Das unbegreifliche Desinteresse an den Genesenen

Abwägung

Für jede Impfempfehlung ist sinnvollerweise eine Schaden-Nutzenabwägung vonnöten, das heißt die Daten der klinischen Studien werden auf den Vorteil der Impfung für den Einzelnen geprüft (also im Vergleich zur Wahrscheinlichkeit und Schwere der Erkrankung) und auf der anderen Seite der Waage wird die Wahrscheinlichkeit und Schwere von möglichen Impfnebenwirkungen abgewogen.

Anschließend wird je nach Abwägung eine Impfung empfohlen oder nicht. Aufgrund der klinischen Studien zu den verschiedenen Impfstoffen, die gegen Sars-CoV-2 eingesetzt werden, und den national gemeldeten Nebenwirkungen, erscheint eine Schaden-Nutzen-Abwägung für Menschen, die noch nie mit der Krankheit in Berührung gekommen sind, relativ klar. Sowohl die Wahrscheinlichkeit als auch die Schwere der Erkrankung lassen sich aus den Erfahrungswerten relativ gut ablesen, ebenso wie die Nebenwirkungen.

Die Schaden-Nutzenabwägung erweist sich bei Genesenen aber vermutlich deutlich komplexer. Zum einen liegen kaum Daten für die Wahrscheinlichkeit einer Reinfektion vor, noch über die zu erwartenden Schwere der Erkrankung. Wie genau soll also der Nutzen berechnet werden?

Da man zudem die Nebenwirkung der Impfung nicht im Hinblick auf die Genesenen differenziert, lassen sich kaum Erkenntnisse darüber ableiten, wie hoch ein möglicher Schaden wäre. Wie also für Genesene eine Schaden-Nutzenabwägung genau möglich sein soll, erscheint somit nicht selbstverständlich.

Das RKI schreibt zu dieser Frage im Epidemiologischen Bulletin 25/21 lediglich (bezugnehmend auf vier Studien):

Es gibt jedoch keine Hinweise darauf, dass die Impfung von Genesenen eine relevante Gefährdung darstellt.

RKI

Anfragen von Telepolis an die Stiko und an das Paul-Ehrlich-Institut im Hinblick auf die wissenschaftliche Begründung der Impfempfehlung für Genesene, die über die Darstellung im Epidemiologischen Bulletin hinausgehen, blieben unbeantwortet.

Die Empfehlung lautet: Nach sechs Monaten soll ein Genesener sich impfen lassen, ansonsten wird er als Ungeimpfter gezählt.

Fokus auf Impfpflicht. Desinteresse an Genesenen

Betrachtet man die gegenwärtige Krise, die nun seit März 2020 die Welt in Atem hält, erstaunt es, dass politische Entscheidungsträger, die immer das Primat der Wissenschaftlichkeit betonen, ein derart eklatantes Desinteresse an den Millionen Genesenen an den Tag legen. Es gibt, wie dargelegt, zu keiner relevanten Frage aussagekräftige Zahlen.

Hinter diesem Desinteresse, das von einem ausgrenzenden Fokus auf die Impfung und die Erhöhung der Impfquote als Lösung begleitet wird, mag ein schön einfach zu vermittelndes Narrativ stecken. Inwiefern aber ein derartiges Desinteresse an der tatsächlichen Datenlage Ausdruck einer wissenschaftlichen Herangehensweise ist und damit den optimalen Weg aus der Krise ebnet, bleibt ein Rätsel.

Hoffnungsschimmer?

Auf Nachfrage von unsrer Seite betont das DIVI im Hinblick auf die Erfassung von Genesenen im Krankenhaus, dass "derzeit an der technischen Umsetzung (gearbeitet wird), nachdem diese Zahlen mit der im November aktualisierten 'DIVI-Intensivregisterverordnung' nun ebenfalls im Intensivregister abgefragt werden sollen. Wir rechnen in einigen Wochen mit ersten Zahlen, haben hierzu aber zum jetzigen Zeitpunkt noch nichts vorliegen".

Das wäre nach 20 Monaten Krise endlich ein erster Schritt zur sinnvollen Berücksichtigung der Genesenen. Eine Anfrage von Telepolis an den neuen Gesundheitsminister Karl Lauterbach, ob er seiner eigenen Aussage nun Folge leisten würde, mithilfe einer "interessanteren Nutzung" der Antikörpertests könne er sich durchaus eine Verlängerung der offiziellen Schutzzeit von sechs Monaten für Genesene vorstellen, blieb bisher unbeantwortet. (Andreas von Westphalen)