Der Geist von Ally McBeal

Kunst gibt es noch. Und unvermutet trieb sie ihr Unwesen in einer amerikanischen Fernsehserie über eine Anwältin in einer Kanzlei aus Boston

Heute Abend sendet Vox die letzte Folge der fünften Staffel der Serie Ally McBeal

Bilder: Vox (aus den ersten beiden Staffeln)

Also schön, Liebe ergibt keinen Sinn. Menschen verlieben sich aus allen möglichen verrückten Gründen und da erlassen wir keine Vorschriften. Aber sobald sie das Ehegelöbnis ablegen, sobald sie dieses Stück Papier unterschreiben und anfangen, Kinder zu bekommen, nehmen wir diese Sache ernst. Und wir nennen es eine Institution. Und dass dieser Mann rumläuft und jede Frau impft, die er zum Doktorspiel überreden kann, dass dieser Mann seinem sogenannten Leiden freien Lauf lässt, auf Kosten seiner Frau und seiner Kinder, dass dieser Mann um seine finanzielle und moralische Verantwortung herumkommt, weil er einen Schmierenanwalt und einen dreckigen Seelendoktor gefunden hat, die ihn für behindert erklären, dass dieser Mann vor Gericht spaziert und sich bescheinigen lässt, dass diese Frau nie verheiratet war, nachdem sie ein beispielhaftes Eheleben geführt hat, dass dieser Mann sagen kann, er sei süchtig nach Liebe, süchtig nach Sex, süchtig nach Betrug, Lügen, Untreue, dass dieser Mann reinkommt und seinen Penis präsentiert, als würde der ihn zu einem Behindertenparkplatz berechtigen...! Wie können Sie es wagen, Ihre Frau in eine so peinliche Lage zu bringen? Wie können Sie es wagen, Ihre Kinder hineinzuziehen? Wie können Sie es wagen zu leben, Sie Riesen-Arsch?!

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Dieses Plädoyer der Anwältin Ally McBeal gegen einen Mann, der auf Annullierung seiner Ehe wegen Unzurechnungsfähigkeit während der Eheschließung aufgrund von Sexsucht klagt, war die erste Szene, die ich beim üblichen Dienstagabend-Herumzappen von der gleichnamigen Fernsehserie gesehen habe und mir war sofort klar: Endlich gibt es im Fernsehen ganz normale ungeschönte Charaktere, die schwerlich den TV-Konsumenten als Vorbilder überfordern und so gar nicht zu den anderen Retortenbabies, Idealmenschen und Heroen-Klone aus den ansonsten eher auf leichte Verdaulichkeit bedachten amerikanischen Traumfabriken passen.

Außerdem haben alle eine mehr oder minder sympathische Klatsche, wie alle anderen vernünftigen Menschen auch. So durfte man fortan bis zum Beginn der dritten Staffel ein kleines Wunder im Fernsehen erleben: Kunst (also etwas, das die Welt in richtiger Weise sowohl als Komödie als auch als Trauerspiel darbringt, das ebenso schlau wie realitätsnah ist und nicht nur unterhält, sondern auch Erkenntnisse vermittelt, das Menschsein in Ansätzen erklärbar macht und es darüber hinaus fertig bringt, einen zu überzeugen, dass auf dem Planeten Erde menschliches Leben doch möglich ist) gibt es noch. Und zwar treibt sie unvermutet ihr Unwesen in einer amerikanischen Fernsehserie über eine Anwältin in einer Kanzlei aus Boston. Die ersten beiden Staffeln von "Ally McBeal" waren nicht wegen ihres exzentrischen Inhalts, der berüchtigten Special Effects, der eislaufenden Babys, der Voicecovers, der Unisex-Toilette, der kurzen Röcke und der magersüchtig überdrehten Aura der Calista Flockhart so grandios, sondern weil die Handlung und die Figuren trotz ihrer Überspanntheiten realistisch ( "Realismus bedeutet außer der Treue des Details die getreue Wiedergabe typischer Charakter unter typischen Umständen", so der nicht nur als Literaturtheoretiker bekannte Friedrich Engels) und kurzweilig waren und man nebenbei noch etwas über die Welt und sich selbst lernen konnte.

Dann passierte leider ein zweites Wunder: Die Serie stürzte aus dem Elysium, dem Himmelreich einer neuen Religion, welche den Dienstag zum Feiertag der Woche erklärt hatte, in den Sumpf normal-unbedarfter Fernsehunterhaltung. Kaum war aber ab der dritten Staffel die Serie trotz Robert Downey jr. auf das übliche TV-Soap-Faschings-Format herunter, konnte sich auch schon der Mainstream genau aus den falschen Gründen daran delektieren. So delirierte z.B. Josef Joffe in der ZEIT von Ally McBeal "als weiblichem Westernheld unserer Zeit" und Stefan Niggemeier betitelte seinen Artikel in der SZ über die Serie in kalauernder, süddeutscher Feuilletons-Unbedarftheit "Ally McFeel" und erklärte "warum wahre Gefühle in absurde Geschichten verpackt werden müssen". (Dafür gab es mehr als ein Jahr davor in Telepolis einen wunderbaren Artikel von Mercedes Bunz, vgl. Ally McBeal: Fernsehen für eine bessere Welt).

Die ersten beiden Staffeln der Serie aber waren nicht nur so bedeutsam, dass man viele der einzelnen Folgen auch als Theaterstücke auf die Bühne bringen und damit sämtliche deutsche Stückeschreiber bis auf die Knochen blamieren könnte. Sie passten auch in eine Zeit, in der sich die Menschen von tradierten, in abstrakte Moralprinzipien gegossenen Verhaltensmustern und Vorschriften, die im Laufe der Zeit zu Selbstverständlichkeiten erhoben worden sind, zu lösen beginnen, ohne dass automatisch neue Verhaltensmuster nachwachsen.

Heutzutage lebt man eben in einer Welt, die, sobald man das Haus verlässt, die eigene Integrität untergräbt, moralische Bedenken unwirksam macht und die gewollten Ziele stetig durchkreuzt, einen also ständig zwiespältigen Situationen aussetzt. Der polnische Philosoph Adam Schaff hat diesen Zustand permanenter Ambivalenz und seine Auswirkungen auf den tradierten Moralkodex wie folgt beschrieben:

Das Allheilmittel der moralischen Vorschriften erweist sich als machtlos, wenn es zu einem Zusammenstoß mehrerer, auf die Situation gleichermaßen anwendbarer Vorschriften kommt. Wo die Moralistik nämlich ihr Werk beendet glaubt, nach der Verkündung ihrer sakramentalen Gebote und Verbote, beginnt das Problem erst. Es zeigt sich, dass die Einhaltung eines Gebots zugleich die Verletzung dessen anderen nach sich zieht. Das Problem besteht nicht darin, sich über die moralischen Gebote im klaren zu sein, sondern in der Wahl zwischen mehreren solchen Vorschriften in einer Situation, in der jede Wahl Übel nach sich zieht. Man muss also wählen, was besser ist, was weniger Unheil stiftet. Aber wie wählen? Nach welchen Normen?

In der Moderne zeichnen sich die Biographien der Menschen durch Widersprüche, Ambivalenzen, Brüche, Risiken und Kontingenzen aus, von denen noch nicht heraus ist, ob sie zum Schlechteren oder zum Besseren ausschlagen werden. So bahnt sich eine neue Art von Ethik an, die aber noch nicht verbindlich allgemein geworden ist, eben weil dieses Allgemeine noch gar nicht richtig zum Vorschein gekommen ist. Dieses neue, noch unterirdisch verlaufende Allgemeine existiert aber nur als Vorgriff in den individuellen Umbrüchen und so sind die Individuen mit der Beurteilung der Situationen in ihrem Leben auf ihren subjektiven Interpretationsrahmen angewiesen.

Diese Konflikte können nun wiederum einen ausgezeichneten Stoff für realistische "Komödiendramen" liefern, wie Georg Lukács seinerzeit schon an Lessings "Minna von Barnhelm" gezeigt hat:

Es gibt kein starres Oben und Unten der Moralität, sondern ein sehr bewegtes Auf und Ab. (...). Dieses Auf und Ab von moralischem Recht und Unrecht ist das entscheidende Kompositionsprinzip dieser Komödie. Sie liegt gerade darin, die moralische Fragwürdigkeit abstrakt moralischer Prinzipien, Gebote und Verbote in konkreten Entscheidungslagen immer wieder ins Licht zu rücken. (...). Es liegt im Wesen der Komödie, dass jeder dieser Moralisten jeweils Unrecht haben muss. (...). Die ganze, höchst eigenartige Komposition (...) beruht gerade auf diesem ununterbrochenen Umschlagen der abstrakten Moral in menschlich konkrete, individualisierte, aus der jeweiligen Lage entspringenden Ethik. Die Dialektik von Moral und Ethik (...) ist das Fundament aller echten Konflikte. Ein Konflikt kann nur dann entstehen, wenn die allgemeinen moralischen Gebote und Verbote miteinander in Gegensatz geraten. Der Konflikt wird akut, wenn die Menschen in die Alternative zwischen einander bekämpfenden moralischen Systeme gestellt werden und hier eine Wahl zu treffen und aus ihr alle Konsequenzen zu ziehen gezwungen und bereit sind.

Diese Probleme, Tendenzen und Widersprüche menschlichen Lebens in einer im Umbruch begriffenen Gesellschaft wurden wie mit einem Brennglas in den Charakteren von "Ally McBeal" gebündelt und für den Zuschauer auf realistische Weise anschaulich gemacht. Denn zumindest bis zum Ende der zweiten Staffel waren die Figuren keine postmodernen, bis ins Absurde verzerrte Charaktermarionetten und Daseinsminiaturen, die mit möglichst blödsinnigen Spleens das Gärtlein ihres kümmerlichen Rest-Ichs umzäunten, sondern echte Menschen, die die Widersprüche zwischen einer noch unausgereiften sozialen Praxis und einer vorauseilenden ideellen Lösung der daraus resultierenden gesellschaftlichen Konflikte in ihrem Leben auszuhalten versuchten.

Darüber hinaus wurden bei Ally McBeal vor allem in den Gerichtsszenen nicht nur die Probleme von Moral und Ethik, sondern damit verbunden auch die von Besonderem und Allgemeinen, von Individuum und Gemeinwesen in konzentrierter Form veranschaulicht. Schon Aristoteles hatte in der "Nikomachischen Ethik" herausgearbeitet, dass zur Gerechtigkeit zwei Aspekte gehören: Das Recht und die Billigkeit. Billigkeit ist das Vermögen, im Einzelfall gerecht zu entscheiden. Recht ist die allgemeine Regel, die aber für den Einzelfall nicht ausreicht. Recht als statische, abstrakte Gerechtigkeit ist eine Grundlage der Gerechtigkeit, aber die praktizierte Gerechtigkeit ist mehr als das geschriebene Recht. Es gibt den Abstand von Gesetz und konkretem Fall. Die Tatsachen machen jeden Fall anders. Deshalb kann, wenn man sich zu eng an die Buchstaben des Gesetzes hängt, aus Recht Ungerechtigkeit entstehen. Also muss es etwas anderes geben als das in Paragraphen gegossene Recht und diesen anderen Bestandteil der Gerechtigkeit gibt Aristoteles an: die Billigkeit. Diese bedeutet Abwägen der Fakten als Korrektiv zum Recht selbst. Gerechtigkeit ist also nicht mit Recht allein gleichzusetzen. Recht ist kodifiziert allgemein. Es gilt für jeden ohne Rücksicht auf die Person. Um im konkreten Einzelfall adäquat Recht zu sprechen, ist also noch ein anderes Instrument der Gerechtigkeit notwendig: Die Billigkeit. Diese ist nicht nur eine Korrektur des Rechts, sondern auch besser als das Recht, weil es dem Einzelfall angemessener ist.

Ich habe gekündigt. Mir blieb gar nichts Anderes übrig. Wenn ich schon keine Würde hatte, musste ich doch wenigstens so tun als ob.

Ally McBeal

Bei Ally McBeal nun, wo es in recht lustiger Weise um die Fragwürdigkeit der Anwendung abstrakter Moralprinzipien in konkreten Lebenslagen geht, wo jede Position für sich gesehen zwar Recht hat, der eine Standpunkt aber mehr im Recht sein kann als der andere, wird nun genau in dieser Weise verfahren: Der menschlichste Standpunkt wird als der vernünftigste und der Bedingung der Möglichkeit menschlicher Selbstentfaltung günstigste gegen das abstrakte Recht verteidigt. Es gilt ein Gemeinwesen zu erschaffen, das sich nicht noch mehr von den Subjekten trennt, sondern ihnen mehr Handlungsmöglichkeiten und Reaktionsweisen bietet. Diese Vermittlungsstrukur von Besonderem und Allgemeinen, Individuum und Gesellschaft wird aber nicht nur in den Gerichtsverhandlungen, sondern auch innerhalb der Handlung bei Ally McBeal insgesamt deutlich.

Die Haupt- und Nebenhandlungen stehen immer in Bezug zueinander, sie trennen und ergänzen sich, und der Haupthandlungsstrang spiegelt sich auch in den Nebenhandlungen wider. Ich bin versucht, dieses Kompositionsprinzip der Handlung mit der hopsenden Grazie eines im ästhetisch ansprechenden Wackelgang sich befindlichen, von pantheistischen Gleichmut beseelten Popos zu vergleichen: als nach vorne drängende Zick-Zack-Bewegung, als das dynamische Gebilde und Fließgleichgewicht von einander abgegrenzten und ergänzenden Teilen, die sich in symmetrischen Formen bewegen und doch - um im Bilde des Hinterns zu bleiben: seitliche - Sprünge zu machen imstande sind, die aber wiederum in innerer Korrespondenz mit der sich durch die Widersprüche sich selbst bewegenden Harmonie des Gesamtbildes stehen, so dass sich also Dissonanzen und Harmonien zu einer übergeordneten Einheit ergänzen: Als reizendes, gleichberechtigtes Gegen- und Miteinander verschiedener aber für den Betrachter gleich lieblicher Positionen.

Die Handlung und damit verbunden die Menschen bei Ally McBeal sind wie Musik. Aber nicht wie irgendein Musikstück, sondern wie all die Soul-Hymnen, die bei Ally McBeal wie die Sahne zum Cappuccino gehörten: "YouŽre the first, the last, my everything" von Barry White, ein Lied von Gladys Knight oder ein Stück von Al Green, wo keine Note verschwendet ist, sondern alle Noten in mozartianischer Gleichrangigkeit frei zu schweben scheinen. Und keiner drückt das besser aus als Al Green als Richter-Vision von Ally in seinem Lied "Keep on pushing love":

Every child deserves for his voice should be heard by all mankind

Und so gab es, last but not least, in den ersten beiden Staffeln von Ally McBeal massenhaft ausgezeichnete Soulmusik zu hören, die eine tragende Funktion innerhalb der Handlung innehatte. Die Musik illustrierte nicht nur die Gedanken von Ally McBeal, sondern wurde auch mehr und mehr als Traum von einem besseren Leben zum Kommunikations- und Identifikationsmedium unterschiedlichster Menschen, zu einer Art Rettungsboot und Leuchtturm für seelisch in Seenot Geratene. Und sie erinnerte an das utopische Amt der Kunst überhaupt: Die Welt der Menschen ist ihre eigene, von ihnen selbst gemachte, und es liegt deswegen "nur" an ihnen selbst, diese in ihrem Sinne zu korrigieren. Ally:

Mein Großvater hat mir mal gesagt, dass sich die Würde eines Menschen nach seiner Fähigkeit bemisst, die Würde eines anderen zu erkennen.

Goodbye, Ally McBeal! (Reinhard Jellen)