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Ab 2007 gelten die Richtlinien für die Nachhaltigkeitsberichte GRI G3 - noch freiwillig

"Offshoring" heißt auf neudeutsch der Versuch von Firmen, ihre Produktionsstätten ins Ausland zu verlegen, um Umwelt- und Arbeitsrechtauflagen zu Hause zu entkommen. Verbraucher, die diese Produkte kaufen, unterstützen die Untergrabung des heimischen Arbeitsmarkts. Die Firmen behaupten, sie würden dabei zur Entwicklung von unterentwickelten Länder beitragen, aber Kritiker meinen, dies geschehe nur, wenn dort ein Mindestmaß an Standards eingehalten wird. Doch wer kontrolliert das? Über solche Standards wie GRI G3 sollen die Firmen zumindest scharz auf weiß versichern, dass der Schwarze Peter nicht einfach ins Ausland geschoben worden ist.

"Das volle Spektrum des Wertes einer Firma kann nur begriffen werden, wenn man außerhalb des kleinen Spektrums von heutigen Finanzberichten schaut." So wollte Al Gore in seiner Rede in Amsterdam das Verhältnis zwischen Finanzzahlen und Nachhaltigkeitszahlen verstanden haben: Das Finanzielle ist das kleine Spektrum des sichtbaren Lichts, die Sozial- und Umweltzahlen das viel größere Spektrum, das man nicht sofort ohne Hilfsmittel wahrnimmt.

Bis 1996 galt Nike als beispielhaftes Unternehmen der New Economy. Die Produkte wurden von einem Designerteam in den USA entworfen und von Zulieferern im Ausland billig hergestellt - geistiges Eigentum statt kapitalintensiver Produktion. Doch die Marke geriet im Nu in Verruf, als eine Zeitschrift 1996 darüber berichtete, dass die Fußbälle von Nike von einem Zuliefer in Pakistan hergestellt wurden - und zwar von Kinderhand.

Seitdem passen gerade die multinationalern Firmen besser auf, schließlich ist eine gute Marke die halbe Miete. 1996 war BP - damals noch British Petroleum - der erste Ölmulti, der den Klimawandel akzeptierte. BP investierte in Solar und firmierte um: Seit 2000 steht BP für "Beyond Petroleum", und das neue Logo erinnert zugleich an die Sonne und an eine Sonnenblume.

Die Kritiker ließen nicht lange auf sich warten: Das Wort "greenwashing" wurde geprägt - große Firmen würden durch geschicktes Marketing versuchen, ihr schmutziges Image zwar nicht weiß, aber "grün" zu tünchen. Die Kritiker wollten messbare und belastbare Ergebnisse sehen. 1997 wurde die Global Reporting Initiative (GRI) gegründet, die ersten Richtlinien wurden 2000 veröffentlicht und 2002 überarbeitet.

In Amsterdam kamen im Oktober Politiker wie Al Gore, Vorstände von Firmen wie Nike oder Shell, sowie Vertreter von Investmentfonds und NGOs zusammen, um die neuen G3-Richtlinien für Nachhaltigkeitsberichte zu verabschieden und zu diskutieren. Deutschland spielte dabei eine besondere Rolle: Deutsche sind nicht nur fleißige Leser von solchen Berichten (nur die Amerikaner lesen sie öfter), sondern produzieren auch meist die Software dafür. Dabei erstellen ironischerweise die wenigsten deutschen Unternehmen einen Nachhaltigkeitsbericht; sogar das kleine Finnland produziert mehr GRI-Berichte.

Wildwuchs adé

Was die International Financial Reporting Standards (IFRS) für die Jahresberichte börsennotierter Firmen sind, das sind die seit Anfang Oktober geltenden G3 für sogenannte Nachhaltigkeitsberichte. Die IFRS wie übrigens auch auch §§ 289 und 315 des deutschen Handelsgesetzbuchs schreiben vor, dass alle "extra-finanziellen" Indikatoren, die die finanzielle Lage eines Unternehmens verändern können, offengelegt werden müssen. Doch bis jetzt muß kein separater Bericht dazu erstellt werden.

Heute erstellen manche Firmen sogenannte Corporate Governance Reports oder auch Umweltberichte oder beides. Die GRI G3 ist ein Versuch, diesem Wildwuchs ein Ende zu machen. Ab jetzt soll es nur noch "Nachhaltigkeitsberichte" geben, die sowohl soziale Elemente wie Arbeitsbedingungen für Mitarbeiter als auch Umweltthemen wie Emmissionen behandeln.

Wie man diese Berichte auch immer nennt, für eine wachsende Zahl von "Stakeholdern" - Aktienhalter und Mitarbeiter, aber auch Kunden und sogar Nachbarn von Fabriken - sind diese Informationen wichtiger als die Finanzzahlen. Mervyn King, der ehemalige Vorstand vom südafrikanischen Bergbauunternehmen Anglo American und seit dem 11. Oktober der neue Vorsitzende der GRI, erklärte auf der Konferenz, weshalb diese nicht-finanziellen Zahlen auch das Management aufhorchen lassen sollten: "Ich verstehe 'nachhaltig' vor allem in Bezug auf die Firma. Ich möchte als Anleger wissen, ob diese Firma überleben kann."

Südafrika und Deutschland sind aufschlußreiche Beispiele für die Entwicklung solcher Berichte. Deutschland geniesst seit dem Zweiten Weltkrieg einen eher guten Ruf: relativ wenig Ausbedeutung der Arbeitnehmer und der Umwelt.

In Südafrika dagegen haben solche Berichte eine lange Tradition. Laut Philip Armstrong von der International Finance Corporation gab es einen dirkten Zusammenhang mit der Apartheid: "Wollte eine südafrikanische Firma exportieren, musste sie beweisen, dass sie gut mit ihren Arbeitnehmern umging." 2003 wurde am Johannesburg Securities Exchange der "Socially Responsible Investing Index" eingeführt. Dort gelistete Firmen müssen seitdem nicht nur ihre Finanzzahlen offenlegen.

Der deutsche Mittelstand

Australien und Japan überlegen sich, die GRI G3 für die Börse vorzuschreiben. Auch viele Kleinaktionäre überall auf der Welt wollen nicht warten und rufen ihre Firmen dazu auf, ihre Geschäftsethik in Zahlen auszudrücken, und es kommen immer mehr Fondsmanager wie Mervyn King hinzu. So wurde am Ende der Konferenz der S&P 500 Index von US-Großinvestoren dazu aufgefordert, die GRI G3 zwingend zu machen. Langfristig geht man davon aus, dass alle großen Aktienmärkte die GRI zwingend vorschreiben werden.

Im Augenblick werden die GRI G3 von mehr als 1000 Firmen weltwelt angewandt, aber keine 50 von ihnen sind aus Deutschland. Die USA schneiden sogar schlechter ab, wenn man die Zahl der Aktiengesellschaften bedenkt: Rund 100 US-Firmen wenden die GRI-Richtlinien an. Mehr berichtende Firmen kommen beispielweise aus Spanien und der UK.

Man hat aber nicht umsonst eher die Multis im Visier: Die Erstellung von GRI-Berichten kommt so teuer wie die von Finanzberichten, und schon die erstellen Mittelständler meist gar nicht. Für mittelständische Unternehmen gibt es deshalb das High5!-Handbuch, quasi die abgespickte Version. Es soll 2007 an die neuen G3-Reichtlinien angepasst werden. Spanische Apothekern, die wie ihre Kollegen in Deutschland teilweise ums Überleben kämpfen, haben 2006 eine Kampagne gestartet, um das High5!-Handbuch für sich einzuführen - die Apothekern wollen damit zeigen, dass sie insgesamt besser für ihre Gemeinden als etwa online-Bestelldienste sind.

Die GRI sind für deutsche KMU aus drei Gründen interressant - erstens aus der Sicht der Software, denn 3 der 8 Softwareaussteller auf der Konferenz kamen aus Deutschland: Technidata, PE Europe und SAP. Deutsche KMU stehen zweitens oft in der Lieferkette von Großunternehmen. Drittens wären exportorientierte Firmen gut beraten, auf Trends unter den Kunden im Ausland aufzupassen. Der boomende Markt in China ist vielleicht nicht für seine Umweltstandards bekannt, aber die Kunden dort sind offenbar zunehmend anspruchsvoll: Laut einer im Auftrag von Greenpeace durchgeführten Studie sind sie bereit, 158 US Dollar im Schnitt mehr für einen PC auszugeben, wenn dieser umweltfreundlich ist - das ist Weltspitze.

Neuland

Für die GRI bleibt aber noch viel zu tun. Noch sind ihre Standards nirgends zwigend wie die IFRS für Finanzberichte. Außerdem ist noch keine unabhängige Verifizierung wie finanzielle Audits vorgeschrieben. Auch hier tut sich ein ein breites Feld für KMU auf, denn die Wirtschaftsprüfer kennen sich oft gar nicht aus, wenn es bei den Zahlen plötzlich um soziale Aspekte und Umweltthemen geht. Man betritt hier Neuland: "Keiner von uns hat eine Ausbildung in dieser Materie", gibt GRI-Vorstand King zu.

Die GRI verteidigt die heutigen Standards auch ohne Audit mit der Begründung, dass berichtende Firmen nicht sagen können, sie hätten nichts gewußt. Andererseits sorge die bloße Erstellung des Berichts dafür, dass diese Themen intern mehr Aufmerksamkeit bekommen. "Die Berichterstattung ist ein Prozess, der Anfang eines Dialogs unter allen Stakeholdern", erklärt Judy Henderson, die ausscheidende Vorstandsvorsitzende von GRI.

Alle Konferenzteilnehmer schienen sich in einem Punkt einig: Langfristig darf es nur einen Bericht geben, der den Wert der Firma widerspiegelt. Hugh Scott-Barrett, Finanzvorstand der ABN AMRO Bank, meinte in seiner Rede, dass es "nicht sinnvoll ist, getrennt zu berichten." Seine Bank produzierte allein letztes Jahr insgesamt 661 Seiten in insgesamt drei Berichten - wer soll das alles lesen? Laut Achim Steiner, Exekutivdirektor des UNEP, verlangt die Allgemeinheit zwar nach solchen Berichten, aber die breite Masse wird sie nicht lesen. Stattdessen wird die Presse über diese Berichte zusammenfassend schreiben.

Auch Sir Moody-Stuart, der ehemalige Vorstand von Shell, glaubt nicht, dass Kunden oder Aktionäre einen 200-seitigen Nachhaltigkeitsbericht lesen würden, sondern dass diese Informationen eher durch NGOs und Aktivisten ("watch dogs") durchsickern würden. Ernst Ligteringen, Geschäftsführer von GRI, fügt hinzu: "Wenn man solche Berichte liest, ist bereits etwas schiefgegangen." Die Kunst wird also langfristig darin bestehen, Finanzen mit Sozial- und Umweltaspekten auf knappem Raum zu vereinen. Dann wären, so spotten manche, die Nachhaltigkeitsberichte genauso belastbar und aussagekräftig wie die Finanzberichte. (Craig Morris)