Der Hackertourist

Neal Stephensons Bericht über seine Reise über drei Kontinente zu den Landestellen des Unterseekabels FLAG

Atomkraftwerke, Schaltzentren, Hochfrequenzradioanlagen, verlassenen Raketenbasen, Landestellen und Bodenstationen von Überseekabeln ziehen den technophilen Hacker-Touristen magisch an. Die Reisenden zeigen sich fasziniert von rostendem Stahl und - weniger fotogen - verrotteten Kabelisolierungen. Per Mundpropaganda werden Tips von noch zu besichtigenden Anlagen in aller Welt weitergegeben. Neal Stephenson folgte der Route des Unterseekabels FLAG, dem ersten rein privat finanzierten Unterwasserglasfaserkabel. Dabei besuchte er Thailand, Ägypten, Honkong und Japan und England, um einige Landungsstationen des Kabels zu besuchen.

Hochleistungskabel sind der Rohstoff für den Telekommunikationsmarkt. Wer über die Kabel frei verfügen kann, bestimmt die Preisgestaltung. In Deutschland müssen mehr als 75 Prozent der Internetleitungen von der Deutschen Telekom AG angemietet werden. Ab 1998 wird soll dies anders werden. Am effektivsten können inländische Tarifmonopole über ausländische Billigangebote aufgebrochen werden. Internationale Leitungskapazitäten gewinnen daher im nationalen Wettstreit zunehmend an Bedeutung.

Das spektakulärste Verkabelungsprojekt ist das 1,5 Milliarden Dollar teure FLAG. Bereits Ende 1997 wird es mit einer Gesamtkapazität von acht Gigabit pro Sekunde beziehungsweise 120 000 Gesprächskanälen und 28 000 Kilometer Länge in Betrieb genommen werden. Jedoch gilt es schon heute durch den exponential angestiegenen Kapazitätsbedarf als unterdimensioniert. Für die Konkurrenten der Telekom ermöglicht es jedoch rechtzeitig zur Marktöffnung einen Innovationsschub. Für die Telekom verschlechtert sich damit die Möglichkeit, über Mietpreise die konkurrierenden Angebote zu steuern. SEA-ME-WE 3, an dem die Telekom beteiligt ist, wird erst Ende 1998 komplett verlegt sein. Erst Ende April dieses Jahres wurde ein Kabel-Deal mit der Alcatel SEL AG bekannt, der die Angst der traditionellen Telekomgesellschaften vor FLAG zeigt: Deren Kabelprojekt SEA-ME-WE 3 soll um einen 11 000 Kilometer langen Bogen von Singapur bis Japan erweitert werden. Das Kabel verläuft dann fast auf derselben Route wie FLAG.

Under the sea,
Under the sea,
Mark how the telegraph motions to me,
Under the sea,
Under the sea,
Signals are coming along,
With a wag, wag, wag;
The telegraph needle is vibrating free,
And every vibration is telling to me
How they drag, drag, drag,
The telegraph cable along

Veröffentlicht wurde der erste Reisebericht eines Kabeltouristen in vier "wired"-Ausgaben, zuletzt in der Dezember-Ausgabe 1996. Mit 60 Din A4 Seiten beziehungsweise 245 kB gelang es Stephenson, den bislang längsten Artikel in "wired" zu veröffentlichen: Mother Earth Mother Board. Eine trockene Materie, ein seltsames Reisemotiv? Gespickt mit den merkwürdigen Details, eigenartigen Begegnungen, historischen Exkursen und denkwürdigen Einsichten in die Spielregeln globaler Telekommunikation wird der Reisebericht schnell zur faszinierenden Lektüre. Dabei wird der LeserIn ganz nebenbei ein schier enzyklopädisches Wissen über die Kunst des Kabelverlegens vermittelt.

Under the sea,
Under the sea,
No little signals are coming to me,
Under the sea,
Under the sea,
Something has surely gone wrong,
And it's broke, broke, broke;
What is the cause of it does not transpire,
But something has broken the telegraph wire
With a stroke, stroke, stroke,
Or else they've been pulling too strong.

1870 sandte Napoleon III. über das neuverlegte Kupferkabel zwischen Frankreich und England die ersten Grußworte an Königin Viktoria. Nur Stunden später war das Kabel tot. Ein französischer Fischer hatte das Kabel in sein Boot gehievt und sich ein Stück davon abgeschnitten. Die losen Ende warf er zurück ins Meer. Zwischen Fischern und Kabelleuten besteht seither eine grimmige Rivalität. Aber auch andere Unwägbarkeiten sorgten für Kommunikationsunterbrechungen. Alles denkbare wird inzwischen unternommen, um die Kabel vor ausgeworfenen Ankern und anderen Gefahren zu schützen. Als Landestellen für die High-Tech-Unterwasserkabel werden Küsten bevorzugt, die sehr schnell ins Meer abfallen und große Tiefen erreichen. Traditionelle Anlegestelle ist Porthcurno in Cornwall, England. Im Zweiten Weltkrieg wurden alle technischen Anlagen in einen extra in Granit geschlagenen Stollen verlegt. Deutsche Fliegerangriffe hätten sonst die Kommunikation über den Atlantik stillegen können. Heutzutage geht jedoch die Gefahr vor allem von den Fischern aus. Denn mittlerweilen erreichen Schleppnetze Tiefen von bis zu 2000 Metern. Miniroboter und Taucher graben daher die Kabel tief in den Seeboden ein, um sie vor Ankern und Netzen zu schützen. Der berüchtigte Toredo-Wurm machte sich schon zu Viktorias Zeiten mit Heißhunger über die Guttapercha-Isolationshüllen her. Eine teure Kupferummantelung schützt das Kabel inzwischen vor dem gierigen Gewürm. Zusätzlich werden die Kabel mit einem Kranz aus Stahlstäben vor Haibissen umgeben.

Under the sea,
Under the sea,
Fishes are whispering.
What can it be,
Under the sea,
So many hundred miles long?
For it's strange, strange, strange,
How they could spin out such durable stuff,
Lying all wiry, elastic, and tough,
Without change, change, change,
In the salt water so strong.

Zen oder die Kunst des Kabellegens. Stephenson zelebriert die Kunst, ein Kabel auf den Meter genau auf den Meeresboden zu verlegen. "Slack-Control" ist das Zauberwort. Investoren erwarten, daß ein Kabel möglichst plan und exakt auf einer optimalen Route verlegt wird. Jeder Meter Kabel geht in die Tausende Dollar. Wird das Kabel zu schlaff auf dem Meeresgrund verlegt, so bilden sich schnell Schleifen, in denen sich Anker und Schleppnetze verfangen können. Ist es zu straff, so könnte es unter Belastungen reißen. Da der Kontaktpunkt auf dem Seeboden nicht selten 30 Kilometer hinter dem Kabelschiff liegt, ist es ein äußerst diffiziles Unterfangen, ein Kabel genau über dem Zielpunkt sinken zu lassen. Zwar wird heutzutage per Echolot der Seeboden genauestens ausgemessen, Seekarten wurden erstellt, um jede Unebenheit aufzuzeigen, doch das Verlegen selbst bleibt schwierig wie eh und je. Die Mannschaft muß bei jedem Wellengang die Geschwindigkeit des Schiffes sowie die Abspulgeschwindigkeit der Kabeltrommeln im Griff haben. Per Satellit und Global Positioning System wird die Schiffsposition kontrolliert. Abweichungen von kaum zehn Metern gehören zu den Glanzleistungen der Kabelleger.

Under the sea,
Under the sea,
There let us leave it for fishes to see;
Under the sea, under the sea,
They'll see lots of cables ere long,
For we'll twine, twine, twine,
And spin a new cable, and try it again,
And settle our bargains of cotton and grain,
With a line, line, line,--
A line that will never go wrong.

In der Welt der Kabelleger spielen Frauen keine Rolle. Abenteuerlustige Techniker und gerissene Geschäftsmänner pflegen als Pioniere der jeweils neuesten Technik das nomadenhafte Herumwandern entlang der weltumspannenden Kabel. Südostasien ist die Hochburg der globalen Vernetzung, Südamerika soll es in nächsten Jahrzehnt werden. Die Kabel werden über die Erdkruste verlegt, an den Verteilknoten Millionen von Computern und Telefonen angeschlossen. Das Kabelnetz des globalen Computers, von zahllosen Männern gesponnen, wächst unaufhaltsam. Die Erde wird zum Motherboard.

Die Gedichte aus: The Life of James Clerk Maxwell, by Lewis Campbell and William Garnett,The Sources of Science, No. 85, Johnson Reprint Corporation, New York and London, 1969, pp. 279-280. (Christiane Schulzki-Haddouti)