"Das ist ein Teil unserer Kultur"

Wissenschaftler fordern ein Ende beim grausamen jährlichen Abschlachten von Zehntausenden von Delfinen und kleinen Walen in Japan

Im November beginnt an einigen Orten von Japans Küsten jährlich eine von der Regierung ausdrücklich gebilligte Treibjagd auf Delfine und kleine Wale, darunter auch geschützte Arten. Zu Tausenden werden sie nach angeblich altem Brauch in Buchten getrieben und dort in einem grausamen und blutigen Spektakel mit Messern abgeschlachtet. Neben Delfinen trifft es Pilotwale oder kleine Schwertwale. Takumi Fukuda von der japanischen Botschaft in Washington, verteidigte die Schlächterei als „Teil unserer Kultur“ und erklärte, dass dieses Jahr insgesamt 21.000 Delfine getötet würden, um die 15.000 seien es jetzt bereits.

Mit Brauch hat das nur noch insofern zu tun, als die Delfine, sind sie einmal zu Dutzenden und Hunderten durch Lärm und Netze mit Booten ans Ufer getrieben worden, mit Messern bearbeitet werden, so dass sie langsam und qualvoll verbluten und das Wasser sich rot verfärbt. Manchmal werden sie mit Stricken hochgezogen, so dass ihre Wirbelsäule aufgrund ihres Gewichts, wenn sie aus dem Wasser kommen, bricht. Das sei, so Paul Boyle, ein früherer Direktor des New York Aquariums und Leiter des Ocean Project, „unbeschreiblich schmerzvoll“.

Manche Tiere werden gefangen und an Aquarien verkauft, um die Jagd zu finanzieren. Das Fleisch der Tiere wurde früher von den Japanern als Delikatesse verzehrt. Aber jetzt mögen auch die meisten Japaner das Fleisch nicht mehr, so dass die abgeschlachteten Tiere als Tierfutter oder Dünger enden, so dass die Jagd nicht nur grausam ist, sondern eigentlich auch keinen Zweck hat. Dass auch in Japan das Fangen von Walen - eben ist eine Flotte in die Antarktis ausgefahren, um 1000 Wale zu töten - und das Abschlachten der Delfine und kleinen Wale nicht mehr allgemein als begrüßenswerte Tradition gesehen wird, dürfte sich daran zeigen, dass die Schlächter ihre Jagd gerne hinter Plattformen mit Segeln vollziehen, um nicht gesehen zu werden.

Für Fukuda ist das ganz normal, niemand würde „eine Tötungsszene der Öffentlichkeit zeigen“ wollen. Das Töten aller Tiere enthalte eine „gewisse Grausamkeit“. Man habe aber dafür gesorgt, dass die Zeit, bis die Wale sterben, verkürzt werde. Allerdings gehe man in Japan davon aus, dass „die Ressourcen der Meere auf eine anhaltenden Weise gebraucht werden sollten“.

Seit langem wird die grausame Praxis nicht nur von Tierschützern, sondern auch von Wissenschaftlern kritisiert und ein Verbot gefordert. Man habe versucht, Regierungsmitglieder durch wissenschaftliche Ergebnisse über die Delfine, vor allem auch über ihre großen Gehirne, ihre Intelligenz, ihr soziales Verhalten zu informieren. Weil das alles zu keinem Ergebnis geführt hatte, haben viele Wissenschaftler zum weltweiten Protest aufgerufen und eine Petition End Dolphin Slaughter in Japan gestartet, um durch möglichst viele Unterschriften und breitere Aufmerksamkeit Druck auf die japanische Regierung auszuüben. 58.000 Unterschriften wurden bereits gesammelt, Ziel sind 100.000, was nicht schwer zu erreichen sein dürfte.

Hauptargumente der Wissenschaftler sowie der World Association of Zoos and Aquariums (WAZA) sind, dass Treibjagden „bei hoch intelligenten, selbstbewussten und sozial komplex lebenden Tieren unglaubliche Scherzen und Leiden bewirken“. In einer Erklärung wird die „unmenschliche Behandlung und Tötung“ der Tiere beklagt und auch verurteilt, dass Tiere weiter an Aquarien und zu Schauzwecken verkauft werden.

Überdies wird darauf hingewiesen, dass die Delfine die größten Gehirne relativ zu ihrer Körpergröße haben und hier an zweiter Stelle nach dem modernen Menschen stehen. Die Gehirne seien sogar stärker gefaltet als menschliche Gehirne. Die Größe der Oberfläche sei mit der Komplexität der kognitiven Fähigkeiten verbunden. Große Tümmler sollen, wie Studien gezeigt haben, auch ihr Spiegelbild erkennen, was als Zeichen von Selbstbewusstsein gilt. Und Delfine können abstrakte Begriffe sowie Tausende von „Sätzen“ aus Gesten verstehen, sie können an vergangene Ereignisse wie Menschen und Menschenaffen erinnern und haben soziale Traditionen und Kulturen sowie starke familiäre Beziehungen. (Florian Rötzer)