proletariats" hingegen, die Karrieristen, die für die Klasse niemals auch nur das geringste geopfert haben, hätschelte der Vorstand. Sie wurden als Kandidaten für den Reichstag aufgestellt, als Delegierte zu den Parteitagen gewählt.
Mich erinnern diese "vielversprechenden" Frank und Stampfer an die "Opferpriester" aus der Zeit des Niedergangs des Heidentums. Da sitzen sie des Abends im Café Josty und lästern … Diese "Vielversprechenden" brauchten die Partei als Sprungbrett für einen Abgeordnetensitz. Die Arbeiterbewegung? Sie "macht einen revolutionären Prozess durch", und die Politik ist im Grunde nichts weiter als ein Spiel. "Alles für die Menge … Wir sind klüger. Und deshalb nehmen wir vor allem unsere persönlichen Interessen wahr." So mögen diese kläglichen Karrieristen des Sozialismus gedacht haben. Und davon gab es immer mehr. Keine Selbstlosigkeit, kein qualvolles Suchen nach neuen Wegen, kein ungeduldiges Vorwärtsdrängen der Parteiführer, sondern eine bürokratische Maschinerie, die Vorsicht, Disziplin und schematische Organisation predigte. Wie hätte eine solche Partei dem Krieg Widerstand entgegensetzen können? Wie hätte sie angesichts der Gegenmacht des "patriotischen" Begeisterungsrausches die Flinte nicht ins Korn werfen sollen?
Der Krieg hat die Partei restlos in eine Sackgasse getrieben, auf dem Wege dorthin war sie allerdings schon vor dem Krieg.
Doch vielleicht kommt es gerade jetzt zur Überprüfung, setzt gerade jetzt Kritik ein und mit ihr Schöpfertum?
Schmerzlich und ärgerlich waren die ersten Tage. Inzwischen fühle ich, dass es so kommen musste. Und dass es besser so ist. Etwas Neues muss her. Eine Neubewertung aller Werte! Dann wird die deutsche Sozialdemokratie nicht mehr mit ihrem unwahrscheinlich schwerfälligen bürokratischen Apparat und ihrer "Mustergültigkeit", an der wir langsam erstickt sind, auf der Arbeiterbewegung der ganzen Welt lasten …
24. August
Frau Stube war bei mir, still und traurig. Ich wollte sie nach dem Grund fragen, traute mich aber nicht. Sie fing von selber an:
"Gestern habe ich einen Brief von meinem Sohn bekommen. Er ist verwundet, schreibt aus dem Lazarett. ,Mutter, mach Dir keine Sorgen, die Wunde ist nicht gefährlich … ' Den Brief hat aber jemand anders geschrieben. Er bittet um Geld."
Sie weinte nicht. Der Gram hat die Qualen des Wartens abgelöst. Nun ist es also geschehen. Doch von der Demonstration der Mütter sprach sie nicht mehr.
Als sie weg war, bin ich zu Genossin B. gefahren, einer echten Proletarierin. Sie hat sich immer durch gesunden Menschenverstand ausgezeichnet. Wird etwa auch sie kein Verständnis aufbringen?
Bei B. waren einige andere Genossinnen. Sie alle wollten schnellstens dem "Aufruf" folgen, Hilfe für die vom Krieg betroffene Bevölkerung zu organisieren.
Eine Demonstration gegen den Krieg? Unmöglich!
Ich brachte die Sprache auf die Notwendigkeit einer Arbeiterinnendemonstration. Mögen die Männer ihre Stimme abgegeben haben, die Mütter sollen auch ein Wort mitreden!
"Eine Demonstration? Jetzt? Gegen den Krieg?" Verwunderte, misstrauische Blicke.
"Das ist unmöglich … Wo doch der Kriegszustand herrscht … Die Massen werden es nicht begreifen … "
Mich bedrückt das Bewusstsein, dass die internationale proletarische Solidarität zerbrochen ist. Was soll nun werden?
"Wir könnten wenigstens ein Manifest herausbringen, unsere ablehnende Haltung zum Krieg darin bekunden und an die Solidarität erinnern; wir könnten gegen die Pogrome protestieren, gegen die Gräueltaten, gegen das Wüten des Chauvinismus, könnten nach Frieden rufen."
"Das geht nicht. Die Gleichheit ist beschlagnahmt. Bei Clara Zetkin hat eine Haussuchung stattgefunden. Der Krieg ist eine Tatsache. Daran ändern auch keinerlei Manifeste oder Aufrufe etwas. Alles, was die Frauen jetzt tun können, ist, die Lage der vom Krieg betroffenen Bevölkerung zu erleichtern, Verpflegungsstellen und Lazarette einzurichten, in Hilfsgemeinschaften mitzuarbeiten."
"Das ist aber doch gerade das, was die Bourgeoisie predigt. Sie haben vor, in der Richtung tätig zu sein, wie sie das Rote Kreuz anstrebt."
"Das Rote Kreuz tut jetzt nützliche Dinge", mischte sich B. belehrend in das Gespräch ein. "Jetzt ist nicht die rechte Zeit, um politische Rechnungen zu begleichen. Deutschland muss gerettet werden. Es hat zu viele Feinde und Neider. Sie können Deutschland seine zu raschen wirtschaftlichen Erfolge nicht verzeihen. Wir schließen bewusst vorübergehend einen Waffenstillstand mit der Bourgeoisie. Das bedeutet jedoch nicht, dass wir uns von unseren Idealen losgesagt hätten. Sie haben ja gesehen, wie wir den Metallarbeiterstreik durchgeführt und gewonnen haben. Mit einzelnen Unternehmern schließen wir keinen Frieden. Doch vor dem Feind muss Deutschland einig sein."
Mathilde W., die noch unlängst zu den Radikalen gehört hatte, suchte mir die "Nützlichkeit" der Arbeit in den sogenannten Damenkomitees mit allen möglichen "Prinzessinnen" und "Gräfinnen" zu beweisen. Die "Prinzessinnen" bekämen dort "Respekt" vor den Arbeiterinnen. Und die Arbeiterinnen lernten in diesen wohltätigen Organisationen, "Eigeninitiative" an den Tag zu legen – was könnte es wohl Besseres geben?! Zugegeben, die Not der Proletarier wachse mit jedem Tag, der Hunger werde täglich schlimmer. Doch die Stadtverwaltung habe bereits ein Hilfsprogramm aufgestellt. Die Soldatenfrauen bekämen mehr Unterstützung, den Familien der Einberufenen seien ihre Wohnungen sicher. Mit einem Wort, das kämpfende Deutschland schaffe sich beinahe ein "sozialistisches Paradies".
"Doch die Arbeiterinnen verlangen schon jetzt Frieden!"
"Ja, sie haben mit dem Krieg nichts im Sinn, doch das kommt daher, weil sie ihn noch nicht begriffen haben. Für den Frieden können wir kämpfen, wenn wir uns gegen einen Einfall der russischen Truppen gesichert haben. Sie dürfen eines nicht vergessen – ein Sieg des Zarismus würde die Zerschlagung der Sozialdemokratie bedeuten." Als ob sie nicht ohnehin schon zerschlagen wäre! So trennten wir uns denn – kühl, ohne einander verstanden zu haben.
Ich will keinen Sieg Russlands! Warum wollen sie eigentlich den Sieg des Kaisers?
Liebknecht machte sich über mich lustig: "Wenn Sie die Niederlage Russlands wünschen, sind Sie eine schlechte Internationalistin! Nicht minder wünschenswert ist eine Niederlage Deutschlands."
Also soll man sich die Niederlage beider wünschen? Nur, wie soll das möglich sein?
31. August. Abends.
Ich bin spät nach Hause gekommen. musste mich für einen Verhafteten einsetzen und habe dann noch einen kranken Genossen besucht.
Ich bin durch den Grunewald gegangen. Er ist jetzt ganz verlassen, wie ausgestorben. Dabei war es ein wundervoller Sommerabend, lau, voller Wohlgerüche.
Ich traf Sofja Borissowna und Karl Liebknecht an. Sofja kommt jetzt oft auf einen Sprung zu uns. Sie sucht gewissermaßen unsere Nähe. Zu den "Patrioten" haben sie keinen Kontakt. Liebknecht sieht erschöpft aus, überanstrengt. Ihm droht die Einberufung.
Unter den Genossen gibt es bereits Gefallene.
Wir sprechen darüber, in welcher Form die Internationale wiedererstehen soll, sprechen von der Zukunft des Antimilitarismus. Mit Kautsky ist es hoffnungslos. Wurm ist "Patriot". Ledebour hält sich vorerst noch. Aber Karl meint, je länger der Krieg dauere, um so weniger nüchterne Köpfe würde es geben.